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Start-up
Zähes Ringen um den Hausfrieden

Elizabeth Katsch ist Gründerin der Plattform „Mieterengel“.
Elizabeth Katsch ist Gründerin der Plattform „Mieterengel“. © Foto: MOZ
Henning Kraudzun / 05.12.2017, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Bislang beraten vor allem Mietervereine in allen Fragen rund um die Wohnung. Jetzt drängen Unternehmen auf den Markt. Ein Berliner Start-up wurde von einer Brandenburgerin gegründet.

Die 91-jährige Seniorin war verzweifelt. Kaum hatte sich der neue Eigentümer vorgestellt, kündigte er ihren Jahrzehnte alten Mietvertrag - wegen eines Eigenbedarfs. Für die schwerbehinderte Berlinerin ein weiterer Schicksalsschlag. "Unsere Anwälte haben sich heftig gewehrt", sagt Elizabeth Katsch. Am Ende fand die Rentnerin eine neue Wohnung und erhielt eine Abfindung in fünfstelliger Höhe.

Ähnliche Fälle registriert die Gründerin der Plattform "Mieterengel" immer wieder. Viele Vermieter würden wenig Rücksicht auf die Lebenssituation der Mieter nehmen, berichtet die 25-jährige Betriebswirtin, die zusammen mit einem Kollegen ein neuartiges juristisches Beratungsangebot aufgebaut hat. "Oft werden auch gesetzliche Grenzen überschritten."

Das Problem ist aus Sicht von Katsch, die aus Fredersdorf (Märkisch-Oderland) stammt, dass viele Mieter ihre Rechte nicht kennen und diese daher nicht einfordern. Oft würden Mängel und eine überzogene Betriebskostenabrechnung hingenommen, um keinen Ärger mit dem Vermieter zu riskieren. Denn der Wohnungsmarkt ist in Berlin und anderen Metropolen extrem angespannt.

So wandte sich eine junge Frau unlängst an die "Mieterengel", die über Monate in einer feuchten, schimmeligen Parterrewohnung lebte. Grund war ein geplatztes Kellerrohr. "Der Vermieter hatte dennoch beharrlich abgestritten, dass ein baulicher Mangel vorlag", berichtet Katsch. "Erst auf Druck unseres Partneranwalts rückten die Handwerker an."

Dabei basiert die Online-Plattform auf einem deutschlandweiten Netzwerk von Anwälten, die Fragen der Mieter unter anderem per Whatsapp beantworten - ein zweites Standbein neben ihrer Tätigkeit in den Kanzleien. Als Konkurrenz zu den in vielen Städten aktiven Mietervereinen sieht sich Katsch jedoch nicht: "Wir sehen uns als Ergänzung und bedienen vor allem die digitalen Kanäle."

So müsse man bei herkömmlichen Beratungsangeboten oft mehrere Wochen auf einen persönlichen Termin warten, meint die Firmengründerin, die mittlerweile 14 Mitarbeiter in einem Hinterhaus-Büro in Berlin-Kreuzberg beschäftigt. "Das geht auch in Echtzeit, zumal man heutzutage alles im Internet bestellen kann", meint sie. 98 Prozent der Fälle ließen sich außergerichtlich klären.

Ein weiteres Feld sind überzogene Mietpreise, die inzwischen zwar gesetzlich reguliert sind, aber dennoch in schwindelerregende Höhen klettern - zumeist in Berlin und München. Vor Abschluss eines neuen Vertrags wendet sich niemand an die "Mieterengel" - aus Angst, dass die Zusage doch noch zurückgezogen wird. "Aber auch danach hat man Zeit, seine Rechte einzufordern."

Mittlerweile hat das Anfang 2017 gestartete Portal schon Tausende Kunden gewonnen, die jeweils einen jährlichen Beitrag von 79 Euro zahlen. Gekoppelt ist das Angebot an eine große Assekuranz - falls sich ein Gerichtsverfahren doch nicht vermeiden lässt. "Zwar lassen sich viele Urteile googeln, aber es kommt eben immer auf die konkreten Klauseln in einem Mietvertrag an", betont Katsch.

Beim Berliner Mieterverein, der allein 160 000 Mitglieder zählt, erkennt man dagegen sehr wohl eine Konkurrenz und verweist auf eigene Erfahrungen, die man mit Beratungen außerhalb der digitalen Welt gesammelt hat. "Ein Rechtsproblem lässt sich nicht nur online erörtern", meint Geschäftsführer Rainer Wild. Die etablierten Mieterschutzorganisationen arbeiten aus seiner Sicht "präziser".

An Arbeit mangelt es nicht. Die Beratungen seien aufgrund einer massiven Mieterhöhungswelle deutlich angehoben worden. Nach einer aktuellen Analyse wurde in zwei Drittel der untersuchten Fälle gegen gesetzliche Bestimmungen verstoßen. Um elf Prozent wurden demnach die Berliner Mieten im Durchschnitt angehoben. "Manche Vermieter versuchen alle Tricks", warnt Wild.

Nach Angaben des Deutschen Mieterbundes haben Gerichte im vergangenen Jahr rund 260 000 Urteile zum Mietrecht gefällt. Beim Dachverband und den 300 örtlichen Mietervereinen wurden im gleichen Zeitraum rund 1,1 Millionen Rechtsberatungen registriert. "Aber man muss auch feststellen: Ein Großteil der Mietverhältnisse verläuft ohne Probleme", erklärt Geschäftsführer Ulrich Ropertz.

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