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Collage "Faltet eure Welt" am Grips-Theater

Wenn die Freiheit Flügel bekommt

Politische Forderung: Szene aus „Faltet eure Welt“ mit Esther Agricola, Jens Mondalski (M.) und Ossama Helmy.
Politische Forderung: Szene aus „Faltet eure Welt“ mit Esther Agricola, Jens Mondalski (M.) und Ossama Helmy. © Foto: promo
Inga Dreyer / 14.12.2017, 06:00 Uhr - Aktualisiert 15.12.2017, 13:38
Berlin (MOZ) Eben noch liefen sie Parolen skandierend über die Bühne, nun spannen die Schauspieler eine weiße Plane wie ein Zelt über ihre Köpfe. Die Eingangsszene des Stückes "Faltet eure Welt" im Berliner Grips-Theater spielt auf dem Kairoer Tahrir-Platz während der Demonstrationen gegen das Mubarak-Regime. Der ägyptische Origami-Künstler Ossama Helmy, OzOz genannt, beschreibt, wie Menschen einander in dieser Zeit näherkamen. Lange Haare, Bärte, Kopftücher oder kurze Hosen - Unterschiede spielten keine Rolle mehr.

Eigene Erfahrungen des Künstlers sowie der Grips-Schauspieler Esther Agricola und Jens Mondalski sind in das Stück eingeflossen, das auf den Ergebnissen von Workshops basiert. Die Berliner Regisseurin und Autorin Lydia Ziemke und der ägyptische Künstler haben in Ägypten und Deutschland mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch mit Müttern und Töchtern gearbeitet, die aus Syrien geflohen sind. Aus ihren Erlebnissen und Geschichten ist eine Collage für Menschen ab 13 Jahren entstanden, erzählt in Form von "Storygami", die biografisches Material mit der japanischen Faltkunst Origami verbindet. Im Zentrum steht dabei die Frage, was Freiheit bedeutet - und was passiert, wenn die eigene Freiheit andere Menschen einschränkt.

Das in Weiß gehaltene Bühnenbild von Afra Nobahar dient als Spielwiese für die drei Schauspieler, die sich faltend durch die Welt bewegen. Mal sphärisch, mal treibend ist dabei die klangliche Untermalung von Öz Kaveller. Während Helmy auf Arabisch redet, sprechen die beiden anderen Schauspieler auf Deutsch - oft reden sie in Halbsätzen, einander ergänzend. Die Übersetzungen werden auf Stoffbanner projiziert, sodass sowohl deutsch- als auch arabischsprachige Zuschauer alles verfolgen können.

Verbotene Liebesbeziehungen, Partys, Vorurteile: In den Szenen wird die Universalität des Begriffes der Freiheit und der Wünsche von Jugendlichen deutlich. Gleichzeitig werden kulturelle Unterschiede thematisiert. Helmy wünscht sich, seine Freundin in der Öffentlichkeit küssen zu können. Was in Deutschland ganz normal ist, ist in Ägypten ein Tabu.

Manche der engagiert gespielten Szenen sind sprachlich poetisch und tiefgründig - wie etwa Esther Agricolas Monolog übers Tragen von Kleidung, bei dem sie ihr Faltkleid in ganz unterschiedliche Formen bringt. Andere Szenen werden zu kurz angespielt, um richtig darin eintauchen zu können.

Auch die Zuschauer sind gefragt. Gemeinsam falten sie Papierflieger und schreiben darauf, was für sie Freiheit bedeutet. Es ist ein schöner Moment, als die Flieger auf die Bühne segeln. Und doch zerreißt die Aktion das Theatergefühl für einen sich hinziehenden Moment von Schulatmosphäre.

Freiheit sei, wahrgenommen zu werden, steht auf einem Papierflieger. "Mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren" auf einem anderen. Jeder Flieger sieht ein bisschen anders aus. Jede Falte im Papier steht für eine Entscheidung im Leben. Freiheit bedeutet also auch, die eigene Welt in eine selbstbestimmte Form zu falten.

Vorstellungen: 11./12.1., jeweils 11 Uhr; 12.1., 19.30 Uhr (mit Origami-Workshop), 13.1., 19.30 Uhr, Grips Podewil, Klosterstr. 68, Berlin-Mitte, Kartentelefon: 030 39747477

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