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"Ich möchte Herzen heben"

Kleist-Preisträger 2017, Ralf Rothmann im Kleistmuseum
Kleist-Preisträger 2017, Ralf Rothmann im Kleistmuseum © Foto: Michael Benk
Stephanie Lubasch / 22.11.2017, 20:27 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ralf Rothmann ist einer, der mit Worten malen kann. Fast glaubt man, den Geruch der dort eingelagerten Rüben in der Nase zu haben, wenn er von dem düsteren Keller erzählt, in dem Walter und Fiete sich ein letztes Mal treffen dürfen. Im Februar 1945 sind die beiden 17-jährigen Melker zwangsrekrutiert worden. Nun hat Fiete versucht zu desertieren. Schon am nächsten Tag soll das Todesurteil vollstreckt werden - und Walter, sein bester Freund, auf Anweisung seines Vorgesetzten mit im Erschießungskommando stehen.

"Im Frühling sterben" heißt Rothmanns jüngster Roman. 2015 erschienen, ist er mittlerweile in 25 Sprachen übersetzt worden - ein Bestseller. Am Dienstagabend hat der am Sonntag frisch mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnete Autor daraus im gut besuchten Frankfurter Kleist-Museum gelesen.

Die Stadt, erzählt der in Oberhausen im Ruhrgebiet aufgewachsene und heute in Berlin lebende 64-Jährige, sei ihm nicht fremd: Regelmäßig sei er mit seiner Frau im nahe gelegenen Lebus zu Gast - zum Wandern und Radfahren. Für Heinrich von Kleist hingegen habe er sich vor seiner Auszeichnung mit dem - nach dem in Frankfurt(Oder) geborenen Dichter benannten - Preis eher "in Maßen interessiert". Ein Grund sei schon der erste Satz gewesen, den er von ihm gelesen hat: "Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde..." Nicht Liebe, nicht Freiheit - Ruhm! Dazu passe auch der Freitod Kleists mit Henriette Vogel - eine "raffinierte Marketingstrategie". Das, sagt Rothmann, habe ihm nicht gefallen.

"Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Charakter Kleist", gesteht er. Darum habe er dessen Werke lange Zeit nicht angerührt. Nun sei er glücklich, dass der Preis Anlass gewesen sei, sich noch einmal mit ihnen zu beschäftigen. "Ich habe zum Beispiel die ,Penthesilea' gelesen und bin in die Knie gesunken vor dieser unglaublichen Sprachkraft, die Kleist hatte." Etwas in dessen Werk, schreibt Rothmann in seiner Dankesrede, die er nun auch in Frankfurt vorträgt, sei dann wohl doch "strahlender als sein Charakter".

Der erste Schriftsteller, so verrät er anschließend, der ihn tatsächlich fasziniert habe, sei Karl May gewesen - nach den Jerry-Cotton-Heften seines Vaters. Später folgten die "Fünf Freunde"-Bücher der Britin Enid Blyton.

Bereits mit 13Jahren hat Rothmann - was damals üblich war - die Volksschule verlassen, kurze Zeit die Handelsschule besucht und schließlich Maurer gelernt. "Mit 18 bin ich dann nach Essen gegangen, lernte Studenten kennen. Die lasen alle Hermann Hesse." Für den jungen Mann ein Erweckungserlebnis. "Ich dachte: ,Woher weiß der das alles von mir?'" Ein solches Gefühl erzeugen können - das wollte er auch.

Zum Schriftsteller wurde Rothmann aber erst in Berlin, wohin er 1976 wechselte. Sein Geld verdiente er sich dort unter anderem als Koch in einer "Säuferkneipe" - "meine Bratkartoffeln", erzählt er, "waren die besten." Andere Schriftsteller, die er kennengelernt hatte, unterstützten ihn. So konnte er Mitte der 80er-Jahre seinen ersten Lyrikband, "Kratzer", veröffentlichen, für den er gleich das Märkische Stipendium für Literatur zugesprochen bekam.

1991 folgte mit "Stier" sein erster Roman. Mehr als ein Dutzend Romane und Erzählbände sind seitdem von ihm erschienen, für die Rothmann unter anderem mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Max-Frisch- und dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet wurde. Immer wieder schreibt er über das Ruhrgebiet, das Leben in Bergarbeiterfamilien. Seine Themen, sagt Rothmann, "müssen etwas mit mir zu tun haben, damit meine Sprache eine Kontur bekommt. Ich möchte Herzen heben, und mit etwas rein Erfundenem geht das nicht."

Neue Bücher entstünden meist aus einem Gefühl heraus, einer erlebten Situation. "Sehr häufig", erzählt der Autor, "sehe ich die letzte Szene eines Romans und schreibe dann darauf zu." Der nächste könnte vielleicht eine Liebesgeschichte sein - bei einer Lesung sei er auf eine Frau getroffen, die als Zwölfjährige Briefe an seinen, damals bereits verlobten Vater schrieb. Mit etwas Glück wird sich das Kopfkino, das bei Rothmann daraufhin anging, nun irgendwann zwischen zwei Buchdeckeln wiederfinden.

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