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"Für Neue wird zu wenig gezahlt"

© Foto: Arbeitsagentur Ffo
Jörg Schreiber / 10.01.2018, 07:10 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Viele Unternehmen in Ostbrandenburg suchen Fachkräfte, gleichzeitig pendeln Tauende Menschen täglich zur Arbeit nach Berlin. Über Chancen und Probleme für den regionalen Arbeitsmarkt sprach Jörg Schreiber mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit in Frankfurt (Oder), Jochem Freyer.

Herr Freyer, könnten "zurückgeholte" Pendler dazu beitragen, dem Fachkräfteproblem in der Region zu begegnen?

Es wäre tatsächlich wünschenswert, wenn ostbrandenburgische Unternehmen einige der Berlin-Pendler zurückholen könnten. Das würde nicht nur den Unternehmen etwas bringen, die Personal suchen, sondern auch den Pendlern selbst, ihren Familien und der Umwelt. Das würde die Wettbewerbssituation hiesiger Unternehmen deutlich stärken. Dazu gehört aber, den Menschen entsprechende Bedingungen zu bieten, mindestens einen Festvertrag und wenigstens ein Tarif-nahes Gehalt.

Doch gerade das Lohnniveau ist in vielen Betrieben der Region doch noch vergleichsweise niedrig. Ist das auch ihre Erfahrung?

Im Durchschnitt wird für Neueinstellungen zu wenig gezahlt. Die Unternehmen müssten sich dem Durchschnittslohn im Tagespendelbereich - dazu gehört eben auch Berlin - sehr stark annähern. Ich würde es auch daher sinnvoll finden, wenn wir wieder einen höheren Grad der Tarifbindung erreichen. Ein Problem dabei ist sicher, dass einige Unternehmen hier nicht Preise durchsetzen können wie in anderen Regionen Deutschlands, auch das Grundkapital vieler Firmen ist zu gering.

Das Image der Region ist allerdings nicht das Beste....

Die Menschen hier haben in den vergangenen Jahren einige schlechte Erfahrungen mit gescheiterten Investitionen gemacht. First Solar sitzt noch immer in den Köpfen. Die Bedingungen müssen hier besser werden. Am langen Ende geht es immer um Vertrauen. Arbeitskräfte müssen wissen, dass sie im Notfall in der Region auch noch eine andere adäquate Arbeit bekommen. Wenn die Menschen spüren, dass hier wieder investiert wird, wäre das ein wichtiges Signal.

Tun die Unternehmen selbst genug, um geeignete Mitarbeiter zu finden?

Wir haben viele Unternehmen hier, die leben gedanklich noch in den 90er-Jahren. Aber die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich seither grundlegend gewandelt. Es ist heute notwendig, dass Unternehmen eine neue Strategie zur Rekrutierung von Mitarbeitern finden. Dazu gehört auch, die Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, ihnen beispielsweise berufliche Aufstiegschancen zu ermöglichen. Wer da nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Die Bundesagentur für Arbeit bietet deshalb immer mehr präventive Beratung in den Unternehmen selbst an. In unserem Sonderprogramm WeGebAu - das heißt Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter Älterer in Unternehmen - wird die Weiterbildung von Arbeitnehmern gefördert, die sich in Beschäftigung befinden, also gar nicht arbeitslos sind.

Die Insolvenz von Air Berlin mit bundesweit 8000 Mitarbeitern sorgte im Jahr 2017 für Schlagzeilen. Berlin als ein wichtiger Standort der insolventen Fluggesellschaft ist ja nicht weit weg. Sind auch Air-Berliner aus Ostbrandenburg betroffen?

Für unsere Region ist das nur ein marginales Thema. Lediglich 57 Air-Berliner haben ihren Wohnsitz in den Kreisen Oder-Spree, Märkisch-Oderland oder in Frankfurt (Oder). Von ihnen haben sich etwa zehn arbeitslos gemeldet. Diese Größenordnung ist für den regionalen Arbeitsmarkt kein wirkliches Problem.

Nach der großen Flüchtlingswelle der vergangenen Jahre drängen auch immer mehr Zuwanderer auf den Arbeitsmarkt. Wie viele haben sich inzwischen in der Region bei der Arbeitsagentur oder den Jobcentern gemeldet?

Etwa 900 sind es, viele von ihnen sind in Integrationskursen. Die Zuwanderer für den Arbeitsmarkt fit zu machen, ist eine große Herausforderung, läuft inzwischen aber in geordneten Bahnen in Zusammenarbeit mit den Landkreisen, Behörden und weiteren Partnern. Unsere Strategie ist, die Menschen von der Straße zu holen, also in Integrationskurse, Berufsorientierung, Praktika oder Qualifizierungen zu bringen. Der Anteil derer, die einen Job finden, ist im Übrigen höher als erwartet. Unser Ziel ist, mindestens zehn Prozent pro Jahr in eine sozialversicherungspflichtige Arbeit zu bekommen. Tatsächlich sind es derzeit sogar etwas mehr.

Die Bundesagentur für Arbeit ist dafür bekannt, dass sie arbeitslose Menschen einerseits berät, andererseits aber auch finanziell unterstützt. Um welche Summe geht es da?

Allein in Frankfurt und den Landkreisen Oder-Spree und Märkisch-Oderland geben die Arbeitsagentur und die Jobcenter jährlich mehr als 300 Millionen Euro aus. In dieser Summe sind neben den Bezügen der Arbeitslosen auch das Kindergeld und das Qualifizierungsentgelt enthalten. Wir beraten und sichern den Lebensunterhalt von in Not geratenen Menschen.

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