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Plastination
Menschen-Museum zeigt jetzt tote Tiere

Plastinator Gunther von Hagens vor dem Plastinat eines Einhorns
Plastinator Gunther von Hagens vor dem Plastinat eines Einhorns © Foto: dpa
Maria Neuendorff / 09.10.2017, 19:43 Uhr
Berlin (MOZ) Der dreijährige Gerichtsstreit des Bezirksamtes Mitte und des Körperwelten-Museums ist inzwischen Teil der Inszenierung im Leichen-Museum. "Zensiert" oder "Hier stirbt die Wissenschaftsfreiheit" steht auf Schildern vor zehn Ganzkörper-Plastinaten, die seit Montag in silberne Folie gehüllt sind. Statt der "Ballettturnerin" oder dem "Paar in Umarmung" können Besucher nun in die fleischfarbenen Arterien und freigelegten Eingeweide eines zum Einhorn umdekorierten Pferdes schauen. Ein zweiköpfiges Kalb soll die Launen der Natur darstellen. Eine spektakuläre Jagdszene zeigt den Löwen "Icke". Der Publikumsliebling aus dem Kaiserslauterner Zoo wurde 2012 eingeschläfert. In der Leichenschau am Berliner Alexanderplatz springt er nun zähnefletschend einer Antilope hinterher.

Die neuen Tier-Präparate ersetzen zum Teil die menschlichen Ganzkörperplastinate, die nach der jüngsten Verordnung aus der Ausstellung entfernt oder eben verhüllt werden müssen. "Es ist ein kulturpolitisches Trauerspiel", sagt Museumsgründer Gunther von Hagens am Montag nach dem mehrtägigen Umbau. Der 72-jährige Leichenplastinator kann kaum sprechen, ist schwer an Parkinson erkrankt. Doch die neuen Entwicklungen setzten ihm so zu, dass er nach längerer Zeit wieder vor die Kameras tritt. Er fühle sich an die Zensur in der DDR-Diktatur erinnert, sagt der Wissenschaftler, der einst im Stasi-Gefängnis saß. "Aber ich werde weiter für mein Lebenswerk kämpfen", betont er mit Tränen in den Augen. Auch seine Frau und Museums-Kuratorin Angelina Whalley kündigt an, den Rechtsstreit mit dem Bezirk weiterzuführen.

Der begann schon vor der Eröffnung. Nach langem Hickhack haben die Richter die dauerhafte Leichen-Schau grundsätzlich genehmigt. Dem jüngsten Urteil zufolge aber muss das Museum bei allen Plastinaten nachweisen, dass der Körperspender eine Einwilligungserklärung erteilt hat. "Die liegen selbstverständlich vor", betont Whalley, die in den vergangenen Monaten schon zahlreiche Körperteile ausgetauscht und in der Werkstatt in Guben neue Ganzkörper-Plastinate hat anfertigen lassen. Nur die zehn älteren, jetzt verhüllten Körper, könne man keiner konkreten Person mehr zuordnen, sondern nur noch einem Pool von 53 Körperspenden-Verfügungen. "Früher haben wir alle Exponate unmittelbar nach ihrer Fertigstellung anonymisiert, so wie es in den allermeisten anatomischen Instituten gängige Praxis ist", erläutert die Medizinerin. "Wir halten das Urteil in diesem Punkt für falsch und werden daher Berufung einlegen."

Am Montagnachmittag mobilisierte das "Menschen Museum" aber erst einmal ein paar Demonstranten vor dem Fernsehturm. "Keine Macht den Maden" und "Im Grab ruht kein Frieden" stand auf Transparenten, die rund 30 Körperspender hochhielten. "Ich finde es gut, wenn ich auch nach meinem Tod der Menschheit noch einen Dienst erweisen kann", erklärte eine 54-jährige Pflegeangestellte mit Spendenausweis. Doch das müsse anonym bleiben. "Meiner Tochter ist das nämlich peinlich."

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