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Mehr Notunterkünfte und professionelle Beratung für misshandelte Frauen benötigt

Barnimer Frauenhaus sucht Förderer

© Foto: dpa
Jana Reimann-Grohs / 03.01.2018, 21:10 Uhr
Bernau/Eberswalde (MOZ) Trotz Zuwendung von Landkreis und Kommunen bleibt die Betreibung des Barnimer Frauenhauses auch 2018 von Spenden abhängig. Die Einrichtung wird nach wie vor zahlreich in Anspruch genommen. Auch durch die Aufnahme von Frauen aus geflüchteten Familien besteht ein großer Betreuungs- und Verwaltungsaufwand.

Wären da nicht Sponsoren aktiv und gingen regelmäßig Sachspenden wie Matratzen, Kommoden, Küchengeschirr oder Bettwäsche ein, könnte das Barnimer Frauenhaus nicht ausreichend arbeiten. Vor 25 Jahren übernahm der Verein "für frauen" mit derzeit zehn weiblichen Mitgliedern das Frauenhaus in Eberswalde. In einem bundesweiten Netzwerk arbeitet der Verein mit anderen Einrichtungen zusammen. Damit den von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und deren Kindern die gewohnte Umgebung weitestgehend erhalten bleibt, werden sie aber vorzugsweise regional untergebracht. Die Frauen müssen weiter zur Arbeit und deren Kinder zur Schule gehen können.

Stets handelt es sich bei der Unterbringung für die Schutzsuchenden um Übergangssituationen. Manche bleiben nur ein paar Tage, die meisten finden erst nach mehreren Wochen ein eigenes Zuhause. Nur wenige Ausnahmefälle sind bis zu eineinhalb Jahre im Frauenhaus.

Der dortige Betreuungsbedarf erhöht sich entgegen objektiver Annahmen ständig. Auch in Zeiten der gesetzlichen Gewaltschutzregelung, nach der die Person, von der eine Gefährdung ausgeht, polizeilich der Wohnung verwiesen werden kann, werden Frauenhäuser gebraucht - sagt die zuständige Sozialmanagerin Julia Hoffmann. Die Befreiung aus gewalttätigen Haushalten gilt als schwieriger Prozess. Unter Umständen geht dieser zum langfristigen Schutz mit Auskunftssperren beim Einwohnermeldeamt einher. Eine Ukrainerin konnte sich erst nach schweren Misshandlungen und Vergewaltigung ins Frauenhaus retten, berichtet Julia Hoffmann. Zweieinhalb Monate später wurde sie schon erfolgreich in eine eigene Wohnung vermittelt und geht eigenständig ihrem Beruf nach - wie die 34-jährige Betreuerin erzählt.

Aus Platzgründen mussten 2017 viele Anfragen für Frauen mit vier oder mehr Kindern abgewiesen werden. Die insgesamt acht Zimmer in drei zusammenhängenden Wohnungen im Barnim hätten einfach nicht ausgereicht. Eine vierte Nachbarwohnung steht dem Verein als Büro zur Verfügung. Es mangelt generell an Raum und Personal. Auch die Einzelfälle sind aufgrund unterschiedlicher Migrationshintergründe komplexer geworden: Behördengänge und Gerichtsverhandlungen müssen oft gedolmetscht werden. Drei Frauen aus Syrien, Afghanistan und Afrika erhielten dennoch vorübergehenden Schutz. Die Situation im Frauenhaus beruhigte sich im Vergleich zum Vorjahr sogar etwas. Dafür nahmen ambulante und proaktive Beratungen zu. Vor allem Hausbesuche und vorbeugende Gespräche mit Angehörigen seien gefragt.

Die beiden einzigen fest angestellten Sozialarbeiterinnen Gerlinde und Julia Hoffmann bereiten den betroffenen Frauen und Kindern ein vorübergehendes Zuhause. Sie leisten eine umfangreiche Arbeit als "Ansprechpartnerin, Fürsorgerin und Seelsorgerin", wie Julia Hoffmann sagt, und sind eng mit den Schicksalen der Hilfesuchenden verwoben, indem sie deren Ängste vor gewalttätigen Partnern lindern und nach Lösungen suchen. Frauen und Kinder werden so wenigstens zeitweise unerträglichen Situationen entzogen. Idealerweise gewinnen die Schutzsuchenden Abstand zum "alten Leben" und gehen ihre eigenen Wege. In der Realität besteht aber immer die Gefahr, dass es zu Rückfällen kommt und Frauen zu ihren Peinigern zurückkehren, beschreibt Julia Hoffmann die ambivalente Situation. Schwierigkeiten innerhalb der Partnerschaft und daraus resultierende Ursachen für Übergriffe könnten nach wenigen Wochen nicht ausgeräumt werden. Beide Seiten müssten für einen Neuanfang ihr jeweiliges Abhängigkeitsverhältnis beenden und professionelle Hilfe, meist in Form einer Therapie, in Anspruch nehmen. Entscheidet sich jemand - wie jüngst - aber bewusst dafür, mit Kindern in die "alte Beziehung" zurückzukehren, wird erst einmal vom Besten ausgegangen. Auch wenn andere ihre Arbeit behindern, lassen sich die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses nicht davon abhalten, mit ihren Schützlingen "neue Wege" zu beschreiten. Zur Not erwirken sie einen entsprechenden Schutzabstand vor Gericht. Julia Hoffmann möchte sich trotzdem abgrenzen: "Wir drängen nicht in die Öffentlichkeit." Für die Werbung nach außen und inhaltliche Vermittlung engagieren sich andere. Der Verein profitiere von den Fachkompetenzen seiner Mitglieder, "die entweder juristische Ausbildungen haben, bei Behörden arbeiten oder sich mit Öffentlichkeitsarbeit auskennen".

Astrid Gohlke "würde gerne mehr tun", wie sie sagt und ist "dankbar für Hilfe von allen Seiten". Als Vereinsvorsitzende hält sie seit 1996 wichtige Kontakte und trägt Anliegen in kommunalen Gremien vor. Zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern sorgt sie für die finanzielle Absicherung und leistet organisatorische Vereinsarbeit.

Als Expertin für Öffentlichkeitsarbeit und ehemalige Gleichstellungsbeauftragte ist Angelika Röder mit dabei. Schon Anfang der 90er-Jahre war sie unermüdlich auf Sponsorensuche und habe bemerkt, "dass die Probleme ungebremst reinprasseln". Die 71-Jährige berichtet als sachkundige Einwohnerin von Eberswalde im Ausschuss für Soziales über die Tätigkeit des Vereins und stellt Förderanträge. Dieser erhält daraufhin finanzielle Zuwendungen der Städte Eberswalde und Bernau, sodass wichtige Renovierungsarbeiten gemacht und beratende Mitglieder geschult werden können.

"Wir suchen immer Nachwuchs", sagt die Vorsitzende Astrid Gohlke und bedauert, dass "die meisten von uns schon weit über 50 Jahre alt sind". Wer das Frauenhaus unterstützen möchte, sollte doch zusammen mit ihr "Gesicht zeigen".

Interessenten für Sach- oder Geldspenden können sich gerne an den Geschäftsführer vom Bernauer Möbelhaus Wohnorama, Armin Lobmeier, wenden. Direkt vor Ort befindet sich auch eine Spendenbox. E-Mail: la@wohnorama-britz.de; Tel: 03338 750970.

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