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Hunderte Besucher kamen wieder zum Abfischen nach Altfriedland / Berufsstand befindet sich im Wandel

Abfischen
Fischer Timms wichtigster Tag

Bernd Röseler / 13.11.2017, 06:30 Uhr
Altfriedland (MOZ) Ungemütlich ist es draußen zumeist, wenn Jörg Timm und sein Team vom Altfriedländer Angelparadies zum großen Teichabfischen einladen. Jedes Jahr im November holen sie kapitale Marmor- und Graskarpfen, Welse oder Bleie an Land. Am Sonnabend war es wieder soweit.

Herbstdunst wabert über den 13 Altfriedländer Teichen. Das 250 Hektar große Wasserparadies schlummert in morgendlicher Ruhe. Die Fischer stehen am Teichrand. Sie warten auf das Signal zum Beginn des Fischzuges. Mehr und mehr Besucher stellen sich ein. Joachim Böckle und Karin Scharmann ziehen die Kragen ihrer Jacken hoch. Eisig pfeift der Wind. Die Berliner Rentner sind früh aufgestanden. "Das Altfriedländer Schaufischen ist ein Muss", erzählt die Frau, die lange im Oderbruch gelebt hat und jetzt in der Hauptstadt wohnt.

Inzwischen mögen es an die einhundert Schaulustigen sein, die gebannt auf die modrige Sumpffläche schauen. Nur noch ein kleines Becken am Ablass des Teiches ist mit Wasser gefüllt. Immer wieder tauchen daraus ein paar Rückenflossen auf.

Schließlich gibt Stefan Timm das Signal: "Wir fangen an." In weitem Bogen spannen die Fischer das Netz. Bis zur Hüfte stehen sie im Wasser mit ihren dick gefütterten Arbeitskombis. Meter um Meter ziehen sie das Fanggerät zusammen. Ein Karpfen nach dem anderen wandert in die Kescher der Fischer. Fünf, acht, zehn Kilo und mehr dürften sie auf die Waage bringen. Die Fischer müssen ordentlich anpacken, um die Tiere in den an Land stehenden Hältertrog zu hieven.

Während die Männer im Teich mit den Naturgewalten ringen, steht der Chef auf dem Betriebshof am Räucherofen und überwacht die Aale, Forellen und Lachse, die hier im Rauch hängen. Das Kommando unten beim Fischen hat Jörg Timm seinem Sohn Stefan übertragen. Auch er ist Fischermeister. Im kommenden Jahr soll er das Geschäft vom Vater übernehmen. Der betreibt seit 1993 das Angelparadies. Neben den beiden Timms gehören heute die Frauen Manuela Ritzmann und Heike Mohr zum Mitarbeiterstamm.

"Das Fischereihandwerk ist im Laufe der Zeit immer schwieriger geworden", blickt Jörg Timm auf die vergangenen fast 25 Jahre zurück. "Heute bieten die großen Ketten und Supermärkte Fisch in Hülle und Fülle an, zu Preisen, zu denen wir als kleine Privatfischer nicht produzieren können." Dazu kommen die Veränderungen in Natur und Umwelt, die den Fischern das Leben schwer machen. Während sich die einen über die Ausbreitung von Kormoranen, Reihern, Otter und Biber freuen, bringen diese Tiere andererseits die Fischer in existenzielle Bedrängnis. "Wir haben bei uns an manchen Tagen mehr als tausend Kormorane, die ständig darauf lauern, die jungen Karpfen aus dem Wasser zu holen", erzählt Jörg Timm. Durchschnittlich mehr als 30 kleine Fische müssen die Fischer in ihre Teiche einsetzen, um am Ende einen Speisekarpfen heranzuziehen.

Jörg Timm sieht den Beruf des Fischers, der zu den traditionsreichsten in dieser Region gehört, als aussterbendes Handwerk. Die Veränderungen des Marktes und der Natur, steigende Abgaben und Kosten für Wasser- und Bodenverbände - all das gefährdet die Zukunftsfähigkeit der Binnenfischerei. "Mag sein, dass ich das zu düster sehe," räumt der Altmeister ein. "Die Jugend hat ja da meist einen optimistischeren Blick." Er denkt dabei wohl auch an seinen Sohn. Der meint: "Unsere Zukunft ist nicht der traditionelle Fischfang, es sind die Angler, die zu uns kommen, um hier ihrem Sport nachzugehen, sich dabei zu erholen. Und die bereit sind, dafür Geld zu bezahlen." Der Fischer wird mehr und mehr zum Tourismusanbieter.

Während Jörg Timm über das Früher, Heute und Morgen seines Berufsstandes nachsinnt, strömen immer mehr Besucher auf den Betriebshof in Altfriedland. Unten an den Teichen haben die Fischer alle Hände voll zu tun. Der Fischzug hat sich inzwischen zu einem kleinen Volksfest entwickelt. Ganze Familien zieht es hier her. Väter haben ihre kleinen Kinder auf dem Rücken. Ein Stück weiter tummeln sich Halbwüchsige in Gummistiefeln im Schlamm. Und im Verkaufskiosk geht ein frisch geräucherter Fisch nach dem anderen über den Ladentisch. "Der Fischzug im Herbst ist unser wichtigster Tag im Jahr", sagt Jörg Timm. Und eine tolle Werbeveranstaltung für einen Berufszweig, der vielleicht nicht am Aussterben, dafür aber aktuell im Wandel begriffen ist.

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