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Brandenburgs Wirtschaftsminister nimmt an Übernahme-Feier teil / Betriebsrat äußert sich zuversichtlich

Übernahme
Zahl der Bahnwerker steigt wieder

Sven Klamann / 10.01.2018, 20:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Neustart Nummer zwei fürs ehemalige Bahnwerk: Am Mittwoch hat sich die Deutsche Eisenbahn Service AG (DESAG) als seit Januar offizieller Eigentümer des Traditionsbetriebes vorgestellt.Diesmal soll alles weit besser klappen. Die verbliebene Belegschaft ist optimistisch.

Wo sonst Radsätze montiert und Güterwagen gewartet werden, sitzen die meisten der aktuell 84 Beschäftigten diesmal an langen Bänken, auf denen Cola, Brause, Wasser und Saft stehen. Auf Nebentischen türmt sich Kuchen und dampft Kaffee in Kannen. Zur kleinen Feier anlässlich der Übernahme des Traditionsbetriebes durch die DESAG sind auch Gäste gekommen - unter ihnen Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD), Barnims Landrat Bodo Ihrke (SPD) und Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP), die allesamt in kurzen Ansprachen betonen, wie dankbar sie den Bahnwerkern für ihren Durchhaltewillen beim Kampf um den Standorterhalt sind. Der Minister spricht von einer mehr als drei Jahre dauernden Berg- und Talfahrt, die vor allem die einst fast 500 Mitarbeitern des Betriebes unglaublich viel Kraft und Energie gekostet habe. Für den Landrat gehört es zu den Erfolgsfaktoren, dass beim Einsatz für den Fortbestand des Bahnwerkes die gesamte Region Gemeinschaftssinn bewiesen habe. Der Bürgermeister erinnert daran, dass das Bahnwerk eines der letzten industriellen Leuchttürme Eberswalde sei. "Walzwerk, Rohrleitungsbau, Chemische Fabrik - alle sind weg. Deshalb war und ist es uns ungemein wichtig, dass der Industriestandort mitten in der Stadt eine Zukunft hat", sagt er.

Das Trio hatte schon einmal an einer Dankeschön-Feier im Werk teilgenommen: Im Juni 2016 war von der Quantum Capital Partners AG die zum Jahresbeginn 2017 vereinbarte Übernahme des Bahnwerks gewürdigt worden. Damals waren in Eberswalde noch etwa 320 Mitarbeiter beschäftigt gewesen, von denen durch Quantum mindestens 210 übernommen werden sollten. Doch der damals neue Eigentümer, der den Betrieb für einen Euro von der Deutschen Bahn AG übernommen hatte, ließ die durch ihn gegründete Eisenbahnwerk Eberswalde GmbH bereits drei Monate nach dem ersten Neustart in die Insolvenz gehen.

Für Thomas Becken, den Vorstandsvorsitzenden der DESAG, war die Entscheidung, sich in Eberswalde zu engagieren, "von Herz und Verstand geleitet", wie er bei der Übernahmefeier sagt. Der Standort habe enormes Potential. Davon sei er überzeugt, seit er sich ab August 2017 als vom Insolvenzberater geholter externer Berater einen detaillierten Überblick verschaffen konnte. "Mein Ziel ist es, dass wir in Eberswalde Ende dieses, Anfang nächsten Jahres wieder 100 Mitarbeiter beschäftigen", kündigt Thomas Becken an.

Der Betrieb, der fortan als Werk Eberswalde der zur DESAG-Gruppe gehörenden Schienenfahrzeugbau Wittenberge GmbH firmiert, erledige die gleichen Aufträge wie einst für die Deutsche Bahn - "nur schlanker". Zusätzlich zur Radsatzmontage und zur Güterwaggon-Wartung solle zukünftig die Kesselwagen-Wartung und -wäsche ausgebaut werden.

"Die neuen Eigentümer verstehen wirklich etwas vom Eisenbahngeschäft. Das ist jeden Tag aufs Neue zu merken und stimmt uns optimistisch", sagt Andreas Hoffmann, der dem Betriebsrat vorsteht.

Zu denen, die das Auf und Ab mitgemacht haben, zählt Sebastian Leischner (25) aus Eberswalde, der im September 2007 im Bahnwerk seine Lehre als Industriemechaniker begann. "Zwischendurch habe ich mehrfach ans Aufhören gedacht", gibt er zu. Einzig seine Heimatverbundenheit habe ihn gehalten.

Kommentar

Zwei Neustarts in zwei Jahren müssen reichen. Wie schon 2017 hat auch 2018 für die verbliebenen Bahnwerker mit einer Betriebsübernahme begonnen. Anfang 2017 ließ sich die Quantum Capital Partners AG als Unternehmensretter feiern. Schon drei Monate später musste die neu gegründete Eisenbahnwerk Eberswalde GmbH Insolvenz anmelden. Ein weiterer Tiefschlag für die stetig weniger werdenden Beschäftigten, die seit Oktober 2014 (!) für den Erhalt des Industriestandortes Eberswalde kämpfen.Jetzt fängt das einstige Bahnwerk als Betriebsteil der Schienenfahrzeugbau Wittenberge GmbH zum zweiten Mal neu an. Dass sich bei den Beschäftigten vorsichtiger Optimismus breit macht, hat vor allem mit dem neuen Eigentümer zu tun, der aus dem soliden Mittelstand kommt und über Fachkompetenz verfügt. Das macht Hoffnung. Sven Klamann

Fachkompetenz schürt Hoffnung

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