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Energie
Städtische Schatztruhen

Ein autonom-fahrender Mini-Bus fährt in Bad Birnbach (Bayern) auf einer Straße und wird von Passanten betrachtet. Erstmals wird in Deutschland ein autonom-fahrender Bus im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt, Betreiber ist die Deutsche Bahn.
Ein autonom-fahrender Mini-Bus fährt in Bad Birnbach (Bayern) auf einer Straße und wird von Passanten betrachtet. Erstmals wird in Deutschland ein autonom-fahrender Bus im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt, Betreiber ist die Deutsche Bahn. © Foto: picture alliance / Tobias Hase/d
Igor Steinle / 05.11.2017, 20:01 Uhr
Berlin (MOZ) Mit den Daten von Stadtwerken lässt sich jede Menge Geld verdienen. Nur wissen die Unternehmen selbst oft nicht wie. Wenn sie das nicht lernen, könnten bald Großkonzerne die kommunale Daseinsvorsorge übernehmen.

Wenn Google in einigen Jahren das Stadtviertel "Quayside" in Toronto gebaut hat, wird wahr, was vor nicht allzu langer Zeit als Utopie galt: Verkehr wird durch selbstfahrende "Taxibots" geregelt, Abfall unterirdisch abgeholt und Energie über Solarmodule generiert.

Was für manche Utopie, ist allerdings des anderen Alptraum: Kommunale Unternehmen sind in hohem Maße besorgt, dass ihnen mit der Ausbreitung digitaler Dienstleistungen in Städten das Geschäftsmodell wegbricht. Waren bisher nämlich Stadtwerke für Leistungen der Daseinsvorsorge zuständig, könnte diese Rolle in Zukunft Privatunternehmen zukommen. Sei es in Singapur, Südkorea, China oder Saudi-Arabien: Egal, wo der Wandel hin zur digitalen Stadt bereitet wird, überall wird dieser von privaten Unternehmen gestaltet. Auf Grundlage städtischer Daten.

"Die Städte wissen gar nicht, auf was für Schätzen sie sitzen", sagt die Stuttgarter Fraunhofer-Forscherin Natalie Pfau-Weller. Unternehmen wie Google hätten ein riesiges Interesse an diesen Daten. Und Pfau-Weller ist besorgt, dass klamme Kommunen sie verscherbeln könnten, weil sie selbst nichts damit anzufangen wissen. Mit Informationen über Verkehrsströme etwa könnten Unternehmen Geschäftsmodelle wie Fahrdienste entwickeln, die die Rentabilität des Nahverkehrs weiter schmälern. Dieser müsste mit noch mehr Steuergeldern bezuschusst werden. Nicht ohne Grund forderte der Verband kommunaler Unternehmen kürzlich, dass kommunale Daten nicht kostenlos hergegeben werden dürfen. Denn die Konsequenz wäre, dass internationale Konzerne Geschäfte mit diesen Daten machen - auf Kosten der Steuerzahler.

Die Herausforderung lautet also, dass Städte lernen, mit ihren Daten umzugehen. Hans-Heinrich Kleuker, Vorstand der Technischen Werke Ludwigshafen, sagt: "Wenn man uns nicht erlaubt, uns zu verändern, werden wir in einigen Jahren nicht mehr Arbeitgeber sein." Eine Aussage, die angesichts von bis zu 10 000 Menschen, die in manchen Städten bei kommunalen Unternehmen arbeiten, aufhorchen lässt.

Um solche Prognosen zu vermeiden, versuchen Stadtwerke derzeit, sich neuen Ideen zu öffnen. Mit dem Thinktank "Das progressive Zentrum" arbeitete man in einem Projekt heraus, wie das Stadtwerk der Zukunft aussehen könnte. "Nahezu alle Felder, in denen Stadtwerke agieren, sind tiefgreifendem Wandel unterworfen", heißt es im Abschlusspapier. Oder auch: "Mit dem Kraftwerkspark lässt sich bald nur wenig Geld verdienen." Anstatt Kilowattsunden Strom zu verkaufen, sollte man eher Lösungen anbieten, wie Kunden ihren Energieverbrauch senken und digital managen können.

Mit welchen Geschäftsmodellen dieser Wandel noch gelingen könnte, wurde kürzlich im Berliner Wirtschaftsministerium angedeutet. Bei einer "Start-up-night" stellten Jungunternehmer der Kommunalwirtschaft ihre Ideen vor, von stromerzeugenden Straßen bis hin zu selbstreinigenden Wasserrohren. Angedeutet wurde aber auch die Diskrepanz zwischen Start-up und Stadtwerk. Karsten Specht brachte sie auf den Punkt: "Bei uns gibt es keine Kultur des Scheiterns. Bei uns muss es funktionieren", sagte der Chef des Oldenburgischen Wasserverbands.

Das Zitat macht klar: Stadtwerke sind nicht gut in Veränderung. "Ihre Hierarchie und Struktur ermöglicht nicht immer, dass Entscheidungen getroffen werden" sagt Pfau-Weller. Als die Forscherin am Freitag in einem Vortrag über Smart-Cities über ihre Erfahrungen mit Stadtverwaltungen berichtet hat, sind im Saal mehrere Wissenschaftler in zustimmend-zynisches Gelächter ausgebrochen. Ihr Tenor: Wenn in den Stadtverwaltungen kein Mentalitätswandel hin zu mehr Experimentierfreude stattfindet, werden die Googles und Telekoms dieser Welt die Kontrolle über die städtische Daseinsvorsorge übernehmen.

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