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Gerlinde Schücke (66) ist die letzte komplett freie Hebamme der Stadt / Jetzt schränkt sie ihr Angebot ein

Hebamme
47 Jahre im Dienste der Babys

Ungezählte Erinnerungen: Gerlinde Schückes Kursraum schmücken die Danksagungen vieler Eltern.
Ungezählte Erinnerungen: Gerlinde Schückes Kursraum schmücken die Danksagungen vieler Eltern. © Foto: MOZ/Frauke Adesiyan
Frauke Adesiyan / 01.01.2018, 19:28 Uhr - Aktualisiert 02.01.2018, 12:18
Frankfurt (Oder) (MOZ) In diesem Jahr gibt Gerlinde Schücke ihre Kurse für werdende und frische Mütter auf. Damit schränkt sich das ohnehin dünne Angebot für werdende Eltern in der Stadt noch weiter ein. Einziger Anlaufpunkt ist das Klinikum, doch auch dort ist die Situation schwierig.

Ganz in Rente geht sie nicht, versichert Gerlinde Schücke. "Von heute auf morgen aufhören, da würde ich durchdrehen", sagt die 66-Jährige, die vor 47 Jahren begonnen hat, Babys auf die Welt zu helfen. Geburten betreut sie seit vielen Jahre nicht mehr, jetzt gibt sie auch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse auf; die individuelle Betreuung vor und nach der Geburt wird sie weiter anbieten.

Viel hat sich geändert, seit sie ihren Beruf ab 1970 in Dresden gelernt hat. "Wir sind so viel schlauer, machen aber nicht alles besser", sagt sie. 14 Jahre lang hat sie nach ihrem Umzug nach Frankfurt im Lutherstift Geburten betreut, bis zur Kündigung 1994. Es folgte die Selbstständigkeit und mit ihr der weitgehende Abschied von Geburten. Denn die Möglichkeit von Beleggeburten, bei denen man seine betreuende Hebamme mit in den Kreißsaal bringt, gibt es in Frankfurt nicht. So blieben Gerlinde Schücke nur einige Hausgeburten, die zu ihren schönsten Erlebnissen gehören. "Da läuft alles natürlich" sagt sie und dass die Gelassenheit so viel regele. "Dabei kann man ein Maß an Geduld und Vertrauen lernen, das jeder Geburt gut tun würde", findet sie. Überhaupt ist das ihr Anspruch an den Hebammen-Beruf: Geburten begleiten, nicht mitbestimmen.

Hausgeburten bietet Gerlinde Schücke inzwischen gar nicht mehr an, zu hoch sind die Versicherungsprämien, die dafür verlangt werden, zu unbequem ist die Abrufbereitschaft, die man absichern muss. Wollen Frauen heute nicht ins Markendorfer Klinikum gehen, wo der Schichtplan bestimmt, welche Hebamme zuständig ist, so bleibt ihnen nur die Fahrt in das Helios Klinikum nach Bad Saarow, wo Beleggeburten möglich sind, oder die Anmeldung im Geburtshaus von Wendisch Rietz.

Der Hebammen-Mangel in der Stadt war kürzlich auch Thema in der Stadtverordnetenversammlung. Die Stadtverordnete Monika Breunig (SPD) nannte die Entwicklung sogar einen Hebammenschwund, bezog sich dabei aber vor allem auf die Situation im Klinikum. Sie sprach davon, dass von 22 Hebammen aus dem vergangenen Jahr nur noch 13 hauptamtlich im Markendorfer Klinikum arbeiteten. Durch Weggang und Elternzeit sei die Zahl stark dezimiert; neue Fachkräfte nach Frankfurt zu locken sei nicht einfach.

Und eine weitere Verschärfung der Situation ist zu befürchten. So berichtete Monika Breunig, selbst langjährige Hebamme in Markendorf, inzwischen aber in Rente,  dass weitere Kolleginnen bis zum Sommer gekündigt hätten. "Sie werden freiberuflich die Arbeit unterstützen, im Klinikum fehlen sie trotz allem", begründete sie ihren Appell an die Stadtverwaltung, sich in die Entwicklung einzubringen. Auch die neue Hebammenschule in Eberswalde könne nur langfristig Entlastung bringen, sie ist neben Cottbus die zweite derartige Schule landesweit. Die Ausbildung dauert drei Jahre, die ersten 15 Schülerinnen haben im vergangenen November begonnen.

Die Schwierigkeit Hebammenstellen zu besetzen, erhält zusätzliche Brisanz durch die steigenden Geburtenzahlen im Markendorfer Klinikum. Seit 2013 sind die Zahlen von 706 Geburten auf zuletzt 896 im Jahr 2016 gestiegen. Auch im vergangenen Jahr lag die Zahl gleichbleibend hoch.

Am Image des Berufs liegt der Fachkräftemangel mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht. Wie die allermeisten Hebammen schwärmt auch Gerlinde Schücke trotz mitunter schwieriger Umstände von ihrer Tätigkeit. "Es ist der positivste Beruf überhaupt. Es bringt so viel Freude, Familien in dieser glücklichen Zeit zu begleiten." Dabei sei es egal, ob sie Akademikerinnen, Hartz-IV-Empfängerinnen, deutsche oder syrische Frauen betreue. "Das alles macht keinen Unterschied, wenn ich diese Frauen in ihrer Mutterrolle ernst nehme."

Kommentar

Theoretisch haben werdende Eltern die Wahl. Wollen sie die technisch abgesicherte Geburt in einem großen Klinikum oder lieber die ruhige Atmosphäre zu Hause oder in einem Geburtshaus? Fühlen sie sich in der Nähe von versierten Fachärzten besser oder in den Händen einer Hebamme, die garantiert bis zur Geburt an ihrer Seite bleibt?Nichts davon ist falsch oder richtig, es ist das Ergebnis individueller Abwägung. Der Haken: De facto gibt es das eine Angebot zumindest in Frankfurt nicht. Dafür sorgen die gegenläufigen Entwicklungen von immer mehr Geburten und immer weniger Hebammen.Dass die freiberuflichen Hebammen Frankfurts nach und nach in Rente gehen, war abzusehen. Der Notstand im Klinikum erklärt sich auch mit fehlende Reserven. Überraschend vakante Stellen können nicht besetzt werden. Das geht auf Kosten der Eltern, die nicht wirklich frei über die Geburt bestimmen können und auf Kosten der wenigen verbliebenen Fachkräfte.Frauke Adesiyan

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