Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Trotz eines Drohbriefs von Rechtsextremen - Lehrer kämpft gegen Fremdenhass

Trotz Drohbrief
Lehrer kämpft gegen Fremdenhass

Im Asylheim am Bahnhof: Wolfgang Rall (56) kämpft seit Jahren für Toleranz in seiner Heimat Angermünde.
Im Asylheim am Bahnhof: Wolfgang Rall (56) kämpft seit Jahren für Toleranz in seiner Heimat Angermünde. © Foto: MOZ/Christopher Braemer
Christopher Braemer / 08.12.2017, 19:48 Uhr - Aktualisiert 09.12.2017, 08:48
Angermünde (MOZ) Die Quittung für sein Engagement für ein weltoffenes, gewaltfreies und tolerantes Angermünde erhielt ein Lehrer in Briefform. Doch Wolfgang Rall lässt sich davon nicht einschüchtern. Die Statistik zeigt: Gewalt gegen Unterstützer von Flüchtlingen in der Mark sinkt seit 2015.

Als Religionslehrer Wolfgang Rall Mitte August den Postkasten leerte, fand er einen Brief, der es ihm kalt über den Rücken laufen ließ. Dieser, gelinde gesagt, hetzt gegen "Gutmenschen-Abschaum" wie den Lehrer aus Angermünde (Uckermark). Er helfe "radikalen Arabern und Schwarzen" in Deutschland, das nicht mehr deutsch sei, weil es sich mit der "Köterrasse" abgebe und sich selbst abschaffe. All das werfen die Verfasser Rall vor, der sich seit Jahren gegen Fremdenhass und für Toleranz engagiert.

Auch wenn der computergeschriebene Text mit handgeschriebener Adresse auf dem Umschlag keine direkten Drohungen enthält, so scheinen seine Urheber sagen zu wollen: "Wir wissen, wer du bist, wo du wohnst und was du machst - und nächstes Mal kommen wir vielleicht nicht nur als Brief." Rall bleibt gelassen. "Von so was lasse ich mich nicht einschüchtern", sagt der Lehrer, der umgehend Anzeige erstattete.

Den Rechten in Angermünde ist der 1998 aus Berlin Zugezogene längst kein Unbekannter mehr: In der Szene wird der Lehrer "Juden-Rall" genannt, was ein Graffito auf der Straße bewies. "Ich reiße jeden Aufkleber ab, den ich finde, organisiere Fahrten nach Auschwitz, nach Sachsenhausen, Gedenkveranstaltungen und veranstalte Begegnungsevents für Flüchtlinge und Bürger", erklärt Rall, der am Einstein-Gymnasium unterrichtet.

Seit 1998 engagiert sich der Religionslehrer im "Bürgerbündnis für eine gewaltfreie, tolerante und weltoffene Stadt", das 2005 einschlief und 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise wiedergegründet wurde. Vor den Bundestagswahlen hing Rall mit Schülern und Bündnis-Mitstreitern über 100 Storch-Heinar-Plakate auf. Die Satire nimmt die rechtsextreme Bekleidungsmarke Thor Steinar auf die Schippe.

Mit seinem Engagement stößt Rall verständlicherweise nicht auf Gegenliebe in der rechten Szene. Eine Halbmastaktion zur Befreiung von den Nationalsozialisten am 27. Januar, die seit 2015 von Rall organisiert wird, wurde in diesem Jahr aggressiv von einem Neonazi im Auto gestört. "Der Mann beleidigte die Teilnehmer der Aktion massiv und fuhr mehrmals um den Marktplatz, während Rechtsrock aus seinem Pkw dröhnte", erinnert sich der 56-Jährige.

Einer Bündnis-Kollegin, der Rall den Brief zeigte, hat die Hetze zunächst Sorgen bereitet. "Ich habe befürchtet, auch so einen zu finden", erzählt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Sie bringt Flüchtlingen Deutsch bei. "Es kamen jedoch keine weiteren Briefe", sagt sie beruhigt.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die Fälle von Gewalt gegen Flüchtlingshelfer in Brandenburg zuletzt zurückgingen. Hat das Innenministerium im Hochjahr 2015 noch 22 Straftaten registriert, so waren es im vergangenen Jahr sechs - darunter ein im Landkreis Oberhavel angezündeter Van mit einem Refugees-Welcome-Schild auf dem Dach. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres wurden fünf Straftaten wie Volksverhetzung, Sachbeschädigung oder Körperverletzung gegen Unterstützer von Flüchtlingen dokumentiert: in Cottbus, Wittenberge und Neuruppin.

"Auch wenn sich die Lage beruhigt hat, gibt es nie eine hundertprozentige Sicherheit", sagt die Linke-Landtagsabgeordnete Andrea Johlige, die sich für Flüchtlinge einsetzt und deren Büro in Nauen (Havelland) schon mehrmals Opfer von rechter Gewalt wurde.

"Angermünde ist keine rechte Hochburg", verteidigt Rall seine Heimat. "Ich glaube, in der Uckermark brauchen wir nicht so viele Worte, sondern Taten", resümiert er. "Ein Hakenkreuz muss man melden, sodass es als Straftat erfasst wird."

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG