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Flüchtlinge aus Eritrea sind in Woltersdorf als Bundesfreiwillige tätig / Ex-Lehrerin gibt ihnen Deutsch-Stunden

Flüchtlinge
Ankommen mit dem Malerpinsel

Joachim Eggers / 01.11.2017, 20:49 Uhr
Woltersdorf (MOZ) Sie malern Wände, decken Tische, reparieren, wenn etwas kaputt ist: Flüchtlinge aus Eritrea werden im Kulturhaus Alte Schule als Bundesfreiwillige eingesetzt. Und Deutsch lernen sie bei einer Lehrerin im Ruhestand: Anny Przyklenk.

Für Amman Habte war der Mittwoch ein großer Tag: Am Nachmittag konnte er eine eigene Wohnung in Fürstenwalde beziehen, in der Wriezener Straße. Der Eritreer, der seit drei Jahren in Deutschland ist und eine Aufenthaltsgenehmigung hat, wohnte bislang in der Flüchtlingsunterkunft "Haus Hoffnung" in der Langewahler Straße in Fürstenwalde.

Am Vormittag war der 20-Jährige indes noch in Woltersdorf im Einsatz. Denn er gehört zu den derzeit vier Eritreern, die im Kulturhaus Alte Schule und an anderen Einsatzorten als Bundesfreiwillige tätig sind. Mit seinem 22-jährigen Landsmann Redwan Mohammed hat Amman Habte am Vormittag ein Musikzimmer im Dachgeschoss der Alten Schule gemalert. Zu den Einsatzorten der "Bufdis", wie die Bundesfreiwilligen genannt werden, gehören auch der Hort "Entdeckerland" der Christlichen Kita und das Bildungszentrum der Initiativ- und Planungsgruppe Kesselberg in der Flakenstraße in Erkner. Kontakt mit den Flüchtlingen in Fürstenwalde pflegen die Woltersdorfer schon seit 2015.

Während Amman Habtes Deutsch noch einigermaßen bruchstückhaft daherkommt, ist Redwan Mohammed schon deutlich weiter. Seit acht Monaten genießt er die ehrenamtliche Unterstützung von Anny Przyklenk. Die 75-jährige Woltersdorferin ist über einen Arbeitskreis zur Flüchtlings-Integration dazu gekommen, als Deutsch-Lehrerin zu wirken.

So kann Redwan Mohammed recht genau über seine ebenfalls drei Jahre zurück liegende Flucht Auskunft geben. Sie führte ihn über den Sudan, wo er drei Monate war und sich mit Gelegenheitsjobs verdingte, über Libyen und Italien nach Deutschland. Die Überfahrt, für die seine Familie bezahlt habe, hat etwa drei Tage gedauert. Viel erzählt er nicht darüber, es gab offenbar keine dramatischen Vorkommnisse.

Redwan Mohammed hat einen Bruder in Schweden, zwei Brüder im Sudan, Eltern und Schwestern in Eritrea, wo ein repressives Regime vor allem junge Männer scharenweise außer Landes treibt. Kontakt mit der Familie hat er vor allem am Monatsanfang, wenn er sein Taschengeld bekommt. "Mit WhatsApp klappt es nicht", sagt er - also werden die Gespräche kostenpflichtig, und sie sind teuer. Ihm ist es schon vor einem Monat gelungen, aus dem Haus Hoffnung in eine eigene Wohnung zu ziehen. Auch daran hat Anny Pryzklenk einen Anteil. Sie berichtet von ablehnenden Vermietern, mit denen sie es bei der Wohnungssuche für Redwan Mohammed am Telefon zu tun bekommen habe. Er selbst sagt kein schlechtes Wort über sein Gastland.

Auf die Frage, was ihr Ziel ist, antworten Redwan Mohammed und Amman Habte, dass sie Deutsch lernen und eine Ausbildung machen wollten. Anny Przyklenk attestiert ihren Schützlingen einen Lernwillen, den sie früher als Lehrerin gern bei ihren deutschen Schülern auch gesehen hätte. Ihre Berufserfahrung hilft ihr genau zu erkennen, wo jeweils die Schwierigkeiten liegen: Manche lernen Vokabeln auswendig und können diese Worte auch sagen, "ohne den Inhalt zu verstehen", wissen nicht oder nur ungefähr, wovon die Rede ist. "Andere können Buchstaben nicht den Lauten zuordnen." Bei Redwan Mohammed und Amman Habte hat sie inzwischen erfahren, dass sie bis zur siebten Klasse Schulunterricht hatten, bei Habte lägen wohl auch Englisch-Kenntnisse vor. Bei der Frage nach einer Berufsausbildung schütteln die beiden mit dem Kopf.

Angefangen hat Anny Przyklenk mit Redwan Mohammed, die anderen sind Schritt für Schritt dazu gekommen. Weil der Kenntnisstand unter ihnen so unterschiedlich ist, hat die Rentnerin ihre derzeit vier Schützlinge in zwei Zweier-Gruppen aufgeteilt, um gezielter mit ihnen arbeiten zu können. Je eine Gruppe kommt freitags, die andere sonnabends zu ihr nach Hause. "Da können wir auch mal gemeinsam kochen, dabei lernen sie auch Deutsch", sagt Anny Przyklenk. Ihre Schützlinge nennen sie "Frau Anny", was ihre Lehrerin schmunzeln lässt. "Dass sie meinen Nachnamen nicht aussprechen können, ist ja verständlich", sagt die Woltersdorferin. Sie würde sich wünschen, dass auch andere Deutsche ihre Kenntnisse so einsetzen wie sie. Ihre monatelange intensive Arbeit zeige ihr, wie viel zu tun sei.

Am Sonnabend, von 13 bis 17 Uhr, laden das Kulturhaus Alte Schule und der benachbarte Awo-Seniorenclub zu einem Tag der Begegnung ein - mit gemeinsamem Kochen, Essen und Spielen.

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