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Eiweißbombe Soja
Raus aus dem Mauerblümchen-Dasein

Qualitätskontrolle in Münchberg
Qualitätskontrolle in Münchberg © Foto: dpa
dpa / 01.10.2017, 12:08 Uhr
Müncheberg (dpa) Großer Eiweißanteil und geeignet für die Verfütterung an Tiere: Soja kommt sogar als Fleischersatz auf den Tisch. Die Perspektiven sind gut. Doch der Anbau steckt noch in den Kinderschuhen. Deutsche Bauern tun sich schwer damit.

"Klick, klick, klick": Das Geräusch zeigt, die Sojabohne ist fast reif. Die trockenen Kugeln kullern in den behaarten braunen Schoten herum, wenn sie in der Hand geschüttelt werden. Auf dem Forschungsacker in Müncheberg östlich von Berlin rücken bald Mähdrescher an. Das Laub an den etwa einem Meter hohen Pflanzen ist bereits abgetrocknet. Die neue Ernte wird eingebracht. Soja ist immer gefragter: für die Verfütterung an Tiere, aber auch für die menschliche Ernährung wie für die Herstellung von Tofu.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Destatis wurden 2015 rund 3,8 Millionen Tonnen importiert, aus Südamerika und China. Da die Verbraucher wollen zunehmend Produkte aus der Region wollen, hat der Soja-Anbau hier durchaus Chancen.

"Doch es gibt noch keinen richtigen Durchbruch. Die Zahlen sind ernüchternd", sagt Johann Bachinger, Projektleiter Soja-Anbau am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. So ist denn auch der Anbau von Sojabohnen in Brandenburg derzeit eher rückläufig: In diesem Jahr wurden sie auf 400 Hektar angebaut, 2014 waren es noch 1200 Hektar.

Europaweit wachsen Hülsenfrüchte wie Lupinen, Erbsen und Sojabohnen nur auf 1,7 Prozent der Agrarfläche. In Deutschland werden derzeit 19 000 Hektar Sojabohnen laut Deutschem Sojaförderring angebaut, vor allem in Süddeutschland läuft das erfolgreich.

Angesichts der vielen Vorteile der Pflanze sei das aber einfach zu wenig, meint Bachinger. Soja sei nicht nur ein 1a-Stickstofflieferant: Der Stoff werde aus der Luft aufgenommen und dem Boden als Dünger zur Verfügung gestellt. "Der Verbrauch an Stickstoffdünger lässt sich damit um gut die Hälfte reduzieren", erklärt der Wissenschaftler.

Dazu kommt nach Angaben von Bachinger der Eiweißgehalt von 40 Prozent. Zum Vergleich: Bei Lupinen liegt er bei 34 bis 39 Prozent und bei Mais bei gerade einmal bei 10 Prozent. "Mehr als beim Soja geht fast nicht", schwärmt der wissenschaftliche Mitarbeiter Moritz Reckling vom Multitalent Soja. Er untersucht seit 2014 in Feldversuchen im Institut, wie der Anbau systemisch verbessert werden kann.

Die Brandenburger Forscher suchen nun die ideale Anbauweise, die geeignetesten Sorten und die besten Möglichkeiten zur Verwertung. Unterstützt wird die Arbeit durch die vom Bund 2014 initiierten Eiweißpflanzenstrategie. Ziel ist unter anderem, die Eiweißversorgung aus heimischer Produktion zu sichern. Gerade ist das Projekt bis 2020 verlängert worden. 27 Millionen Euro Bundesmittel stehen insgesamt bereit.

Woran liegt es, dass der große Durchbruch bislang ausbleibt? Für die Pflanze sei es eine Herausforderung sich hier zu behaupten, erklärt Recklinger. Sie liebe Wärme, benötige bei großer Trockenheit Bewässerung und müsse möglichst unkrautfrei gehalten werden.

"Sojaanbau ist in Brandenburg ein schwieriges Geschäft", sagt Ulrich Böhm, Referent für allgemeine Agrarpolitik des Landesbauernverbandes. Die Ertragsunsicherheit sei einfach zu hoch, das Ertragsniveau zu niedrig. Zudem sei die Züchtung lange nicht sehr intensiv betrieben worden. "Mit mehr Ertragsstabilität wäre Soja auch sicher eine Pflanze für Brandenburg. Bislang ist es kein lohnendes Geschäft", meint er. "Der Anbau wird wohl vorerst eine Nische bleiben." Angesichts des Abbaus der Tierbestände sinke auch die Nachfrage nach Eiweißfutter.

Landwirt Georg Ludwig im Spreewald ist einer der wenigen in Brandenburg, die Soja anbauen. Seit 2008 steht bei ihm Futter- und Speisesoja auf dem Acker: anfangs auf nur gut 3 Hektar, heute auf zwischen 60 bis 80 Hektar. "Als ökologisch arbeitender Betrieb ist es wichtig einen natürlichen Stickstofflieferanten zu haben", sagt Ludwig, Geschäftsführer des Fehrower Agrarbetriebes in Schmogrow (Spree-Neiße). In Südbrandenburg passten die klimatischen Bedingungen mit den warmen Sommermonaten. "Wir liefern Öko-Soja und verdienen damit auch Geld. Sonst würden wir das nicht machen", betont er. Futtersoja gehe an Schweine- und Hühnerhalter, Speisesoja werde an einen Tofuhersteller in Süddeutschland verkauft.

Für die Produzenten von Tofu aus Berlin - in Brandenburg gibt es bislang noch keinen - ist es bislang fast aussichtslos, an Soja aus der Region zu kommen. "Wir brauchen stabile Mengen und eine Preisgarantie", sagt Sprecher Mateusz von der Berliner Tofu Manufaktur Soy Rebels, die jeden Samstag auf dem Wochenmarkt auf dem Berliner Kollwitzplatz einen Stand hat. Bislang beziehen sie Soja aus Süddeutschland.

Und die Aussichten für die Region? Soja-Forscher Bachingers Vision: In zehn Jahren sind reife Sojabohnen mit ihren klingenden Schoten keine Seltenheit mehr auf den Feldern. Die Erntefläche spielt dann auch in der Statistik wieder eine Rolle.

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