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Stadt im Nebel

Moses Fendel / 03.10.2010, 08:00 Uhr
Frankfurt/Slubice (In House) Ein strahlender Spätsommertag kündigt sich an. Doch am Morgen ist die Stadt noch in dichten Nebel gehüllt. Die von der Oder aufsteigenden Nebelschwaden verhüllen ihre Silhouette. Nur langsam befreit die in dieser Jahreszeit noch immer kräftige Sonne die Türme der Friedenskirche aus ihrer wattigen Umhüllung.

Ein unvergessliches Bild, das gleichzeitig die Situation der Stadt widerspiegelt. Frankfurt ist im Nebel, auf der Suche nach sich selbst. Eine Stadt, die innerhalb von 20 Jahren ein Drittel ihrer Einwohner verloren hat, muss zwangsläufig eine Identitätskrise durchlaufen. Doch wie wird Frankfurt aussehen, wenn sich der Nebel gelichtet hat?

Auf der anderen Seite des Flusses. Zwischen Supermärkten, Friseursalons und Zigarettenläden spielt sich der Slubicer Alltag ab. Slubice gehört zu Frankfurt. Irgendwie. Ich bitte darum, das nicht falsch zu verstehen. Nichts liegt mir ferner, als Revisionismus betreiben zu wollen. Doch die Städte sind in einem Maße miteinander verwoben – historisch, kulturell, wirtschaftlich und städtebaulich – dass die eine ohne die andere nicht existieren könnte. Es erscheint geradezu absurd, dass es zwischen ihnen keine öffentliche Verkehrsverbindung gibt. Ist das die Frankfurter Provinzialität, über die ich in den acht Wochen meines Aufenthaltes hier so manchen Frankfurter habe schimpfen hören? Solange die Frankfurter nur zum Einkaufen und die Slubicer nur zum Arbeiten in die jeweilige Nachbarstadt fahren, ist es schwierig, die Städtepartnerschaft abseits der offiziellen Bühne zu leben. Was zählt, sind zwischenmenschliche Beziehungen. Der polnische Rentner Henryk Raczkowski mit seiner Seniorenakademie ist ein beeindruckendes Beispiel hierfür. Ebenso wie die Studenten aus beiden Ländern, die im Verbündungshaus Fforst zusammenleben und gezeigt haben, wie vom Abriss bedrohter Wohnraum sinnvoll und kreativ genutzt werden kann. Auch der Künstler Michael Kurzwelly, dem viele Frankfurter nachsagen, er sei verrückt, hat mit seiner Stadt Slubfurt ein unkonventionelles Beispiel für grenzüberschreitende Zusammenarbeit geschaffen. Wie viele Frankfurter sprechen überhaupt die Sprache des Nachbarn? Ist Slubice der polnischste Ort Deutschlands oder Frankfurt der deutscheste Ort Polens? Fragen, auf die es keine richtige oder falsche Antwort gibt. Aber sie machen das Besondere dieses Grenzorts deutlich und zeigen, welche Chancen die besondere geographische Lage der Städte bietet. Das beste Beispiel: die Viadrina-Universität. Ein Glücksfall für beide Städte und genialer Schachzug der Politik in den 90er-Jahren.

Neuberesinchen. Es wird Herbst. Hier ist der Verfall mit Händen zu greifen, ist die hoffnungslose Stimmung am deutlichsten. In manchen Straßen scheint Moskau näher als Berlin. Doch die Stadt, von deren Existenz viele Westdeutsche noch nicht einmal wissen und die von ihren pessimistischen Einwohnern als hoffnungslos verloren bezeichnet wird, ist nicht tot. Solange es Menschen wie die Architektin und frühere Stadtverordnete Sigrid Albeshausen gibt, die voller Überzeugung von Frankfurt als einer „schönen und lebenswerten Heimatstadt“ sprechen, ist die Stadt lebendig. Ich wünsche den Frankfurtern, dass noch mehr von ihnen ihre Stadt für sich entdecken. Umso schneller lichtet sich der Nebel und die Stadt bekommt ein Gesicht.

Moses Fendel (22), studiert Regionalwissenschaften Ostmitteleuropa und Musikwissenschaft an der Universität Münster. Im Rahmen einer studienbegleitenden Journalistenausbildung an der katholischen Journalistenschule ifp in München hat er im August und September ein achtwöchiges Praktikum beim Frankfurter Stadtboten absolviert.

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ABC 08.10.2010 - 15:23:51

@Frank

Ich bin übrigens kein Frankurter und kann deshalb von Ihnen mit der Pauschalierung "Der Frankfurter fühlt sich schnell angegriffen." gar nicht gemeint sein kann, nicht wahr ;-)? Im übrigen bin ich nicht -wie sie hier insiunieren- von der alten Generation, die noch irgendwo ankommen muss. Ganz im Gegenteil. Ich bezog mich explizit auf die textliche Gestaltung und den unsinnigen Wortschöpfungen, denen man täglich in der deutschen Presse ausgesetzt ist. Und nur darauf bezog sich meine Hoffnung, dass es Redaktionen gibt, in denen noch gegengelesen wird. Die Tatsache, dass sie darin einen Ruf nach Zensur vermuten, wäre mir nie gekommen und lässt mich wiederum vermuten, dass Sie gedanklich noch stark in dieser Zeit -die Sie hier andeuten- verhaftet sind. Ich bin nur der Meinung, man soll Dinge auch einfach mal so nehmen wie sie sind und nicht immer ein grosses Mysterium daraus machen. Und mal im Ernst, Frankfurt lag meines Wissens nach noch nie In Polen. Warum also schreiben, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten wäre? All die Jahre, die ich in Frankfurt gelebt habe, habe ich nicht einen einzigen "echten" Frankfurter getroffen, der sich ernstlich in dieser Verwirrnis befände (Gott Sei Dank muss man ja mal sagen wissen die Meisten, dass die Dammvorstadt nicht mehr zu Deutschland gehört.)

Frank 08.10.2010 - 12:59:14

Anderer Blickwinkel. Gut so.

Es ist immer gut, auch einmal die Meinung eines "Außenstehenden" zu hören. Da dieser die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, sieht er die Dinge anders, als der Einheimische. Das ist normal. Und das ist gut so. Ich mag das. Frau Baum und ABC mögen das nicht. Sie fühlen sich angegriffen (Der Frankfurter fühlt sich schnell angegriffen.) #I. Baum: "Zwischen 1945 und 1990 haben beide Städte bewiesen, dass sie sehr wohl allein existieren können." - Genau. Und das war, wie wir alle wissen, eine echte Blütezeit beider Städte. #ABC: "Liest eigentlich in der MOZ niemand mehr gegen bevor irgendwas veröffentlicht wird?" - Also ich bin ganz dankbar, dass die Zeit der "Gegenleser" vorbei ist. Wirklich schade, dass manche Frankfurter noch so gar nicht in der Gegenwart angekommen sind. Das macht es für Nicht-Frankfurter nicht gerade leicht, diese Stadt und seine Einwohner zu mögen.

ABC 04.10.2010 - 14:04:28

Doch die gibt es!

Man sollte ja vielleicht die ersten Ambitionen eines angehenden Journalisten oder sonstwie zukünftig vom Schreiben leben wollendem Studenten nicht allzu vorschnell verreissen, aber der Artikel ist -mit Verlaub- eine Ansammlung von romantisierendem Blödsinn. Zitat: "Slubice der polnischste Ort Deutschlands oder Frankfurt der deutscheste Ort Polens? Fragen, auf die es keine richtige oder falsche Antwort gibt." Zitat Ende. Und meine Antwort darauf, doch die gibt es und zwar ganz klar seit 1945 und das ist jetzt auch schon ein paar Generationen her. Liest eigentlich in der MOZ niemand mehr gegen bevor irgendwas veröffentlicht wird?

Irina Baum 04.10.2010 - 11:21:05

Münsteraner Provinzautor

Der Autor unterstellt: "Doch die Städte sind in einem Maße miteinander verwoben – historisch, kulturell, wirtschaftlich und städtebaulich – dass die eine ohne die andere nicht existieren könnte." Gegendarstellung: Zwischen 1945 und 1990 haben beide Städte bewiesen, dass sie sehr wohl allein existieren können. Die platte Sprache des provinziellen Münsteraner Autors ist ahistorisch. Wer sich seinen Artikel genau durchliest, merkt, dass er vorher intensiv diverse MOZ-Artikel studiert hat. Fleissig gelesen hat er, aber seine angekupferte Meinung ist belanglos. Frankfurter Bürger in diesem Stil zu beurteilen kann ich nicht akzeptieren. Deshalb: Note 5!

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