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Weltreise
Hundegerecht auf die Seidenstraße einbiegen

Antje Jusepeitis / 29.12.2017, 14:39 Uhr
Oranienburg (Maerker) (mae) Silvester. Zeit, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, Vorsätze jenseits des Klassikers "Mit-dem-Rauchen-aufhören für das nächste Jahr zu fassen. Gelegenheit, neue Flecken der Erde und andere Lebensweisen zu entdecken, zu entschleunigen. Mit dieser Idee startet Familie Schumacher aus Oranienburg 2018 ihre Weltreise.

"Keine Schule!", ist für Elu (12) und Tara (9) eine tolle Sache. Absolute Einigkeit bekommt zur Antwort, wer die beiden Mädchen nach einer der schönsten Erwartungen für ihre bevorstehende Reise durch Teile der Welt fragt. Tatsächlich melden Nadine und Ard Schumacher sich und ihre beiden Töchter im neuen Jahr in Deutschland ab. Damit erlischt zunächst die Pflicht, eine Schule zu besuchen. Sechs Wochen bleiben ihnen danach Zeit aufzubrechen zu neuen Entdeckungen, sich als Familie zu beweisen und den Kindern Zusammenhänge und damit praktisches Wissen fürs Leben zu vermitteln, Dinge gemeinsam zu gestalten, die Welt zu erleben, anders zu betrachten als bislang.

"Entschleunigen, viel Zeit miteinander in der Natur verbringen, den täglichen Trott verlassen, unsere Umwelt bewusst wahrnehmen und wenn's irgendwie geht, das Wort ,müssen' vermeiden", so umreißen Ard und Nadine Schumacher ihre Vorstellungen von einer Weltreise.

Detailliert geplante Route? Fehlanzeige. Selbst der genaue Abfahrtstag und die erste Station stehen noch nicht fest. "Wir wollten ursprünglich Anfang März in Island beginnen und mit unserem Mobil in etwa eineinhalb Monaten die Insel umrunden, Nordlichter sehen", erzählt Nadine Schumacher.

Weil Kira, ihre spanische Dogge, auf Island dann für sechs Wochen in eine Quarantänestation in Reykjavík müsste, haben sie die Idee verworfen. "Eigentlich wollten wir uns von unserem Hund trennen, bevor es los geht. Kira sollte bei guten Freunden bleiben. Letztlich haben wir das nicht übers Herz gebracht."

Jetzt wird es eine alte-Hunde-gerechte Tour. "Kira bestimmt unseren Weg und unser Tempo mit." Obgleich die Oranienburger ohne festes Ziel und Abfahrtszeit Ende Februar starten, fahren sie bestens vorbereitet. "Für jeden von uns haben wir zwei Reisepässe, damit wir von unterwegs regelmäßig Visa beantragen können." Das Reisemobil ist ge-, das Haus in Oranienburg-Süd verkauft.

Ard übernimmt Aus- und Umbauten am Fahrzeug, Nadine koordiniert seit April alle Vorbereitungen: Versicherungen, Steuerangelegenheiten, Einreisebestimmungen lesen, Abmelden und Kündigen von Verträgen, Impfstatus prüfen, Bankkonten einrichten und ändern, Dinge besorgen, die gebraucht werden, das Nichtbenötigtes aussortieren, Mobilar verkaufen.

Die 37-Jährige schreibt To-do-Listen, arbeitet diese ab, räumt das Auto ein. Gemeinsam mit ihrem Mann ließ sie ihre Töchter aufschreiben, wohin sie gern und unbedingt reisen möchten. "China", steht für Tara fest, Elu möchte unbedingt dorthin, wo Badestrand ist, außerdem zum Himalaya und nach Australien. Alles liegt auf der groben Karte, die Nadine und Ard entworfen haben. Nach einem Start entweder Richtung Frankreich, Spanien oder Norwegen - das entscheidet das Streichholzlos - rollt der perfekt ausgerüstete Steyr 680 Richtung Nordcup und Finnland. Per Fähre wollen die Vier Russland erreichen, St.Petersburg besichtigen und im Herbst 2018 Richtung Seidenstraße in Asien einbiegen. Usbekistan, Tadschikistan China und Tibet sind avisiert, ebenso Nepal und Indien, wo sie den Jahreswechsel 2018/2019 zu verbringen planen. Als Arzthelferin und Heilpraktikerin möchte Nadine zusammen mit ihrer Familie in Asien Hilfsprojekte unterstützen, "vielleicht gibt es so eine Art Hilfe-to-go", überlegen die gesellschaftlich engagierten Familienmitglieder und passieren im Kopf die mögliche weitere Route: Myanmar/Laos, Vietnam, Kambodscha/Thailand, Malaysia/Bali, Australien und Neuseeland. Dort ist eine befreundete Familie ebenfalls gerade auf Weltreisetour unterwegs. Schumachers erwogen vor fünf Jahren einmal, für eine gewisse Zeit auf das Land im Südpazifik auszuwandern."Einfach, um die Erfahrung zu sammeln. Ein Urlaub ist dafür zu kurz." Im April 2017 bei einem Spaziergang fasst das Paar eine größere Auszeit erneut ins Auge, bespricht die Idee mit den Kindern und beschließt, per Auto, nicht mit dem Flugzeug zu reisen, sich neue Länder Stück für Stück zu erkunden.

Acht Jahre lebten Schumachers in Oranienburg-Süd, Nadine ist hier in der Kreisstadt Oberhavels aufgewachsen. "Wir haben tolle Nachbarn und lassen ganz sicher Menschen und Dinge zurück, die uns lieb sind."

Das Haus ist seit 12.Dezember verkauft, auch, um die Reise zu finanzieren. Noch wohnen sie darin. Inzwischen haben sie wieder Holzfußboden unter den Füßen. Nach einem im November aufgetretenen Wasserschaden als Spätfolge des Starkregens am 29.Juni dieses Jahres mussten sie Bautrockner laufen lassen, Kücheneinrichtung und Bodenbelag im Erdgeschoss herausreißen. Eine unerwartete zusätzliche Belastung im Vorweihnachts- und Vorreisestress. "Irgendwie hat das Ganze jedoch positive Seiten. Besser, es ist jetzt passiert als nach dem Hausverkauf. Das hätte viel Ärger unterwegs für uns bedeutet. Außerdem mussten wir uns dadurch schon frühzeitiger von Dingen trennen, die wir nicht mitnehmen können", sieht Nadine Schumacher die Katastrophe im Nachhinein gelassen. Reduktion auf das Wesentliche - für die Kinder ebenso wie für die Eltern eine interessante Erfahrung. Auf die Fahrt mit dem Spezialmobil wird lediglich mitgenommen, was unbedingt erforderlich ist. Nahrungsmittel, Erste-Hilfe-Set, abgezählte Winter- und Sommersachen für jeden, Spiele für die Familie beispielsweise. Das ehemalige Militärfahrzeug mit aufgebautem Wohnmobil holten die Weltreisenden in spe im Oktober aus Langhorn an der Nordsee ab, wo es ebensolchen Abenteurern gehört hat. "Aus einer Liste von fast zwei Millionen Automobilen blieb der Steyr letztlich beinahe als einziges Auto übrig, das unseren Ansprüchen genügt", erzählen sie.

Vier Betten, vier Sitze, Allradantrieb, bezahlbar und grundsätzlich einsatzfähig mit 180 Litern Tank, um weitestgehend autark unterwegs sein zu können.

Abgeschnitten von der Welt werden Schumachers nicht sein. Über moderne Technik bleiben sie mit Freunden und Familie verbunden. Außerdem planen sie, einen Blog zu schreiben. Nicht alle Bekannten und Verwandten vollziehen diesen absoluten Schnitt gegenüber dem bisherigen Leben nach. Einige äußern Besorgnis, Unverständnis oder schluckten zumindest.

Ard, aufgewachsen in Bergfelde, kündigte nach mehr als 13 Jahren seinen sicheren Job bei einer Berliner Fahrzeugreparaturfirma. Nadines Naturheilpraxis ruht. Die Mädchen werden ein oder auch zwei Schuljahre nachholen, wenn Schumachers zurückkehren. "Vielleicht gefällt es uns aber auch irgendwo so gut, dass wir da bleiben, für immer oder für ein paar Jahre." Sie wollen sich nicht festlegen, lieber vom Leben überraschen lassen. Es ist ein Abenteuer, auf dass sie sich gern einlassen und um das einige sie beneiden.

"Wir wissen heute noch nicht, wo wir in eineinhalb Jahren sein werden." Nadine und Ard empfinden es als spannend und angenehm, sich ein wenig treiben zu lassen, ohne Druck unterwegs zu sein. "Man muss es sich nur trauen", sagen sie. Raus aus der Komfortzone, "obwohl unsere deutschen Pässe allein schon Komfort sind", wissen die beiden zu schätzen, dass sie als deutsche Staatsbürger weltweit eine gute Ausgangsposition besitzen.

Am 14. Februar ziehen sie aus ihrem Haus aus, werden im Auto und anderswo schlafen. Angst, dass ihnen etwas zustoßen könnte kennen sie nicht. "Wir haben Respekt vor dem, was auf uns zukommt, werden uns nicht bewusst Gefahren aussetzen, vor allem aber sind wir neugierig auf das, was uns begegnen wird, wie wir als Familie zusammenwachsen, uns in Toleranz, Geduld, Flexibilität und Achtsamkeit üben."

So eine Reise macht nicht dümmer, gefährdet die Zukunft der Kinder keineswegs, fördert - im Gegenteil - ihr Selbstbewusstsein und macht bewusst, dass jeder Mensch auf der Welt doch nur sein kleines Leben leben möchte, sagt der 38-jährige Ard. Ganz nebenbei können er und seine Frau ihr Russisch und Englisch auffrischen, die Mädchen ihre Fremdsprachenkenntnisse anwenden.

Wie es ihnen ergeht, können Freunde, Verwandte, Bekannte und Interessierte auf dem eigens eingerichteten Blog verfolgen oder sich einfach auf den Weg begeben und die Weltentdecker an einer ihrer Stationen besuchen.

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