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Hersteller ziehen Angebote zurück / Verhandlungen beginnen neu / Kooperation mit anderen Städten geplant

Stadtverkehr
Neue Straßenbahnen kommen später

Unfallschaden: Die Bahn Nr. 303 wurde jetzt auf einem Tieflader nach Leipzig gebracht.
Unfallschaden: Die Bahn Nr. 303 wurde jetzt auf einem Tieflader nach Leipzig gebracht. © Foto: Oliver Raddy
Frank Groneberg / 13.12.2017, 20:02 Uhr - Aktualisiert 14.12.2017, 08:33
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Kauf der 13 neuen Niederflurbahnen für die Stadtverkehrsgesellschaft wird sich erheblich verzögern. Am Ziel, ab dem Jahr 2022 nur noch barrierefreie Bahnen in Frankfurt fahren zu lassen, wird aber festgehalten.

Am Mittwoch hat der Brandenburger Landtag das ÖPNV-Gesetz geändert. Auf dessen Grundlage werden die Kommunen bis 2022 mit 48 Millionen Euro beim Kauf neuer Straßenbahnen unterstützt (Bericht Seite 10). Auch für Frankfurt ist das eine gute Nachricht, denn bei der Finanzierung der 13 neuen Niederflurbahnen bis zum 1. Januar 2022 hilft jeder Euro. Die weniger gute Nachricht ist: Anders als am 27. April von der Stadtverordnetenversammlung (SVV) beschlossen, wird 2018 noch keine neue Straßenbahn durch Frankfurt rollen. Und auch 2019 werden noch alle Tatra-Bahnen ihren Dienst verrichten müssen. Denn die beiden Hersteller, die im Jahr 2015 ihre unverbindlichen ersten Angebote abgegeben hatten, haben diese wieder zurückgezogen.

Wie berichtet, hatten der polnische Hersteller Solaris und der tschechische Hersteller Skoda solche ersten Angebote eingereicht und mit einer Preisbindung versehen. Die Diskussion um den Zeitplan für den Straßenbahnkauf zog sich in die Länge, die Preisbindungen wurden mehrfach verlängert. Die Stadtverkehrsgesellschaft (SVF) durfte diese Angebote in dieser Zeit nicht endverhandeln, durfte erst nach dem SVV-Beschluss über den Kauf aller 13 Bahnen bis zum 1. Januar 2022 mit Solaris und Skoda in Kaufverhandlungen treten. Am 7. November endete dann die Frist für die Abgabe fester Angebote. Ergebnis: Es lagen keine Angebote vor.

Zu den Gründen sagt SVF-Geschäftsführer Christian Kuke nur: "Die wesentliche Begründung war in beiden Fällen, dass man das Ganze wirtschaftlich nicht darstellen konnte." Das heißt übersetzt: Zu dem 2015 angebotenen Preis wollen beide Hersteller die Bahnen nicht mehr liefern. Nach MOZ-Informationen wird zudem Solaris Straßenbahnen von jener Größe, wie sie in Frankfurt gebraucht werden, ohnehin nicht mehr produzieren - zum Jahresbeginn hatte das Unternehmen ein Joint Venture mit Stadler gebildet, die Fahrzeugproduktion wird neu strukturiert.

Für die SVF ist der Vergabewettbewerb nun erstmal beendet. Sie verhandelt derzeit direkt mit den beteiligten Unternehmen. Außer Solaris und Skoda waren vor zwei Jahren auch Bombardier, Pesa (Polen), Heiterblick (Leipzig) und Siemens zur Teilnahme an der Ausschreibung eingeladen worden. Diese Gespräche werden in den nächsten Wochen abgeschlossen. Bei glaubhaftem Interesse wird die SVF erneut zur Angebotsabgabe auffordern "und wir hoffen, dass dann bis zum Sommer 2018 ein Kaufvertrag unterschrieben werden kann", sagt Christian Kuke. "Wenn nicht, dann müssen wir das wettbewerbliche Vergabeverfahren neu starten, möglicherweise mit einem veränderten Ausschreibungsgegenstand."

Das heißt: Die SVF wird ihre technischen Vorgaben eventuell verändern. Denn ausgeschrieben waren die Bahnen speziell für die Anforderungen in Frankfurt. Beispielsweise bevorzugt die SVF Einzelgelenkfahrzeuge. Das sind Bahnen, die keine starren Fahrwerke haben, sondern unter jedem der drei Wagenteile ein Drehgestell, dass sich in Kurven mitdreht. Das senkt den Verschleiß von Rad und Schiene und erhöht den Fahrkomfort.

Findet sich für die speziellen Frankfurter Anforderungen kein Anbieter, muss neu nachgedacht werden. Über technische Anforderungen muss auch geredet werden, sollte eine Beschaffung neuer Bahnen gemeinsam mit anderen Städten angestrebt werden. Was die Kosten für jeden einzeln senken könnte. Denn diese Chance ergibt sich jetzt. Erst recht, da das Land nun doch finanzielle Hilfe leisten will und damit auch Cottbus und Brandenburg/Havel wieder im Boot sind. Beide Städte hatten den Kauf neuer Straßenbahnen von einer Landesunterstützung abhängig gemacht. "Wir könnten eine Interessengemeinschaft bilden", bestätigt Christian Kuke.Mit Cottbus und Brandenburg/Havel ist die SVF immer im Gespräch geblieben. Alternativ ist eine Kooperation mit Zwickau, Gotha und Görlitz möglich.

Das Ziel, im Jahr 2022 barrierefrei zu fahren, ist laut Christian Kuke nicht gefährdet. Es gebe jetzt sogar einen Vorteil: Die SVF kann die 13 Bahnen nun am Stück kaufen. Der SVF-Beschluss sieht eine Stückelung der Bestellung über fünf Jahre vor. Einige Hersteller hatten sich wegen dieser Stückelung nicht an der Ausschreibung beteiligt. "Diese war ein großer Hemmschuh, das wissen wir jetzt", sagt der SVF-Chef.

In Frankfurt sind zurzeit sieben Niederflurbahnen unterwegs. Die achte, Wagen Nr. 303, war am 14. März durch einen Lkw schwer beschädigt worden. Schaden: bis zu 600 000 Euro. Vergangene Woche wurde sie zur Reparatur nach Leipzig gebracht.

Kommentar

Mitunter haben schlechte Nachrichten auch eine gute Seite. Im Falle der Straßenbahn besteht diese in der Möglichkeit, nun doch mit anderen Städten zusammenarbeiten zu können. Denn je mehr Bahnen bestellt werden, desto niedriger ist der Kaufpreis für jede einzelne.Sicher wäre es schön gewesen, wenn schon 2018 die erste neue Bahn durch Frankfurt gerollt wäre. Wichtig ist jedoch, dass das große Ziel - die Barrierefreiheit bis 2022 - erreicht wird. Und wenn das Ganze jetzt preiswerter werden kann als geplant, ist das umso besser. Frank Groneberg

Neue Chance

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