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Ausstellung der Achim Freyer Stiftung zeigt Werke der Hoffnungstaler Werkstätten

Kunsttherapie
Revolution als Therapie

Der Gastgeber: Regisseur, Bühnenbildner und Kunstsammler Achim Freyer in dem von ihm gestalteten Raum, in dem über verkohlte Holzstücke steigen muss, wer sich die Kunst an der Wand anschauen will.
Der Gastgeber: Regisseur, Bühnenbildner und Kunstsammler Achim Freyer in dem von ihm gestalteten Raum, in dem über verkohlte Holzstücke steigen muss, wer sich die Kunst an der Wand anschauen will. © Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 18.12.2017, 06:45 Uhr
Berlin (MOZ) Die Barbie hat Schmutzflecken im Gesicht, als sei sie durch den Schlamm gerobbt. Auf dem Kopf trägt sie als Barett einen Kronkorken mit rotem Stern, in den Händen hält sie ein Pappschild mit der Aufschrift "Revolution": Bunte kapitalistische Warenwelt trifft kommunistischen Appell.

Die Puppe von Daniel Juch ist eines der Werke, das die Kunsttherapie-Gruppe der Hoffnungstaler Werkstätten in Biesenthal zur aktuellen Ausstellung im Kunsthaus der Berliner Achim Freyer Stiftung beigetragen hat. Das Besondere: Die Bilder und Skulpturen hängen dort zwischen denen bekannter Künstler wie Käthe Kollwitz oder Andy Warhol.

Im ersten Raum der Ausstellung "19|20|17 Künstler*innen erinnern Revolutionen" wird die Aurora-Mappe des Sprachkünstlers und Grafikers Carlfriedrich Claus gezeigt, 1977 zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland erschienen. Feine, schwarz-weiße Grafiken mit Textblättern, in denen Claus Beziehungen zwischen Gesellschaft, Individuum und Natur reflektiert. Vergrößert auf Acryl-Platten sind die Motive auch im Bundestag zu sehen.

Den zweiten Raum hat Gastgeber Achim Freyer gestaltet. Am Eingang hat der Regisseur, Bühnenbildner und Kunstsammler ein Schild angebracht, das dazu einlädt, zwischen die schwarz verkohlten Holzstücke zu treten. Sonst würde sich niemand trauen, von innen die großformatigen Bilder zu betrachten, auf denen immer wieder die Zahl 17 zu lesen ist. Hat eine darüber hinweggefegte Revolution diese düstere Landschaft hinterlassen?

Ein bunteres Bild zeichnet der dritte Raum. Künstler der letzten 100 Jahre und Werke aus der Biesenthaler Kunsttherapie hängen hier wild durcheinander - ohne Begleittexte und Namen.

Eine Ausstellung zu Revolutionen berge die Gefahr der Romantisierung, sagt Kuratorin Anke Paula Böttcher. Doch das ist nur eine Seite. Hoffnung, Enttäuschung, Gewalt und Leid liegen in den Werken eng beieinander. In unserer abgeklärten Gegenwart gäbe es kaum noch revolutionäre Situationen, sagt die Kuratorin und klingt etwas wehmütig. "Da ist es schon eine kleine Revolution, wenn man das Staunen nicht verlernt hat."

Staunen lässt sich über die vielen Aspekte des Themas, denen sich die Biesenthaler gewidmet haben. Nicht nur Lenin, auch eine Überwachungskamera wird gezeigt. "Die digitale Revolution", erklärt Heidrun Rueda, die die Kunsttherapie-Gruppe leitet, in der Menschen mit angeborenen geistigen Behinderungen und mit chronischen psychischen Erkrankungen zusammenfinden.

Obwohl die Teilnehmer nur teilweise lesen und schreiben können, haben viele Spezialgebiete. Christian Bauer etwa kennt sich mit Agrarmaschinen aus. Auf einer bunten Zeichnung hat er die Revolution in der Landwirtschaft dargestellt - angefangen beim Pferdepflug. Janine Brosin interessiert sich für die Französische Revolution und hat Marie-Antoinettes Gang zur Guillotine gezeichnet.

Schon einmal haben Anke Paula Böttcher und Heidrun Rueda bei einer Ausstellung im Kloster Chorin zusammengearbeitet. Bei der neuen Anfrage sei sie nicht sicher gewesen, ob es klappen würde, erzählt Heidrun Rueda. Denn das Thema Revolution sei intellektuell schwer zu fassen. "Das war ein ziemlich großes Experiment." Die Älteren hätten auf Wissen aus der Schule zurückgreifen können. "Die Jüngeren mussten schon ein bisschen länger überlegen." Die Malerin arbeitete mit Symbolen und Bildvorlagen als Inspiration - Marx, Engels, Lenin und Che Guevara, den die Teilnehmer erst nicht zuordnen konnten. "Sie wussten aber, dass das jemand sehr Berühmtes ist."

Auch der Sturm auf das Winterpalais, der durch Sergei Eisensteins Film "Oktober" eine berühmte Verklärung erfuhr, hat die Gruppe beschäftigt. Aus Ton formten sie kleine Männchen, die mit einem Zahnstocher bewaffnet auf ein papiernes Palais zulaufen. Jeder bringe seine eigenen Mittel und Vorlieben mit, erklärt Heidrun Rueda. Daniel Juch etwa habe ein Faible für Barbiepuppen. Sie habe vorgeschlagen, das zu nutzen und betont: "Ich assistiere nur."

Ausstellung bis Ende Januar, Kunsthaus der Achim Freyer Stiftung, Kadettenweg 53, Berlin-Steglitz, Tel. 030 8339314

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