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Wilfried Bergholz - Pilot, Fotograf und Schriftsteller - veröffentlicht bisher unveröffentlichte Texte aus der DDR

Lesung
Die Worte zwischen den Zeilen

Quergeist und Nachdenker: Wilfried Bergholz las in Angermünde aus seinem neuen Buch "Umsturz im Kopf", das eigentlich ein altes Buch ist und verschiedene Texte sammelt, die er zwischen 1983 und 1989 schrieb.
Quergeist und Nachdenker: Wilfried Bergholz las in Angermünde aus seinem neuen Buch "Umsturz im Kopf", das eigentlich ein altes Buch ist und verschiedene Texte sammelt, die er zwischen 1983 und 1989 schrieb. © Foto: MOZ/Daniela Windolff
Daniela Windolff / 22.10.2017, 19:13 Uhr
Angermünde (MOZ) Als Überflieger der Uckermark und Fotograf der Lüfte ist Wilfried Bergholz in der Region bekannt. Als poetischen Nachdenker und nachdenkenden Poeten lernt man ihn kennen, wenn man seine Bücher liest. Mit "Umsturz im Kopf" erinnert er sich an die bewegten Jahre vor dem Mauerfall.

"Erinnern Sie sich noch an die Losungen zum 1. Mai, die von der DDR-Regierung jedes Jahr zentral herausgegeben wurden?" Willi Bergholz Frage ans Publikum wird mit zahlreichem Nicken, Augenrollen und Schmunzeln beantwortet. Vor ihm im Angermünder Haus der Generationen sitzen Leute, die diese Zeit als Werktätige im besten Alter miterlebten.

"Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen", war eine dieser alle Jahre wiederkehrenden Losungen, erinnert Wilfried Bergholz. Doch 1988 fehlte sie plötzlich in der Liste, im Frischwind der Perestroika-Bewegung von den DDR-Regierenden vorsichtshalber auf den Index gesetzt.

Doch der junge Querdenker und Gorbatschowverehrer Willi Bergholz hätte damals diese Losung gern wörtlich genommen, und malte sie deshalb mit Freunden auf ein großes Stofftransparent, das sie heimlich nachts auf das Dach eines Hauses in Berlin montierten, weithin sichtbar direkt an der Strecke der Mai-Demonstration. "Wir saßen gerade gemeinsam beim russischen Frühstück mit Äpfeln, Speck und Wodka, als ich verhaftet wurde." Drei Tage Dunkelhaft und alle vier Stunden ein Leberwurstbrot, das Bergholz am Entlassungstag auch noch selbst bezahlen musste, waren der Preis der Aufmüpfigkeit.

Es ist eine von zahlreichen Anekdoten, die Wilfried Bergholz einfallen, während er sein Buch "Umsturz im Kopf" vorstellt. Denn Bergholz ist nicht nur leidenschaftlicher Hobbypilot und Luftbildfotograf. Er ist auch Schriftsteller und erinnert in seiner Art zu leben, nachzudenken und aufzuschreiben unweigerlich an den Autor des kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, der auch Pilot war.

Die Geschichte von der Mai-Losung passt zum Thema des Büchleins, das Geschichten und Gedichte sammelt, die Wilfried Bergholz zwischen 1983 und 1987 geschrieben und nun erstmals in einem richtigen Buch veröffentlicht hat. Damals ließ er die Textesammlung von einer Freundin mit Schreibmaschine und Blaupapierdurchschlägen abtippen und verlieh sie an interessierte Freunde. Veröffentlichen durfte er sie damals nicht.

Im Laufe der Zeit kamen immer weniger von den 55 selbstgebastelten ausgeliehenen Büchern zu Wilfried Bergholz zurück, bis nur noch ein Exemplar übrig blieb. Das hat er nun, 30 Jahre, eine Wende und viele Erfahrungen später, nachdrucken lassen und veröffentlicht. Die Texte sind unverändert. "Ich bin gespannt, wie sie heute wirken und von anderen aufgenommen werden. Man hat ja damals viel zwischen den Zeilen gesagt und gelesen", meint Wilfried Bergholz.

Die Erzählungen und Gedichte in "Umsturz im Kopf" öffnen ein kleines Fenster in ein Land, das es nicht mehr gibt. Sie sind Erinnerungen aus der Sicht eines jungen Mannes in der DDR, der als Student am Literaturinstitut in Leipzig zu den Montagsdemos ging, nachts Transparente malte, sich in Wohnungen zu Lesungen traf, Konzerte von Liedermachern wie Stefan Krawczyk, Gerhard Schöne und Kurt Demmler moderierte, Psychologie studierte, einen Zopf und ausgewaschene Jeans trug und an einen gerechteren Sozialismus glaubte, bis die Wende diesen Traum zerstörte.

Das Büchlein enthält zarte Liebesgedichte ebenso wie satirische Verse über Erich Honecker. Sie enthält Erzählungen, genau beobachtete Skizzen aus dem Alltag im Berlin der 1980er Jahre und Parabeln, die Sehnsüchte, Hoffnung und Zweifel in Bildern verschlüsseln.

Wilfried Bergholz verteufelt trotz seiner kritischen Haltung nicht seine Vergangenheit. "Heute wird ja unsere Geschichte oft ziemlich verdreht dargestellt, als hätten wir alle eine Kette am Fuß gehabt und Hunger gelitten." Seine Geschichten sind authentische Zeitzeugen. Insofern gibt sein Buch auch Anstoß, Klischees zu hinterfragen, zu differenzieren und sich ehrlich auch seinen eigenen Wahrnehmungen damals und heute zu stellen.

Schon in seiner Autobiografie "Die letzte Fahrt mit dem Fahrrad" setzt sich Wilfried Bergholz mit diesem Thema auseinander. Ganz unaufgeregt, offen und unpathetisch, in einer klaren und poesievollen Sprache und immer mit einem kleinen Augenzwinkern und einer Prise Berliner Humor.

Das Fliegen hat er schon in im Alter von 14 Jahren bei der GST, der damaligen Gesellschaft für Sport und Technik, gelernt, und ist dieser Leidenschaft bis heute treu geblieben. 1986 kam er nach Gellmersdorf, baute eine alte Scheune zu einem originellen Flugzeughaus um, eröffnete 2001 den Flugplatz in Crussow und bietet mit seinem "fliegenden Gartenstuhl", einer roten Kleinmaschine, Rundflüge an. Inzwischen kennt er die gesamte Uckermark von oben und hat einen ganz anderen Blick, eine andere Perspektive auf die Region gewonnen. Immer mal die Perspektiven wechseln, das hilft ihm auch als Schriftsteller.

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