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An Deutschlands Grundschulen unterrichten kaum Männer / Es gibt erste Versuche, das zu ändern

Rollenvorbilder
Allein unter Frauen

Grundschullehrer Sebastian Wind, Sonnengrundschule Hennigsdorf
Grundschullehrer Sebastian Wind, Sonnengrundschule Hennigsdorf © Foto: MOZ
Michael Gabel / 04.10.2017, 19:52 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) Zu Hause, in der Kita, in der Schule - in der Kindheit dominieren oft die Frauen. Gerade Jungen fehlen nach Ansicht von Experten Rollenvorbilder. Es gibt Initiativen, die mehr männliche Lehrkräfte in die Schulen bringen wollen. Aber deren Effekt ist noch gering.

Es ist auch die Stimme. Sebastian Wind erzählt, wie er an einem seiner ersten Unterrichtstage an der Sonnengrundschule in Hennigsdorf (Oberhavel) etwas lautstark einen Schüler zurechtwies. "In der Pause haben mich dann Kinder aus anderen Klassen gefragt: ,Haben Sie mit dem Moritz geschimpft? Wir haben es in der ganzen Schule gehört'." Der Grundschullehrer lacht. "Als Mann hat man in gewissen Dingen schon eine andere Präsenz als Frauen, ganz unabhängig von der fachlichen Qualität des Unterrichts", sagt er.

In Deutschlands Grundschulen herrscht ein extremer Männermangel. Fünf von sechs Lehrkräften sind weiblich. Da auch in den Kitas fast nur Frauen beschäftigt sind, bekommen es viele Kinder bis zur Pubertät kaum mit Männern zu tun, zumal wenn die Mutter alleinerziehend ist. Forscher beklagen, dass vor allem Jungen Rollenvorbilder fehlen. Sie orientieren sich an älteren Geschlechtsgenossen - was vielen gar nicht gut bekommt.

"Männer als Vorbilder würden manche Jungen beflügeln", ist der Jugendforscher Klaus Hurrelmann überzeugt. Die größten Probleme gebe es seiner Meinung nach, wenn der Vater fehlt.

Doch auch Mädchen profitieren davon, wenn sie nicht in rein weiblicher Umgebung aufwachsen. Pädagoge Wind hat eine Achtjährige unterrichtet, die ohne Vater aufwuchs und deren Mutter mit der Erziehung überfordert war. "Als ihr die Federtasche herunterfiel, sah ich, dass ein ganzes Fach nur mit Schminksachen gefüllt war", erzählt der 35-Jährige. Das Beispiel zeige, wie sehr sich bei manchen Mädchen die Welt im Kreise dreht. "Würde in einer funktionierenden Familie ein Vater solche Sachen entdecken, würde er das kaum akzeptieren", vermutet der Lehrer.

Aber wie kann man mehr Männer für den Beruf des Grundschullehrers begeistern? Bei Sebastian Wind waren es die positiven Erfahrungen, die er während seines Zivildienstes als Helfer in einer Förderschule sammelte. Die Universität Hamburg setzt noch früher an und informiert Schüler über die Reize eines Studiums der Grundschulpädagogik.

Einen einfachen Weg, die Kollegien zumindest vorübergehend etwas mehr zu durchmischen, hat die Universität Bremen gefunden. Sie "vermietet" Lehramtsstudenten an die Einrichtungen. "Rent a Teacher", heißt das Projekt unter der Regie des Erziehungswissenschaftlers Christoph Fantini. Der sagt: "Wenn Kinder in der Kita und in der Grundschule nicht auf einen einzigen Mann treffen, entstehen stereotype Bilder in ihren Köpfen. Sie denken, Männer sind stark und machen was mit Maschinen. Frauen sind schlau, und deshalb können sie studieren und Lehrerin werden." Fantini will dieses Denken aufbrechen und zeigen, dass es ganz normal ist, wenn auch in den unteren Klassen Männer Kindern etwas beibringen, sei es in Arbeitsgemeinschaften oder im Schulunterricht.

Maresi Lassek, Bundesvorsitzende des Grundschulverbands, unterstützt diesen Ansatz. "Gerade in Ganztagsschulen bietet es sich an, Schüler von benachbarten Oberschulen Arbeitsgemeinschaften leiten zu lassen und so ihr Interesse am Beruf des Grundschullehrers zu wecken", sagt sie. Ihrer Einschätzung nach hätten männliche Pädagogen vielfach andere Interessen als ihre Kolleginnen. "Sie interessieren sich oft mehr für digitale Medien, für Handwerkliches, für Sport als Frauen. Das muss nicht immer so bleiben, aber bisher war das die Regel", berichtet sie von ihren Erfahrungen. Sie sieht auch unterschiedliche Weisen, den Unterricht zu gestalten. "Männer neigen schon dazu, ihren Schülern mehr Freiräume und mehr Selbstverantwortung zu geben als ihre Kolleginnen. Natürlich ist das von Fall zu Fall unterschiedlich, aber eine solche Tendenz sehe ich schon", sagt sie. Und sie plädiert noch in einer weiteren Hinsicht für eine bessere Durchmischung der Lehrkörper: "Wir können so auch Modelle schaffen für Teamarbeit zwischen Männern und Frauen. Viele Kinder kennen das ja gar nicht."

Der Hennigsdorfer Lehrer Wind hat da eine sehr positive Erfahrung gemacht. Seine Lehrerkarriere begann er in Neuruppin an einer Schule, an der außer ihm nur Frauen beschäftigt waren. "Ich war ganz überrascht davon, wie herzlich ich dort aufgenommen wurde", sagt er. Die haben sich richtig gefreut, dass jetzt ein Mann dabei ist."

Hintergrund Nur etwa ein Sechstel männlich


■Bundesweit sind etwa ein Sechstel (16,5 Prozent) der in Vollzeit beschäftigten rund 105000 Grundschulpädagogen Männer. Vor zehn Jahren war der Anteil mit 20,9 Prozent noch deutlich höher. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor.
■Je nach Bundesland sieht die Zusammensetzung der Lehrerkollegien unterschiedlich aus. Während an brandenburgischen Grundschulen nur ein Männeranteil von 8,7 Prozent herrscht, sind es in Berlin 14 Prozent, in Bayern 14,6 Prozent und in Baden-Württemberg nach Angaben des Stuttgarter Kultusministeriums 18,9 Prozent (Haupt- und Werkrealschulen zählen dort bei der Berechnung mit).
■Für einzelne Regionen hat das Brandenburger Bildungsministerium die Daten gesondert aufgeschlüsselt. So beträgt im Bereich des Landesschulamts Frankfurt (Oder) der Männeranteil am von den Schulämtern beschäftigten Personal 10,9 Prozent, beim Landesschulamt Neuruppin sind es 12,2 Prozent. (mg)

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