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Aus Liebe zu den Stickern

Oliver Baudach in seinem Sticker-Museum in Friedrichshain. Heute hat er mittlerweile rund 30.000 Sticker.
Oliver Baudach in seinem Sticker-Museum in Friedrichshain. Heute hat er mittlerweile rund 30.000 Sticker. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 21.10.2017, 07:54 Uhr
Berlin (MOZ) Mit 13 Jahren fing Oliver Baudach an, Sticker zu sammeln. In seinem Museum in Friedrichshain bekommt er inzwischen Besuch aus aller Welt. Dort kann man 4500 Exemplare von Street-Art-Künstlern aus mehreren Jahrzehnten bewundern.

Ob an Laternenmasten, Rohren oder Häuserwänden - wenn Oliver Baudach durch Berlin läuft, entdeckt er überall kleine Kunstwerke: Aufkleber mit abgefahrenen Tiergesichtern, witzigen Wortspielen oder politischen Botschaften. Doch egal wie außergewöhnlich Inhalt und Design sind, Baudach würde nie einen abreißen. "Der Künstler hat sich etwas dabei gedacht, als er ihn dahin geklebt hat", sagt der 46-Jährige.

Auch so besitzt er mit seinen 30 000 verschiedenen Klebebildern wahrscheinlich die größte Sticker-Sammlung der Welt. In seinem 92 Quadratmeter kleinen Museum in der Friedrichshainer Schreinerstraße kann er nur einen Teil davon ausstellen. Seine Schätze hat der leidenschaftliche Sammler in schwarzen gleichförmigen Rahmen gebannt. Der Besucher ist von der Vielfalt dennoch erschlagen. Karikaturen, Aliens, Comicfiguren, Firmenlogos und Fantasiegebilde und Typografien sind nur scheinbar durcheinander gewürfelt. Anhand der einzelnen Abteilungen kann Baudach die Geschichte der Klebekunst und ihrer Ikonen nacherzählen.

Einer ist Frank Shepard Fairey. Schon als Kunststudent pflasterte der New Yorker seine Heimatstadt mit Eigenkreationen zu, weil ihn die viele Werbung nervte. Beeinflusst vom Stil sowjetischer Propaganda-Plakate schuf Fairey Anfang der 90er-Jahre unter dem Künstlernamen "Obey" kleine rotgoldene Kunstwerke. Sie zeigen zum Beispiel Gewehre, aus deren Mündung Rosen sprießen. "Er wollte die Menschen damit aus dem täglichen Tunnel von Arbeit, Konsum, Schlafen holen", erklärt Baudach, der dem Streetart-Künstler einen ganzen Rahmen gewidmet hat. Zu sehen ist darin auch ein rot- blau-weißes Pop-Up-Portrait Obamas, das die Demokraten im Wahlkampf nutzten.

Bis auf wenige besondere Ausnahmen bleiben politische Statements in den Ausstellungsräumen aber außen vor und verschwinden in den Kisten mit Partei-Aufklebern und Gewerksschafts-Stickern im Archiv. "Das Museum soll ein neutraler Raum sein", findet der Sammler.

Anders ist das mit Werbestickern, die für Baudach nicht im Widerspruch zur Kunst stehen. Mit ihnen fing alles an. Baudach war 13, als er in Speyer am Oberrhein einen Skaterladen betrat. Leisten konnte er sich kein Board. Das Geld reichte nur für einen Geldbeutel mit Klettverschluss. Als Beigabe lag im Inneren ein Aufkleber mit Totenkopf-Logo. "Der ist so cool, so besonders, wenn Du den irgendwo aufklebst, ist er weg", dachte sich Baudach.

Seitdem packt er alles Stilvolle, was ihm in die Finger kommt, in Boxen und Klarsichttüten. Und das ist viel, wenn man jahrelang in Läden für Streetware arbeitetete. Baudach sammelte Werbesticker auf Kleider-Messen, deckte sich auf Festivals und Konzerten ein. "Viele Marken sind unheimlich kreativ und nehmen viel Geld in die Hand, um wirklich gute Sticker machen zu lassen".

Was eigentlich auf den Straßen los ist, nahm er erst wahr, als ihn die Liebe vor 17 Jahren nach Berlin führte. Er fotografierte, merkte sich Logos und Namen. Nahm mit, was in Galerien so auf den Fensterbänken lag. Obwohl Anfang des Jahrtausends die Street-Art-Szene in Berlin schon boomte, entdeckt Baudach, dass niemand die spezielle Kunstform archiviert. "Als ich meine Hausbank um einen Kredit für ein Stickermuseum bat, haben die sich kaputtgelacht." Auch die Eltern hielten ihn für verrückt, unterstützten ihn aber trotzdem.

Als Baudach vor zehn Jahren seinen Traum wahrmachte, hatte er als Ex-Marketing-Leiter einer Berliner Schuhfirma null Kontakte in die Künstler-Szene. Doch schon in den ersten Tagen nach der Eröffnung bekam er Besuch von "Tower". Der Berliner Künstler, der mit seinen handgemachten Siebdrucken bis heute in der gesamten Stadt präsent ist, blieb Anfangs inkognito. Doch im Gespräch mit Baudach merkte er schnell, dass hier jemand mit Herzblut und nicht aus Profitgier handeltet. "Tower" ließ ihm ein paar Sticker da und berichtete in der gut vernetzten Szene von der weltweit einzigartigen Institution. "Er war quasi mein Türöffner", erinnert sich der Museumschef.

Seitdem bekommt Baudach regelmäßig Sticker-Spenden von Künstlern, die im Gegenzug bei ihm einen Platz in der Ausstellung bekommen. "Die Kunstform ist so vielseitig und faszinierend. Wenn ich im Briefkasten ein Päckchen finde, bin ich immer noch mega aufgeregt." Den Museumsbetrieb finanziert er mit dem Online-Verkauf. Die preiswertesten Klebebilder sind für 30 Cent zu haben. Raritäten können schon mal 50 Euro kosten. Anfragen und Museums-Besucher kommen inzwischen aus Südafrika, Argentinien, Japan und Israel. Ein junger Fan aus Indonesien hat in seiner Heimat inzwischen selbst ein Sticker-Museum eröffnet. Mit einer New-Yorker-Kunstdozentin organisiert Baudach Gemeinschaftsausstellungen.

Obwohl es immer noch gerade so zum Leben reicht, will sich Baudach an dem Hype im Berliner Kunstbetrieb nicht beteiligen. "Vielen Newcomern in der Urban-Art-Szene geht es darum, den Tourismusboom auszuschlachten. Früher waren wir eine große Familie. Inzwischen werden Ellbogen eingesetzt, das ist manchmal schon traurig", findet der Mann mit der Schiebermütze.

Den Museums-Eintritt von einem Euro hat er abgeschafft. Besucher bekommen von ihm einen Begrüßungssticker in die Hand gedrückt. So will er die Kunstform, die seiner Meinung nach noch immer verkannt ist, in die Welt hinaustragen.

Hatch Stickermuseum ist in der Schreinerstraße 10 in Friedrichshain hat donnerstags bis sonnabends jeweils von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt is frei. Mehr unter www.hatchkingdom.com

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