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Viagra ohne Rezept - nicht bei uns

Originale (r) und gefälschte Viagra-Tabletten während einer Pressekonferenz zu Arzneimittelfälschungen gezeigt.
Originale (r) und gefälschte Viagra-Tabletten während einer Pressekonferenz zu Arzneimittelfälschungen gezeigt. © Foto: dpa
Hajo Zenker / 10.12.2017, 19:58 Uhr
Berlin (MOZ) Viagra hat seit der Markteinführung 1998 für viele Männer Sex wieder möglich gemacht. Voraussetzung: Man lässt sich das Potenzmittel verschreiben. Oder man vertraut auf Internetanbieter. Großbritannien gibt den Verkauf nun frei - ein Gespräch mit dem Apotheker ersetzt das Rezept. In Deutschland wird es damit wohl nichts.

"Viagra ist und bleibt ein Medikament. Wie mit jedem anderen sollte damit nicht leichtfertig umgegangen werden", sagt die grüne Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche. Daher brauche es vor einer Einnahme immer die Konsultation mit einem Arzt. Auch ihre sozialdemokratische Bundestags-Kollegin Hilde Mattheis hält bei Medikamenten mit möglichen schweren Nebenwirkungen eine Verschreibungspflicht immer für angezeigt. "So verhält es sich auch bei Viagra." Und der CDU-Gesundheitspolitiker Rudolf Henke, selbst Arzt, warnt: "Nebenwirkungen und mögliche Wechselwirkungen sind nicht zu unterschätzen, weshalb eine ärztliche Untersuchung vor der Nutzung dringend geboten ist."

Angesichts dieser Stimmungslage ist es kein Wunder, dass Viagra-Hersteller Pfizer abwinkt: Für Deutschland sei die Umstellung auf rezeptfreie Abgabe "unwahrscheinlich", sagt Sprecherin Susanne Straetmans. Anders sieht die Sache in Großbritannien aus, wo Pfizer durchsetzen konnte, dass ab kommendem Frühjahr die Rezeptpflicht erlischt. Dann soll der Apotheker in einem Beratungsgespräch für Sicherheit sorgen. Nicht erhalten sollen Viagra nämlich Männer mit Herz-Kreislauf-Problemen - jede größere körperliche Anstrengung, also auch Sex, kann da gefährlich sein. Auch bei schweren Leber- oder Nierenschäden soll Viagra tabu bleiben.

Bisher sind Potenzmittel mit dem bei Viagra vorhandenen Wirkstoff Sildenafil lediglich in Neuseeland (seit 2014) und Polen (seit 2016) ohne Rezept erhältlich. Auch hier tragen die Apotheker die Verantwortung dafür, dass unerwünschte Nebenwirkungen möglichst vermieden werden - in Neuseeland müssen die Pharmazeuten dazu besonders geschult sein, in Polen haben die Männer in der Apotheke zunächst einen Fragebogen mit 25 Punkten zu beantworten, in dem etwa nach der Einnahme anderer Medikamente oder bisher aufgetretenen Krankheiten gefragt wird. Das soll Aufschluss darüber geben, ob dem Wunsch nach Erwerb des Potenzmittels nachgekommen werden kann. Wobei in Polen nicht Original-Viagra, sondern ein Nachahmerpräparat so erhältlich ist - da für Viagra der Patentschutz 2013 ausgelaufen ist, sind von diversen Herstellern mittlerweile Sildenafil-Produkte unter verschiedenen Namen zu bekommen.

Viagra hat das weltweite Liebesleben durchaus nachhaltig verändert. Mit der Markteinführung war die "erektile Dysfunktion" erstmals bei vielen Betroffenen vergleichsweise problemlos behandelbar, ein Sexualleben wurde wieder möglich. Kein Wunder, dass das Internet voll ist von angeblich total preisgünstigem, und total echtem Viagra. Was auch daran liegt, dass bei uns trotz Rezepts das nicht gerade billige Viagra gemeinhin selbst bezahlt werden muss.

Fälscherbanden jedenfalls werden auch in Deutschland immer wieder von der Polizei hochgenommen. Und trotzdem gelangen Jahr für Jahr Millionen gefälschte Potenzpillen an Männer, die sich so Linderung ihrer Probleme erhoffen. Bestenfalls bleibt lediglich die Wirkung aus, schlechtestenfalls ist die Dosierung gefährlich hoch oder sind sogar Arsen oder Blei in den blauen Rhomben enthalten. Verrückt ist: Obwohl Viagra bereits seit 20 Jahren erhältlich und das Thema Erektionsstörung also längst kein Tabuthema mehr ist, scheuen noch immer viele Männer davor zurück, mit einem Arzt darüber zu reden.

Genau darauf zielt auch die Begründung der britischen Arzneimittelbehörde MHRA: Man wolle Männern helfen, "die sonst keine Hilfe im Gesundheitssystem suchen", also Arztbesuche vermeiden und sich bisher die Mittel über dubiose Internetseiten beschafften. Die Behörde hofft, damit dem illegalen Handel mit häufig gefälschten Potenzmitteln das Wasser abzugraben. Für die linke Bundestagsabgeordnete Sylvia Gabelmann ist das "ein Armutszeugnis". Damit werde "vor verbrecherischen Handlungen kapituliert, gegebenenfalls auch zu Lasten des Patientenschutzes".

Dass Medikamente aus der Rezeptpflicht entlassen werden, kommt aber immer wieder vor. Zuletzt 2015, als für die "Pille danach", mit der nach einer Verhütungspanne eine Schwangerschaft verhindert werden soll, die Verschreibungspflicht erlosch. Das entsprechende Verfahren startet in der Regel mit einem Antrag des Herstellers. Damit beschäftigt sich der zweimal im Jahr tagende, beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ansässige Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht, ein Gremium, dem die Gesundheitspolitiker der Bundestagsfraktionen übrigens höchste Kompetenz zubilligen. Und das als sehr kritisch in Bezug auf die rezeptfreie Abgabe von Potenzmitteln gilt. Dem Ausschuss gehören über 20 Experten, zumeist Ärzte und Pharmazeuten, an. Er erarbeitet eine Empfehlung, die an das Bundesgesundheitsministerium geht. Das folgt der Empfehlung meistens und setzt sie per Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung um. Manchmal, wie bei der "Pille danach", will das Ministerium an der Rezeptpflicht aber festhalten. Dann kommt der Bundesrat mit seinem Gesundheitsausschuss ins Spiel, der die Haltung des Ministers aushebeln kann.

Das BfArM hält sich in Sachen Viagra bedeckt. Zu Details in Bezug auf den Ausschuss dürfe man gar nichts sagen, so Sprecher Maik Pommer. Und über die Aussichten eventueller Anträge könne man schon gar nicht spekulieren. Zu bestimmten Präparaten will sich auch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände nicht äußern, generell aber gelte, sagt Sprecher Reiner Kern, mit der Abschaffung der Rezeptpflicht von Medikamenten "können die deutschen Apotheken angemessen umgehen". So schnell dürfte dieser Fall bei Viagra nicht eintreten. Im Ausland könnte das anders aussehen. "Land für Land" werde man die Umstellung auf rezeptfreie Abgabe angehen, sagt Susanne Straetmans von Pfizer. Außer in Deutschland.

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