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Klimagipfel-Gastgeber Fidschi muss ganze Dörfer verlegen

Auf der Fidschi-Insel Ono steht der Dorfbewohner Kelepi Saukitoga vor seinem Haus in der Gemeinde Narikoso. Wegen des steigenden Meerwassers aus dem Südpazifik muss das Haus als eines von mehreren in dem Ort umgesiedelt werden.
Auf der Fidschi-Insel Ono steht der Dorfbewohner Kelepi Saukitoga vor seinem Haus in der Gemeinde Narikoso. Wegen des steigenden Meerwassers aus dem Südpazifik muss das Haus als eines von mehreren in dem Ort umgesiedelt werden. © Foto: dpa/Christoph Sator
dpa / 29.10.2017, 06:03 Uhr - Aktualisiert 29.10.2017, 12:45
Narikoso (dpa) In ein paar Tagen beginnt in Bonn der alljährliche Klimagipfel. Zum ersten Mal hat einer der kleinen Pazifiklstaaten den Vorsitz, die unter der Erderwärmung besonders zu leiden haben: Fidschi. Wie sieht es dort eigentlich aus?

In den vergangenen 20 Jahren kam Kelepi Saukitoga aus seinem Dorf nie wirklich heraus. 1997 wurde sein Vater, ein Beamter, nach Narikoso versetzt, einem kleinen Nest auf Ono, einer von mehr als 300 Fidschi-Inseln, damals noch eine richtige Südsee-Idylle mit viel Strand und Palmen. Mit dem Boot sind es viereinhalb Stunden bis nach Suva, der Hauptstadt. Hier in der katholischen Kirche hat Saukitoga geheiratet, hier wurde er Bürgermeister. Hier lebt der 40-Jährige nun mit Frau Muriani und vier Söhnen im eigenen Haus, direkt am Meer.

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Aber lange wird das nicht mehr so sein. Denn die Saukitogas müssen umziehen - weil der Meeresspiegel steigt und steigt und steigt. Man könnte auch sagen: wegen des Klimawandels. Inzwischen steht bei der Familie zwei Mal pro Tag, wenn Flut ist, der Südpazifik am Haus. Mit schrecklicher Regelmäßigkeit ist Land unter. Bei Vollmond ist es am schlimmsten. Viel fehlt nicht mehr, und das Wasser schwappt über die Schwelle.

Wie die hundert anderen Dorfbewohner hat Saukitoga immer schon mit dem Meer gelebt. Das geht auch nicht anders. Schon wenn man in den Nachbarort will, ist man aufs Boot angewiesen: Straßen gibt es auf Ono keine. Ein paar Jahre lang fuhr er auch jeden Tag zum Fischfang hinaus. "Wir haben auf Fidschi ein Sprichwort: "Das Wasser trennt die Inseln nicht, es verbindet sie"", sagt er, den Jüngsten auf dem Arm. "Aber irgendwann ist es für uns zum Feind geworden."

Jetzt will Saukitoga mit seiner Familie nur noch weg. Das Fundament seines Hauses ist kaputt. Überall sind Risse. In den Mauern steckt die Feuchtigkeit. Oben an der Küchendecke wuchern Pilze. Die Erde draußen schlägt Blasen, so schwer ist sie mit Wasser getränkt. Der Boden ist völlig versalzen. Hier wächst schon lange nichts mehr. Vom Müllhaufen nebenan schwimmt Dreck heran. Es ist eine ziemlich ekelhafte Brühe, die näher und näher kommt.

Von Südsee-Träumen ist man hier inzwischen ziemlich weit entfernt. Die Saukitogas werden nun in eine neue Unterkunft ziehen, etwa hundert Meter weiter im Inselinneren. Vor allem aber: auf einem Hügel. Mit ihnen sollen im Lauf des nächsten Jahres sechs andere Familien neue Häuser bekommen. "Es ist schwer, das Haus zu verlassen, in dem all unsere Kinder geboren sind", sagt der vierfache Vater. "Aber es geht nicht mehr."

Die Flucht vor den Auswirkungen des Klimawandels ist hier kein Einzelschicksal. Narikoso - 28 Häuser, zwei Kirchen, ein Kindergarten und sogar ein kleiner Laden - wird bald anders aussehen. Und die Gemeinde ist nur eines von insgesamt 42 Dörfern, die nach Einschätzung von Fidschis Regierung auf absehbare Zeit ganz oder teilweise verlegt werden müssen, alle von der Küste weg. Experten schätzen, dass es mehr als hundert sein werden. Mit dreien wurde der Anfang schon gemacht.

Fidschi gehört zu den Ländern, die unter dem Treibhauseffekt besonders zu leiden haben. Seit 1993 stieg der Pazifik-Spiegel hier pro Jahr um durchschnittlich sechs Millimeter - also fast schon 15 Zentimeter, mehr als im weltweiten Mittel. Wenn nichts getan wird, wird das Wasser vermutlich zum Ende des Jahrhunderts 1,40 Meter höher stehen. Aber selbst wenn das Pariser Klimaabkommen von 2015 komplett umgesetzt würde, wären es noch 65 Zentimeter.

Auf manchen Inseln verlief die Küstenlinie vor ein paar Jahren noch 25 Meter weiter draußen. Zudem wird das Wetter extremer. Vergangenes Jahr nahm ein Wirbelsturm, wie es ihn auf Fidschi noch nie gegeben hatte, 44 Menschen das Leben. Steigende Wassertemperaturen gefährden die Korallenriffe, die zu den schönsten der Welt gehören, und damit auch die Fischwelt.

Trotzdem ist das Interesse im Rest der Welt gering - zumal es Fidschi in der Region noch verhältnismäßig gut geht. Das Eine-Million-Einwohner-Land hat immerhin Hügel und richtige Berge. Andere Inseln - zum Beispiel Kiribati - ragen an ihrem höchsten Punkt nur wenige Meter aus dem Wasser. Ihnen droht auf absehbare Zeit im wahrsten Sinne der Untergang.

Nun allerdings erhält Fidschi zumindest vorübergehend mehr Aufmerksamkeit. Das liegt daran, dass es als erster kleiner Inselstaat den Vorsitz des jährlichen Klimagipfels führt. Eigentlich müsste die zweiwöchige Konferenz COP23 (Conference of Parties, Konferenz der Parteien, Nummer 23) am 6. November auch hier beginnen. Tatsächlich findet der Gipfel aber 16 000 Kilometer weiter statt, in Bonn. Für 25 000 Teilnehmer reichen auf Fidschi trotz Südsee-Tourismus die Zimmer nicht.

Zudem - Stichwort CO2-Bilanz - hätte es sich wohl auch nicht gut gemacht, wenn so viele Klimaschützer zu Verhandlungen einmal um die halbe Welt geflogen wären. Wichtigster Grund ist aber, dass am Rhein das UN-Klimasekretariat seinen Sitz hat. Nach dessen Satzung findet der Gipfel in Bonn statt, wenn sich in der Weltregion, die eigentlich an der Reihe wäre (dieses Mal: Asien), kein Gastgeber bereiterklärt. China und Japan lehnten ab. Und so führt nun Fidschi den Vorsitz und Deutschland ist Co-Gastgeber.

Kosten für die Bundesrepublik, die sich auf ihr Klima-Engagement einiges einbildet: mehr als 100 Millionen Euro. Die Zusammenarbeit mit Fidschi, wo nach zwei Militärputschen ein bulliger Ex-General namens Frank Bainimarama mit harter Hand regiert, lobt man in der Bundesregierung bislang sehr. Zudem engagieren sich die Deutschen in dem Inselstaat mit einer Reihe von Projekten. Auch bei der Umsiedlung von Narikoso hilft die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die zu 100 Prozent dem Bund gehört. Kosten: 325 000 Euro.

Die deutschen Experten beraten bei allen möglichen Fragen. Insbesondere geht es darum, den richtigen Platz für die neuen Häuser zu finden. Weit genug von der Küste, aber auch nicht zu nah am Hang, falls es dort Erdrutsche gibt. Es geht aber auch um profanere Dinge. GIZ-Regionalchef Wulf Killmann sagt: "Eine Umsiedlung kann nur die allerletzte Lösung sein. Da gibt es sehr viel, das die Leute am Ort hält. Viele Orte haben zum Beispiel keine Friedhöfe: Oma und Opa liegen im Garten."

Die großen Entscheidungen trifft hier in langen Beratungen der Ältestenrat. Talanoa heißt das, eine Art Palaver, in dem das Für und Wider gründlich abgewogen wird. In Narikoso sitzen die Leute - fast Männer nur - dazu im Gemeindehaus zusammen. Dazu gibt es Kava: ein arg bitteres Getränk, das aus Wurzeln gewonnen wird, angeblich entspannt und in der Farbe durchaus Ähnlichkeit mit dem Wasser vor Saukitogas Haus hat.

Auf die wichtigsten Verursacher der Erderwärmung, die großen Industriestaaten, sind die Männer nicht gut zu sprechen. Dass Donald Trump aus dem Pariser Abkommen aussteigen will, hat man auch hier mitgekriegt. "Ich hoffe, dass er zur Vernunft kommt", meint Saimoni Vatu (52), ein Fischer. "Nicht einmal ein amerikanischer Präsident kann dem Klimawandel noch entkommen." Hier ist man sehr stolz darauf, dass Fidschi als erstes Land der Welt das Pariser Abkommen unterzeichnete und jetzt Gastgeber ist.

Allerdings wissen die Leute, dass sie auch selbst Schuld am Anstieg des Meeresspiegels tragen. Auch auf Fidschi wurden über Generationen hinweg Mangrovenwälder an der Küste abgeholzt - um damit zu heizen, zu kochen, zu bauen. Vielerorts löst sich der Sandboden jetzt auf wie Strickzeug, aus dem jemand die Nadeln gerissen hat. Nichts mehr hält das Wasser auf. Auch der Steinwall nicht, den sie vor ein paar Jahren gebaut haben.

"Natürlich sind wir Teil des Problems", gibt Vatu zu. "Die Leute haben sich einfach keine Gedanken gemacht." Inzwischen kostet es 1000 Fidschi-Dollar (etwa 410 Euro) Strafe, wenn man beim Abholzen erwischt wird, mehr als ein monatliches Durchschnittseinkommen. In Narikoso schneidet nun niemand mehr Holz aus den Mangroven heraus.

Trotzdem sind die Leute hier pessimistisch, was die Zukunft ihres 250 Jahre alten Dorfes angeht. Keiner glaubt, dass es mit der Verlagerung von sieben Häusern getan sein wird. "Eines Tages wird das ganze Dorf auf einem Hügel stehen", meint Saukitoga. "Wenn es überhaupt noch Leute gibt." Im letzten Jahrzehnt sind etwa hundert Dorfbewohner - also genau so viel, wie jetzt noch sind - auf andere Inseln gezogen.

Zudem ist die Umsiedlung ja auch keine Garantie, dass das Leben besser wird. Man sieht das in Vunidogoloa, einem Dorf auf Fidschis zweitgrößter Insel Vanua Levu, das als erste Pazifik-Gemeinde überhaupt komplett ins Inselinnere verlegt wurde. Das neue Dorf besteht aus zwei Dutzend grüngestrichenen Holz- und Wellblechhäusern im Einheitsstil, die auf einem Hügel um einen Mangobaum gruppiert sind. 150 Leute wohnen darin. Die Kosten - etwa 350 000 Euro - haben sich Regierung und Dorfgemeinschaft in etwa geteilt.

Der Fisch, den die Frauen auf offenem Feuer grillen, kommt jetzt nicht mehr aus dem Meer, sondern aus drei künstlichen Teichen in der Nähe. Hühner und Schweine laufen frei herum. Dorfoberhaupt Sailosi Ramatu, ein Mann von 57 Jahren im Rugbyhemd, hat schon eine gewisse Erfahrung darin, Besuchern seine Gemeinde zu zeigen. Als Sondergesandter von Fidschis Regierung ist er auch in Bonn dabei.

"Wir waren uns alle einig darin, dass wir umziehen müssen", behauptet Ramatu. Sein altes Haus unten am Meer steht jetzt leer. Die Fensterläden hängen schief, auf dem Boden stapelt sich der Müll. Wenn nicht gerade wieder einmal offizieller Besuch kommt, ist hier kein Mensch mehr unterwegs. Die drei Kilometer Fußweg zwischen altem und neuen Dorf sind zu weit. Auch zum Fischen kommt keiner mehr. Jetzt macht man in Vunidogoloa in Ackerbau und Schweinezucht.

"Das Dorfleben hat sich geändert", gibt Ramatu zu. "Das wird eine Weile dauern, bis wir uns an alles Neue gewöhnt haben." Mehr will er nicht erzählen, was auch damit zusammenhängen mag, dass ein Mann aus Fidschis Informationsministerium daneben steht. Das Wort Zwangsumsiedlung hört hier keiner gern. Bekannt ist aber, dass es auch schon Umsiedlungen gab, wo die Leute nach einer Weile wieder in ihre alten, beschädigten Häuser zurückzogen.

Die Leute in Narikoso hoffen, dass ihnen ein solches Schicksal erspart bleibt. Bei einem der nächsten größeren Talanoa muss jetzt erst einmal entschieden werden, welche der sieben Familien welches neue Haus bekommt. Dann geht es vermutlich auch um die Neuigkeiten aus Nangara, der Nachbargemeinde weiter oben an der Küste. Dort baut eine Familie auch gerade neu - ein Haus direkt am Strand, allem zum Trotz.

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