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70-Jähriger reist nach Guben

Wunschfahrt Richtung Ostsee
Wunschfahrt Richtung Ostsee © Foto: ASB
Antje Jusepeitis / 30.12.2017, 13:56 Uhr - Aktualisiert 30.12.2017, 14:08
Gransee (MAE) Der Wünschewagen des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) soll am Sonntag, 17. Dezember, zum Bundesligaspiel nach Leipzig rollen. An Bord ein 55-Jähriger Oranienburger, der unheilbar an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erkrankt ist. Das Fußballduell zwischen Hertha BSC gegen RB Leipzig zu erleben, gehört zu seinen letzten Wünschen.

Es ist Advent. Kinder senden ihre Wünsche an den Weihnachtsmann. Selbst Erwachsene schreiben gern Wunschzettel. Wäre es möglich, stünde auf dem von Jürgen L. aus Gransee, so wie auf dem zahlloser anderer Menschen, nichts weiter als: "Ich möchte gesund werden." Vor einem Jahr ereilte den heute 70-Jährigen die Diagnose Lungenkrebs. "Stadium drei, einen fünf bis sechs Zentimeter großer Tumor stellten die Ärzte fest", erinnert sich Lebensgefährtin Margit Reich. Fünf Jahre sind sie ein Paar. Vor drei Jahren ist sie seinetwegen aus Zuneigung zu ihm von Guben nach Gransee gezogen, hatte da bereits einen Schicksalsschlag hinter sich: "Mein erster Mann starb ebenfalls an Lungenkrebs", erzählt Margit Reich. Jetzt steht sie erneut davor, ihren Partner zu verlieren. Seit 22. November ist Jürgen L. im Stationären Hospiz in Oranienburg. "Er hat starke Schmerzen, kann nur am Rollator noch ein bisschen laufen, meistens muss er liegen", sagt Margit Reich. Jeden zweiten Tag besucht sie ihn seither, auch am Freitag zur Weihnachtsfeier, muss zusehen, wie er täglich schwächer wird, insbesondere seit der Bestrahlungstherapie im März. "Er quält sich sehr."

Wünsche hat er dennoch. Beispielsweise wollte er gern noch einmal nach Wernigerode, wo ereine Weile lebte. "Das schaffen wir nicht mehr", fürchtet seine Partnerin. Eine Bitte jedoch konnte sie ihm Dank des ASB Projektes Wünschewagen erfüllen. "Wir waren am 24. November im umgebauten und renovierten Haus meines Sohnes bei Guben." Allein per Auto, Zug oder Bus hätten Jürgen L. und Margit Reich diese Fahrt nicht unternehmen können. Mit dem Wünschewagen wurde sie möglich. Ein bisschen mehr als zwei Stunden benötigte das Mobil mit spezieller Rettungswagen-Ausstattung und ehrenamtlichen Begleitern, um mit Jürgen und Margit an Bord im Ort Atterwasch-Schenkendöbern anzukommen, wo Margits Sohn lebt. "Jürgen wollte das Haus unbedingt noch einmal sehen. Im September hatte er eigentlich vor, mit mir mitzukommen, doch seine Kraft hat nicht gereicht dafür." Jetzt im November schien es zunächst, als würde der Granseer erneut sein Wunschziel nicht erreichen können. "Nach zehn Minuten hatte er so starke Schmerzen, dass er zurück wollte." Den ehrenamtlichen Helfern ist es zu verdanken, dass Jürgen L. schließlich doch in Guben gewesen ist. Zu Weihnachten will Margit Reich ihn noch einmal Hause holen, auch wenn es schwer für beide wird. "Er wünscht es sich so."

Einen besonderen Wunsch hat auch ein 55-jähriger Oranienburger. Unheilbar erkrankt an ALS, der Amyotrophen Lateralsklerose, die die motorischen Neuronen des Gehirns angreift und unwiderruflich zum Muskelversagen des gesamten Körpers führt, möchte er als Fan unbedingt das Bundesligaspiel seines Hertha BSC gegen den RB Leipzig an diesem Adventsonntag in Leipzig erleben. Die Fahrt haben die Wünschewagen-Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer in den zurückliegenden Tagen geplant. Alle hoffen, dass sein Gesundheitszustand es zulässt, das Spiel zu verfolgen.

"So traurig es ist, ungefähr die Hälfte unserer 60 brandenburgweit geplanten Fahrten konnte, seit das Projekt vor mehr als einem Jahr angelaufen ist, nicht stattfinden", sagt Cindy Schönknecht, Pressesprecherin des ASB in Potsdam. Manchmal seien die Betroffenen trotz der Sonderausstattung des Wagens nicht mehr transportfähig gewesen, manchmal waren die Familien nicht einverstanden, und manchmal erlebten die Betroffenen den avisierten Reisetag nicht mehr. "Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Zustand unserer Fahrgäste dramatisch verschlechtert und sie während der Tour sterben", so Cindy Schönknecht. Dabei wurde der "Wünschewagen" für alle Eventualitäten ausgerüstet. Medizinische Geräte sind an Bord, um eine Notfallversorgung abzusichern. Zudem können die unheilbar kranken Menschen liegend transportiert werden.

Nicht immer gelingt es jedoch, den Wünschewagen schnell genug zu organisieren. Deshalb setzen Koordinator Manuel Möller und die mehr als 40 Betreuer des brandenburgischen Arbeiter-Samariter-Bundes ASB alles daran, todkranken Menschen zu ermöglichen, noch einmal mit ihren Angehörigen zu vereisen. Unter den freiwilligen Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern sind mehrere aus Oranienburg, Velten und Kremmen. Die Touren werden gemeinsam mit der Familie und Ärzten akribisch vorbereitet und über Spenden finanziert. Ziele sind Orte, die den Todkranken viel bedeuten, wo sie Urlaube verbrachten, geheiratet haben, das Elternhaus steht oder auch Theater-, Sport- und Freundesbesuche. Viele Fahrten gehen an die Ostsee", erzählt Cindy Schönknecht. Im vergangenen Jahr reiste ein Glienicker mit dem Wünschewagen dorthin.

Für sein Projekt sucht der Arbeiter-Samariter-Bund in Brandenburg weiterhin Mitstreiter und perspektivisch auch einen neuen Koordinator für diese herausfordernde Arbeit.

Hintergrund:

Der Wünschewagen wurde im Jahr 2014 vom ASB Ruhr gestartet. Dem einzigartigen Ehrenamtsprojekt schloss sich im Jahr 2016 der ASB Landesverband Brandenburg an. Finanziert aus Spenden und getragen von Freiwilligen, will das Projekt unheilbar Kranken letzte Wünsche erfüllen.

Nach der symbolischen Übergabe durch Brandenburgs Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und Gesundheitsministerin Diana Golze steht der Begleitwagen, Typ Ford Focus Turnier, seit August 2017 für Fahrten bereit. Die Staatskanzlei und Golzes Gesundheitsministerium haben die Anschaffung des Begleitfahrzeugs mit 18960 Euro aus Lottomitteln finanziert. Der nagelneue Wagen wurde zum Landesverband des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) in Potsdam geliefert.

Das Fahrzeug, beklebt im Design des großen Wünschewagens, werde für die vielen organisatorischen Vorbereitungshandlungen brandenburgweit dringend benötigt, so ASB-Pressefrau Cindy Schönknecht, unter anderem für Vorabgespräche mit späteren Fahrgästen und deren Angehörigen in der häuslichen Umgebung, in den Pflegeeinrichtungen oder Hospizen. Das Fahrzeug werde auch als Zweitwagen für Wunschfahrten eingesetzt.

Für viele Familien sind die Reisen mit ihren schwerstkranken Angehörigen eine letzte Chance, noch einmal gemeinsam auf Tour zu gehen - womöglich das letzte familiäre Großereignis.

Mehr zum Wünschewagen-Projekt des ASB-Landesverbands und Möglichkeiten der Unterstützung gibt es im Internet unter www.brandenburger-wuenschewagen.de

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