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Handwerk
Brandenburgs letzter Zinngießer

Der letzte Zinngießer Brandenburgs: Lutz Werner aus Stahnsdorf, 74 Jahre alt.
Der letzte Zinngießer Brandenburgs: Lutz Werner aus Stahnsdorf, 74 Jahre alt. © Foto: MOZ
Jan-Henrik Hnida / 04.12.2017, 20:35 Uhr - Aktualisiert 04.12.2017, 22:16
Stahnsdorf (MOZ) Die silbrig-weiße Masse fließt nicht - sie scheint eher zu tropfen. Ähnlich wie an Silvester, wenn man Blei gießt - nur dass Lutz Werner in seiner heimischen Werkstatt in Stahnsdorf flüssiges Zinn in eine Form fließen lässt. Er ist Zinngießmeister und übt das alte Handwerk seit 45 Jahren aus, zusammen mit seiner Frau Erika.

Die Oberfläche zum Glänzen zu bringen, sei die Herausforderung am Zinngießen. Lutz Werner steht im Ausstellungsraum und hält einen Kerzenhalter mit Tannenzapfen unten dran in seiner Hand. In seiner umfunktionierten Tiefgarage sollen Besucher sein Handwerk begreifen können.

Aber bevor es um den Feinschliff geht, steigt der 74-Jährige in den Keller seines Hauses, wo der Elektroofen steht. "Hier geben wir flüssiges Zinn in die Gießgrube", sagt er. 50 Kilogramm fasst die Vorrichtung. Er nimmt einen rohen Zinnblock in die Hand. "Unter Zinn stellt man sich immer was Graues und Furchtbares vor: das ist ein ganz weißes Metall - und bleibt über lange Zeit so." Der Meister erhitzt das Zinn-Bad auf 400 Grad und taucht die Form hinein, damit das flüssige Zinn später beim Eingießen in der Form nicht kleben bleibt. Mit einer Schöpfkelle gießt er das flüssige Metall in die Form und taucht es dann zur Abkühlung in ein Wasserbad.

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"Ich hatte schon immer die Vorstellung, etwas mit flüssigem Metall zu machen", begründet Werner, als Letzter seiner Zunft in Brandenburg. Es fing mit Beobachtungen in seiner Leipziger Kindheit an, als der Vermieter des Hauses, ein Jäger, die Gewehrmunition einschmolz "Das hat mich nicht losgelassen". In den 1960er-Jahren arbeitete er zuerst als Rundfunkmechaniker, später als Elektro- und Feinwerktechniker in Brandenburg. Zehn Jahre in der Industrie reichten ihm: "Ich hätte mich weiter qualifizieren und Leute unter mir haben müssen. Da bin ich nicht der Typ für." So machte er sich Anfang der 70er-Jahre selbstständig.

Eine Ausbildung zum Zinngießer folgte. Zu Hause legte er sich eine Werkstatt an. Bis zur Wende lieferten er und seine Frau ihren Zinn-Schmuck an zehn Galerien. Doch dann wurden die Pakete von den Galeristen zurückgeschickt - "kommentarlos". "Wir standen das erste Mal ohne einen Pfennig da." Da war Eigeninitiative gefragt. Die Werners fuhren zu Messen von London bis nach München und boten ihre Zinn-Ware persönlich an - und trafen gleichgesinnte Handwerker und Künstler. So kam das Geschäft wieder ins Rollen.

Werner macht alles selbst - ohne Fremdleistung, wie er sagt. Angestellte hat er nicht. Beruflicher Nachwuchs? "Niemand.", sagt er. Von den sechs Ausgebildeten seien alle weggegangen. "Als Zinngießer muss man eben viel vereinen", sagt Werner, Handwerkskunst, Messebesuche plus eine große Portion Hingabe - wie seine Biografie zeigt.

Wieder in der Gießerei. "Mit Hilfe der Schleuderguss-Technik können wir Rohlinge für sämtlichen Baumschmuck gießen", erklärt der Meister. Zünftig gekleidet mit Mütze, Arbeitshemd und lederner Schütze nimmt er ein Gussteil mit Sternen und Monden in die Hand. Nach dem Herausklopfen der Figur aus der Silikon-Kautschuk-Form geht es durch den Garten in die Werkstatt.

An einer alten Drehmaschine wird bei rotierenden Stücken der Span abgehoben, geschabt und poliert. So entstehen zum Beispiel Christbaumkerzen-Halter mit Tannenzapfen oder Sternen. An der Werkbank lötet Werner Zinn-Monde und -Männchen zusammen. "Wir arbeiten in der Tradition des Gablonzer Christbaumschmucks, der Glas als Hauptbestandteil hat." Die Werner'sche Variante: Zinn als Träger der Glasperlen - violette oder grüne Glasperlen werden aufgefädelt.

Zweihundert Kilogramm des Metalls verarbeitete er früher pro Jahr. Nun sind es kleinere Mengen, je nach Bedarf. Doch in der Weihnachtszeit herrscht Hochbetrieb. Obwohl Zinn-Deko oder -Geschirr heutzutage nur noch mit dem 60er-Jahre-Charme zu "Eiche rustikal" in Verbindung gebracht werde: Weihnachten scheint eine Ausnahme zu sein. Da strahlen polierte Zinn-Kerzenhalter und die Augen der Zinn-Käufer um die Wette.

An den Adventstagen können Deko-Fans die heimatliche Ausstellung besuchen. "Modernes Zinn zum Anfassen" eben - wie es auf dem Schild an Lutz Werners Haus steht. Ein Handwerk, das hoffentlich nicht ausstirbt.

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