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In 35 Kommunen sind die Chefposten in den Rathäusern neu zu vergeben / Manche Kandidaturen muten ungewöhnlich an

Rathaussessel
Super-Sonntag mit Bürgermeisterwahl

Mathias Hausding / 21.09.2017, 20:46 Uhr - Aktualisiert 21.09.2017, 20:54
Potsdam (MOZ) Am Sonntag ist nicht nur Bundestagswahl. In allen Landkreisen außer dem Barnim werden zudem Bürgermeister gesucht. Insgesamt 112 Frauen und Männer bewerben sich um 35 Rathaussessel - etliche ungewöhnliche Kandidaturen inklusive.

Brandenburg könnte am Sonntag seinen ersten sehbehinderten Bürgermeister bekommen. Georg Hanke tritt in Königs Wusterhausen für die SPD an. Der 48-Jährige, seit langem Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung, ist fast vollständig blind. Auch einer seiner Mitbewerber in der Stadt im Kreis Dahme-Spreewald ist ein interessanter Mann. Swen Ennullat, der sich in den vergangenen Jahren den Ruf eines Querulanten im positiven Sinne erworben hat, wird von den Freien Wählern ins Rennen geschickt. Der 40-Jährige hatte als Verwaltungs-Mitarbeiter der Stadt 2013 einen Skandal um die Abrechnung von Kita-Kosten aufgedeckt. Statt ihn dafür zu loben, setzte ihn die Stadtspitze vor die Tür. Wenn er nun als Bürgermeister zurückkehrt, wäre das natürlich eine besondere Pointe.

Bislang einmalig in der Landesgeschichte ist auch, dass ein Sohn seinen Vater direkt als Rathauschef beerben könnte. Hans-Joachim Laesicke (SPD) nimmt in Oranienburg nach 24 Jahren im Amt seinen Hut. Mit dem Segen des Vaters ist nun der 38 Jahre alte Alexander Laesicke einer von acht Kandidaten um den Posten in der boomenden 45 000-Einwohner-Kommune in Oberhavel. Pikant auch: Der in der Stadt sehr angesehene Laesicke junior tritt als Parteiloser an und nicht etwa als SPD-Genosse wie sein Vater.

Richtig kurios ist es in Wriezen. Dort tritt jemand an, der offenbar gar nicht gewinnen will. In einer seiner wenigen Wortmeldungen erklärte der langjährige parteilose Bürgermeister Uwe Siebert jüngst, dass er antrete, um sich Versorgungsansprüche zu sichern. Fragen zur Zukunft der Stadt, die diese Zeitung allen drei Bewerbern ums Amt geschickt hatte, ließ er demonstrativ unbeantwortet.

Das Besondere am Fall Siebert: Der 62-Jährige ist seit 1989 Bürgermeister, allerdings mit einer Unterbrechung. Anfang der 1990er-Jahre wurde er wegen seiner Stasi-Vergangenheit abgewählt, dann aber doch wieder von den Bürgern ins Amt gehoben.

Ob er tatsächlich mit Blick auf Versorgungsansprüche einen Nachteil hat, wenn er jetzt abtreten würde, ist umstritten. "Meiner Meinung nach nicht, aber er glaubt, dass es eine wacklige Kiste ist", sagt dazu Karl-Ludwig Böttcher, der Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds. "Dennoch arbeiten wir an einer neuen rechtlichen Regelung. Bürgermeister sollen keine Nachteile haben, wenn sie nach mindestens zwei Wahlperioden, also 16 Jahren, nicht noch einmal antreten", erklärt Böttcher. Die jetzige Situation um Siebert schade der Wahl, räumt er ein.

Kaum auszudenken, was geschieht, wenn die Wähler ihm am Sonntag doch noch einmal das Vertrauen schenken sollten.

Auch im Süden des Landes geschehen indes Dinge, die sicher nicht im Sinne des Erfinders der Demokratie sind. Sowohl in Falkenberg als auch in Großräschen hat sich niemand gefunden, der den jeweiligen Amtsinhaber herausfordert. Aber auch ohne Gegenkandidaten müssen Herold Quick in Falkenberg und Thomas Zenker in Großräschen (beide SPD) erst noch wiedergewählt werden. "Sie müssen das Quorum erfüllen, also 15 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten auf sich vereinen", erklärt der Chef des Gemeindebunds.

Ein paar Neuerungen im Wahlrecht gibt es auch. So tritt in Bad Freienwalde mit der Lehramt-Studentin Leonie Schölzel von den Freien Wählern eine 20-Jährige zur Bürgermeisterwahl an. Das Mindestalter wurde von 25 auf 18 herabgesetzt. Zugleich wurde die Höchstaltersgrenze aufgehoben, bis zu der man noch zum hauptamtlichen Bürgermeister oder Landrat gewählt werden kann. Vorher lag sie bei 62 Jahren.

Dass sehr junge Leute zur Wahl zugelassen werden, sieht Karl-Ludwig Böttcher kritisch. Eine gewisse Verwaltungserfahrung sowie passende berufliche Qualifikationen seien schon sinnvoll, um in mitunter auch harten kommunalen Auseinandersetzungen bestehen zu können, findet er. Mahnend verweist er dabei auf das Beispiel Forst, wo sich 2015 der Biologielaborant Philipp Wesemann mit 25 zum Bürgermeister küren ließ und nun seit fast einem Jahr dauerkrank ist.

Lieber spricht Böttcher über Fritz Handrow, Brandenburgs dienstältesten Bürgermeister, der nun nicht noch einmal antritt. 28 Jahre lang hat der CDU-Mann die Geschicke seines Heimatorts Kolkwitz bei Cottbus geleitet, der in diesen Jahrzehnten zu einer prosperierenden 10 000-Einwohner-Gemeinde wurde. "Ein verdienstvoller Mann, den wir auf unserer nächsten Mitgliederversammlung noch einmal ausgiebig würdigen werden", so Böttcher über den 66 Jahre alten Handrow.

Viel Spannung ohne Kuriositäten verspricht das Rennen in Eisenhüttenstadt. Kann die durchsetzungsstarke, aber vielleicht gerade deshalb nicht unumstrittene Dagmar Püschel von den Linken ihren Posten verteidigen? Und wer geht in Bad Freienwalde aus dem ewigen Streit um den Heilbad-Status und den damit verbundenen Abriss einer Straßenbrücke als Sieger hervor?

Die SPD-Landtagsabgeordnete Jutta Lieske gilt als aussichtsreichste Konkurrentin des parteilosen Amtsinhabers Ralf Lehmann. Oder ist doch Leonie Schölzel die lachende Dritte? Sie ist nämlich die einzige Kandidatin, die die Brücke erhalten will.

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