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Ein Fluss gibt Rätsel auf

Ralf Loock / 10.04.2010, 00:00 Uhr - Aktualisiert 12.04.2010, 13:43
In Frankfurt (In House) erschien 1543 ein kleines Buch, dessen Wirkung bis heute anhält und sichtbar ist. Der Autor war der Renaissancegelehrte Jodocus Willich (1501–1552). Er unterrichtete als Professor an der alten Frankfurter Universität. Willich, der die altgriechische Sprache beherrschte, hat viele der damals fast vergessenen Autoren der Antike gelesen – unter anderem auch den Geografen Ptolemaios (um 100 bis etwa 175 n. Chr.). In seiner Schrift von 1543 gab er nun als Druckort nicht Frankfurt an, sondern „cis Viadrum“. Abgeleitet hatte er diese Angabe von der Flussbezeichnung Viadrus bzw. Viadua, die er bei Ptolemaios entdeckt hatte. Dieser Brauch wurde schnell Mode, und so entstand daraus der Schmuckname Viadrina, was so viel wie „Die an dem Viadrus gelegene“ bedeutet. Das Buch ist die Grundlage dafür, dass heute am Hauptgebäude der Frankfurter Universität in großen Lettern der Name Viadrina steht.

Das Problem dabei ist, dass Jodocus Willich einfach mal geraten hat, dass die Oder mit dem Viadrus zu identifizieren ist. Und dass seit dem 16. Jahrhundert seine Angabe von einer Forschergeneration zur nächsten einfach abgeschrieben wurde.

Doch stimmt Willichs Gleichsetzung „Die Oder ist der Viadrus“ überhaupt? Mit modernen Methoden überprüfen jetzt Forscher an der Universität Bern sowie an der Technischen Universität Berlin die Angaben von Claudios Ptolemaios.

Der im ägyptischen Alexandria lebende Forscher erwähnt in seiner Geographia auch für den Ostseeraum die Koordinaten der Mündungen der Flüsse Chalusus, Suebus, Viadua und Vistula. Die Vistula ist die Weichsel, dies ist unstrittig.

Es ist das große Verdienst von Alfred Stückelberger und seinen Mitarbeitern von der Ptolemaios-Forschungsstelle an der Universität Bern, im Jahr 2006 die Geographia in einer zweisprachigen Ausgabe (Altgriechisch und Deutsch) herausgegeben zu haben. In ihrem Werk gehen die Berner Forscher auch auf die Frage ein, mit welchem antiken Namen Ptolemaios die Oder meinte. Der Suebus sei die Oder, lautet ihre Antwort. Die Viadua würde dann im Gebiet zwischen der Oder und der Weichsel liegen.

Eine Einschätzung, die die Berliner Forschergruppe um Dieter Lelgemann teilt. Auch nach ihren Berechnungen ist der Suebus die Oder, der Fluss Viadua ist die Wipper, die durch Hinterpommern fließt und bei Rügenwaldermünde (Darlowko) in die Ostsee mündet. Der Berliner Professor will in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt Ptolemaios Karte entzerren und damit einzelne Orte und Flüsse identifizieren.

Jetzt ist der von Alfred Stückelberger und Florian Mittenhuber herausgegebene Ergänzungsband zu Ptolemaios’ Geographia erschienen. Auch dem mitteleuropäischen Raum ist ein Aufsatz gewidmet; Friedrich E. Grünzweig untersucht die Daten zu Städten, Stämmen und Flüssen. Viel diskutiert wird die Frage, ob sich einzelne Ortsnamen, die bei Ptolemaios notiert wurden, in gewandelter Form über Spätantike, Mittelalter bis in die Neuzeit erhalten haben. Die Zahl der Städte, die eine solche Namenskontinuität aufweisen können, bewertet aber Friedrich E. Grünzweig als gering. Allerdings seien Einzelfälle möglich, er verweist auf Ptolemaios’ Angabe Calisa, dieser Name wird von einigen Forschern mit dem heutigen polnischen Kalisch identifiziert.

Der Ergänzungsband ist eine sehr gründlich recherchierte und gut geschriebene Arbeit. Allerdings muss man kritisch anmerken, dass die Zusammenarbeit und der geistige Austausch zwischen den Forschungsstellen in Bern und Berlin noch ausbaufähig ist. Alfred Stückelberger schreibt in dem Ergänzungsband, dass die Verzerrung mit „wachsender Entfernung nach Osten erheblich“ zu nehme, „weshalb es nicht möglich sein wird, mit einem einheitlichen ,Entzerrungsfaktor‘ das Problem der Längenverzerrungen in den Griff zu bekommen“. Auch wenn die Berliner Forscher hier nicht namentlich erwähnt werden, so handelt es sich bei diesem Satz, wie Alfred Stückelberger im Gespräch ergänzend mitteilt, „natürlich um eine Stellungnahme zum Berliner-Projekt“. Viele von dessen Prämissen würden die Berner „für nicht tragfähig“ halten.

Eine besondere Neuerscheinung ist in diesem Zusammenhang das Buch „Antike geographische Namen nördlich der Alpen“ von Gerhard Rasch. Bei dem Werk handelt es sich um die Doktorarbeit, die Rasch 1950 an der Universität Heidelberg vorlegte, die aber damals nicht gedruckt wurde. Die Bedeutung dieser Arbeit wurde bald von vielen Althistorikern und Namensforschern erkannt, und seine Bedeutung stieg quasi von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Dem Band beigegeben wurde der Aufsatz von Hermann Reichert „Germanien in der karthographischen Sicht des Ptolemaios“. Für ihn ist klar, dass an der Mündung des Suebus die Stadt Swinemünde liegt, also die Oder nicht die Viadua, sondern der Suebus ist.

Mit der Frage, wie Wissen damals über Jahrhunderte weitergegeben wurde, beschäftigen sich zwei neue Studien. In dem Buch „Die Welt der europäischen Straßen. Von der Antike bis in die Neuzeit“ werden die historischen und archäologischen Quellen zusammengetragen, um das Verkehrswegenetz zu rekonstruieren. Bei der Lektüre dieses Buches erinnert man sich daran, dass Ptolemaios bewusst eine rein wissenschaftliche Arbeit und keinen Straßenatlas geschrieben hat.

Bei der zweiten Studie handelt es sich um die von Ingrid Baumgärtner und Hartmut Kugler herausgegebene Aufsatzsammlung „Europa im Weltbild des Mittelalters. Kartographische Konzepte“. Der zeitliche Schwerpunkt liegt dabei auf dem Mittelalter, in seinem Aufsatz „Das Europabild bei Ptolemaios“ kann Alfred Stückelberger daran erinnern, dass eine der zentralen Grundlagen der kartographischen Darstellungen in Mittelalter und Renaissance die Geographia des Alexandriners war.

Alfred Stückelberger und Florian Mittenhuber (Hrsg.): „Klaudios Ptolemaios, Handbuch der Geographie“, Ergänzungsband, Schwabe Verlag 2009, 487 Seiten, 89,50 Euro. 
Gerhard Rasch: „Antike geographische Namen nördlich der Alpen“, Verlag de Gruyter, Berlin 2005, 284 S., 98 Euro
Thomas Szabó (Hrsg.): „Die Welt der europäischen Straßen“, Böhlau Verlag, Köln 2009, 47,90 Euro Ingrid Baumgärtner, Hartmut Kugler (Hrsg.): „Europa im Weltbild des Mittelalters“, Akademie Verlag, Berlin 2008, 330 Seiten, 69,80 Euro

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