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Kunst
Malen gegen den Strich

Im Einklang mit seinem Werk: Osmar Osten posiert bei der Eröffnung seiner Ausstellung "Jagt in Öl" in der Galerie Bernau mit "Blumengeweih" vor einem seiner Hirschbilder.
Im Einklang mit seinem Werk: Osmar Osten posiert bei der Eröffnung seiner Ausstellung "Jagt in Öl" in der Galerie Bernau mit "Blumengeweih" vor einem seiner Hirschbilder. © Foto: Klaus Kleinmann
Klaus Kleinmann / 02.10.2017, 06:40 Uhr
Bernau (MOZ) Mancher Besucher von Osmar Ostens Ausstellung "Jagt in Öl", die am Freitag in der Galerie Bernau eröffnet wurde, hält sicher zunächst einmal verwirrt den Atem an, wenn er den Blick über die Werke des Chemnitzer Malers gleiten lässt. Was soll denn das? Und warum schreibt er "Jagt" und nicht "Jagd"?

In der Galerie hängt eine aktuelle Werkgruppe des Künstlers mit gut 20 Bildern, die alle mehr oder weniger mit dem Thema "Jagd" zu tun haben und daher meist in Grüntönen gehalten sind. Der Stil oszilliert munter zwischen Expressionismus, Naiver Kunst, Comic, Dada, Nonsense, Minimal Art, Surrealismus und Agitprop hin und her. Zudem sind die Bilder in Alla-Prima-Manier gemalt, was bedeutet, dass die Farbe betont flüchtig (böse Zunge würden sagen: schlampig) aufgetragen und danach keinerlei Korrektur mehr unterzogen wird. Die Bildgegenstände sind spärlich, eine Raumtiefe ist nicht zu erkennen. Sehr häufig wird Text in die Gemälde integriert, so etwa, als eine hirschähnliche Jagdbeute dem dunkelhäutigen Jäger das Wort "Neger" entgegenschleudert. Anderswo erscheinen neben einer hasenähnlichen Figur vor blutrotem Hintergrund die Worte: "Klassenkampf ist Kassenkampf". Dazu erhebt das Häslein die Axt. Bei Osmar Osten geht es zum Teil recht ruppig zu.

Man braucht mehr als einen Augenblick, um sich in dieser Bilderwelt zurecht zu finden. Eine Deutungsebene, die von Anke Paula Böttcher, einer Kuratorin der Ausstellung, angeboten wird, ist sicher die Kritik an den brutalen Methoden der Jagd. Immer wieder werden schießende Individuen und sich aufbäumende oder fliehende Tiere dargestellt. Aber es griffe viel zu kurz, die Bilder als Plakatentwürfe für den Tierschutzverein zu deuten. Warum würde sonst auf einem Bild der Jäger kopflos dargestellt, worauf der Hirsch "Kopf" sagt und der Jäger "Hoch" antwortet? Warum erschiene unter einem sitzenden Hasen ein brauner Fleck und die Schrift "Das Braune in uns"? Trotz vordergründig narrativer Malweise wird der Betrachter zum freien Assoziieren aufgefordert, und es kann als sicher gelten, dass die meisten Bilder auch im Stil des freien Assoziierens entstanden sind. Häufig zeigt sich die Tendenz zur - freundlichen - Verulkung des Publikums, denn Kunstpublikum will nun einmal verulkt werden und freut sich darüber, wenn beispielsweise auf einem Steg ein Hirsch sitzt, der versucht, einen unter Wasser laufenden Jäger mit der Angel zu erhaschen, oder wenn ein Häschen verkündet: "Ohne Drogen im Wald wird's an den Ohren kalt."

Nach einer etwas herben Eingewöhnungsphase fängt man an, Spaß an den skurrilen Einfällen von Osmar Osten zu finden und neigt dazu, dem Kurator Jens Milde zu glauben, dass sich Ostens Gemälde gar nicht schlecht verkaufen. Man kann es auch sehr gut nachvollziehen, wenn Matthias Zwarg, Leiter des Buchprogramms der Freien Presse Chemnitz, in seiner Laudatio sagt, Ostens Bilder hätten anarchistische Züge und zeigten die Absurdität der Welt. Man müsse sich den Bildern aussetzen, wie man sich nun einmal dem Leben aussetzen muss. Schon in DDR-Zeiten habe Osten als junger Künstler gegen den Strich gemalt, gegen die gerade Linie, schräg. Genau das tut er heute noch und kann sich der wohlwollenden Irritation seines Publikums sicher sein, denn wer zum nachdenklichen Schmunzeln gebracht wird, ist demjenigen dankbar, der das zuwege gebracht hat. Osmar Osten gelingt das spielerisch und mit scheinbar spielerischen Mitteln, hinter denen aber gleichzeitig ein gerüttelt Maß an Kalkül stecken dürfte.

Wenn man versucht, mit Osmar Osten ins Gespräch zu kommen, hat man den Eindruck, seine Rede sei genau wie seine Bilder: ruckhaft, sprunghaft, sprudelnd. Durch den Schleier seiner Worte hindurch nimmt man wahr, dass er keinerlei belehrende Tendenz verfolgt und sich keinem kohärenten Gedankengebäude verpflichtet fühlt. Er wolle den Menschen in seiner privaten Wesenheit ansprechen und anregen - und wäre oft am liebsten ganz alleine mit sich und seiner Bilderwelt. Er schnappt sich den Begrüßungsstrauß, hält ihn sich hinter den Kopf und posiert mit Blumengeweih vor einem seiner Hirschbilder - in wunderbarem Einklang des Künstlers mit seinem Werk.

Die Ausstellung "Jagt in Öl" ist noch bist zum 11. November in der Galerie Bernau, Bürgermeisterstraße 4, zu sehen. Sie wird von mehreren Veranstaltungen begleitet. Weitere Informationen erteilt die Leiterin der Galerie, Ann-Kathrin Rudorf, unter Tel. 03338 8068.

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