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Studie listet erstmals zahlreiche Fallbeispiele auf / Stasi-Leute unter den Tätern genossen besonderen Schutz

Kindesmissbrauch und seine Vertuschung in der DDR

Christian Sachse ist Autor der Studie "Ziel Umerziehung. Auf 300 Seiten zeigt das Buch, was Kinder und Jugendliche in DDR-Heimen erdulden mussten.
Christian Sachse ist Autor der Studie "Ziel Umerziehung. Auf 300 Seiten zeigt das Buch, was Kinder und Jugendliche in DDR-Heimen erdulden mussten. © Foto: dpa/Jan Woitas
Mathias Hausding / 15.12.2017, 09:00 Uhr - Aktualisiert 15.12.2017, 11:41
Frankfurt (Oder) (MOZ) "Jugendhaus Wriezen" war zu DDR-Zeiten der irreführende Name einer Strafanstalt für Jugendliche ab 14 Jahren. Anders als die Jugendwerkhöfe unterstanden die Jugendhäuser nicht dem Bildungsministerium, sondern dem Innenressort. Die Aufenthaltsdauer war laut Strafgesetzbuch der DDR vom "Erziehungserfolg" abhängig.

Umfangreiche Akten belegen nun erstmals, dass in dem Heim sexualisierte Gewalt offenbar an der Tagesordnung war. In einer am Donnerstag an der Frankfurter Viadrina vorgestellten Expertise über Kindesmissbrauch in der DDR wird beschrieben, wie im Jugendhaus Wriezen Schwächere von anderen Gefangenen durch die Verknüpfung von Gewalt und Sexualität erniedrigt wurden.

Untergeordnete wurden demnach als "Ali" bezeichnet und zum "Schnattern" (Oralsex) gezwungen. In einem Fall wurde ein Gefangener, der bereits als Heimkind sexuelle Gewalt erleben musste, auf Basis dieser "Erfahrungen" erneut misshandelt. "Die Zahl der Einzelhandlungen kann weder durch den Geschädigten noch durch den Beschuldigten angegeben werden", heißt es dazu im Bericht der Kriminalpolizei vom 18. November 1982. Wie die Täter jeweils bestraft wurden, geht aus den Akten nicht hervor. Schlussfolgerungen zum Opferschutz habe man im Jugendhaus Wriezen aus den Vorfällen nicht gezogen, heißt es in der Studie. "Ein Lernprozess unterblieb."

In der Expertise finden sich zahlreiche Fallbeispiele aus weiteren DDR-Heimen. Im Jugendwerkhof Rödern bei Dresden etwa sollen 1987 mehrere Mädchen Selbstmord begangen haben, um sich den Vergewaltigungen durch das Aufsichtspersonal zu entziehen. So berichtete es ein Informeller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Der Leiter der Einrichtung bestätigte seinerzeit in einer Polizeivernehmung den sexuellen Missbrauch durch einen Erzieher. Er räumte auch ein, dass es im Heim mehrere Schwangerschaftsabbrüche gab. Es folgten Zwangsadoptionen. Ein am Missbrauch beteiligter Erzieher sei an eine Schule "strafversetzt" worden, schildert Christian Sachse, Mitautor der Studie.

Für ihn waren die Heime "totale Institutionen". Die Insassen seien von der Außenwelt abgeschnitten, ihre Erzieher die einzigen Bezugspersonen gewesen. "Kleine Mädchen empfanden es in diesem Klima irgendwann als normal, mit dem Erzieher ins Bett zu gehen", berichtet Sachse von Fällen, die er recherchiert hat. "Es gab sogar Mädchen, die den Missbrauch als Zuwendung empfunden haben, weil endlich mal jemand nett zu ihnen war."

Umfangreich wird in der Studie zudem dargestellt, wie das Ministerium für Staatssicherheit Vergehen der eigenen Mitarbeiter vertuschte. Akten belegen, wie Familien aufgesucht und dazu gedrängt wurden, von einer Anzeige abzusehen. Als sich in einer Magdeburger Schwimmhalle ein Stasi-Mann an einem Mädchen verging, beließ es der zum Tatort gerufene MfS-Major bei einer "Belehrung" für den Genossen Hauptmann, da dieser sich einsichtig gezeigt habe. Die Vertuschungspraxis sorgte für weitere Opfer, wie ein Fallbeispiel belegt. So habe ein erneut ertappter MfS-Mann im Verhör berichtet, dass seine Dienststelle ihn bereits in der Vergangenheit für Vergehen "zur Verantwortung gezogen" habe.

Kostenloser Download der Expertise unter www.christian-sachse.de

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