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Regionale Landwirtschaft Thema beim Trebnitzer Schlossgespräch / Rolle der Verbraucher angemahnt

Landwirtwschaft
Gefährliche Konzentrations-Trends

Im Gespräch: Moderator Darius Müller (v. r.) mit Henrik Wendorff und TAP-Geschäftsführer Frank Schumacher.
Im Gespräch: Moderator Darius Müller (v. r.) mit Henrik Wendorff und TAP-Geschäftsführer Frank Schumacher. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 13.12.2017, 06:50 Uhr
Trebnitz (MOZ) Zwei Stunden, mehr als bei den Schlossgesprächen üblich, haben etwa 25 Gäste am Montag angeregt mit den beiden Podiumsgästen über Zustand und Perspektiven im Agrarsektor diskutiert.

Henrik Wendorff ist nicht nur Betriebschef im nahen Worin und oberster Bauernvertreter im Kreis, sondern inzwischen auch Präsident des Landesbauernverbandes. Als solcher weiß er um regionale Unterschiede wie generelle Problemlagen. Fakt sei, dass aktive Landwirte heute im Schnitt nur noch drei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Nicht nur den Stadtbewohnern sei der unmittelbare Bezug zur Nahrungsmittelproduktion, den es noch vor 200 Jahren fast bei jedem gab, abhanden gekommen, skizzierte er einführend. "Doch mitunter sind es gerade die übrigen 97 Prozent, die genau sagen, wie wir zu arbeiten haben. Das macht uns schon zu schaffen."

Wendorff ist selbst Chef eines Bio-Betriebes, damit als Bauernpräsident im Bundes-Vergleich ein Exot. Für Brandenburg passe das aber. Denn der Konflikt zwischen konventioneller und Öko-Landwirtschaft sei hierzulande gar nicht so scharf. "Da wird von außen viel aufgebauscht, lokal sind die Übergänge aber eher fließend." Sein Podiumspartner Frank Schumacher, seit 1996 Chef der Trebnitzer Agrarproduktion, sieht das ähnlich. Nicht nur Wendorff ist ein Nachbar, auch in anderer Richtung liege gleich nebenan ein Öko-Betrieb.

Schumacher, in Niedersachsen aufgewachsen und erst nach der Wende ins Oderland gekommen, hat mit Wendorff nicht nur das gleiche Alter. Auch sonst haben die Landwirte einiges gemeinsam: Beide haben schon mit etwa 15 den Traktor-Führerschein gemacht. Und dem Agrarbereich verhaftet zu bleiben, war sozusagen familiär vorgezeichnet: Wendorffs Großvater war Fischer auf der Oder, der Vater Landwirt. Schumacher ist auf einem Bauernhof groß geworden, so der kurze Ausflug ins Persönliche, den Moderator Darius Müller, der Geschäftsführer des Trebnitzer Schlossvereins, unternahm.

Die brandenburgische Landwirtschaft steht nach dem in den zurückliegenden 25 Jahren erlebten Strukturwandel weiter vor immensen Herausforderungen, wurde während der zwei Stunden an zahlreichen Beispielen deutlich.

Stichwort Energiewende: Da gebe es inzwischen diverse Fehlentwicklungen, die man seitens der Politik korrigieren müsse, so der Konsens. "Für uns ist die Biogasverstromung schon ein Segen", führte Wendorff aus. "Wo da lokale Kreisläufe funktionieren, ist das eine gute Sache."

Von solchen Kreisläufen könne aber längst nicht überall die Rede sein. "Irgendwo muss Strom ja produziert werden, und das sieht man auch im Landschaftsbild", sieht das der in der Nähe von Gorleben aufgewachsene Schumacher ähnlich.

Was die Preise für diverse Erzeugnisse angehe, so hängen diese auch damit zusammen, dass es regional an Standorten der Weiterverarbeitung fehle. So habe Brandenburg keinen einzigen Großschlachthof mehr, an einer mobilen Lösung, die genehmigungsrechtlich schwierig sei, arbeite man seit drei Jahren gemeinsam mit dem Land, erklärte Wendorff. Derzeit müssen die Tiere noch bis ins mecklenburgische Teterow gebracht werden, wo für Öko-Schlachtungen nur ein Tag pro Woche reserviert sei.

Ähnlich sehe es bei Molkereien oder den zusammengebrochenen Strukturen der Gemüseverarbeitung aus. Der Bauernpräsident warnt vor weiteren Konzentrationsprozessen. Dass im Handel momentan fünf Supermarkt-Ketten 85 Prozent des Absatzes kontrollierten und damit Abnahmebedingungen (wie auch die aus der Runde angesprochene mangelhafte Kennzeichnung von Produkten nach regionaler Herkunft) diktieren könnten, sei bedenklich.

Das Beispiel Dänemark zeige aber, dass es noch schlimmer gehe. Dort kämen 85 Prozent der Schweineproduktion von einem einzigen Großbetrieb. Aber auch auf Verbraucherseite fehle es oft an Bewusstsein, setzte Schumacher hinzu. So sei es widersinnig, wenn sogar aus Trebnitz mit einem gut bestückten Dorfladen viele Bürger lieber den Weg zum Supermarkt auf sich nähmen.

Der Bündnis-Grüne Jan Sommer, mit Wendorff im Kreistag sitzend und selbst Öko-Landwirt aus Dahmsdorf, brachte das Gespräch immer wieder auf den Brennpunkt Bodenspekulation. Die Möglichkeiten des Gesetzgebers zum Eingreifen hält Wendorff auch nach engem Dialog mit der Politik für sehr begrenzt. Er hält es für hilfreicher, auf andere Stellschrauben zu setzen. Flächeneigentümer müssten überzeugt werden, an die lokalen Betriebe zu verpachten oder zu verkaufen, statt auf maximalen Erlös zu schauen. Ganz werde man Aufkäufe durch Spekulanten aber nicht stoppen können.

Sorgen macht Henrik Wendorff auch die Nachwuchssicherung. Schon jetzt sei die Personaldecke im Betrieb dünn, krankheitsbedingte Ausfälle seien oft ein großes Problem.

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