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Auszeichnung geht in diesem Jahr an Autor Lars Werner

Mit der Sprache der Hetzer

Ausgezeichnet: Lars Werner erhält für sein Stück „Weißer Raum“ den diesjährigen Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker. In Frankfurt wird sein Stück bei den Kleist-Festtagen zu sehen sein.⇥Foto: Winfried Mausolf
Ausgezeichnet: Lars Werner erhält für sein Stück „Weißer Raum“ den diesjährigen Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker. In Frankfurt wird sein Stück bei den Kleist-Festtagen zu sehen sein.⇥Foto: Winfried Mausolf © Foto: Foto: Winfried Mausolf
Uwe Stiehler / 23.01.2018, 07:00 Uhr - Aktualisiert 23.01.2018, 16:11
Frankfurt (Oder) (moz) Auf einmal waren viele überrascht: Als im Oktober 2014 in Dresden zum ersten Mal die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ demonstrierten. Lars Werner sagt, was ihn überrascht habe, war nicht das Hineinrücken rechtsextremer Ideen in die Mitte der Gesellschaft, das Hoffährigwerden von Herabwürdigungen, die leise Zustimmung zur Gewalt, sondern die Überraschung, die Pegida und das Aufblühen des Rechtspopulismus auslöste. Man hätte das schon seit 20 Jahren wissen können, dass da etwas gärt. Als Lars Werner noch zur Schule ging in Großenhain bei Dresden, war das Klima der rechten Radikalisierung für ihn schon zu spüren. Nur sei darüber zu lange geschwiegen worden.

Dieser Sprachlosigkeit setzt er nun sein Theaterstück „Weißer Raum“ entgegen, für das er in diesem Jahr mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet wird. Den Preis vergibt die Stadt Frankfurt (Oder) seit 1996 zusammen mit dem Frankfurter Kleist Forum, der Dramaturgischen Gesellschaft und den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Er ist mit 7500 Euro dotiert und enthält eine Uraufführungsgarantie für das ausgezeichnete Stück, das diesmal vom Théâtre National du Luxembourg in Kooperation mit dem Kleist Forum und den Ruhrfestspielen produziert wird. Regie führt Anne Simon, die bekannt ist für ihr Feingefühl, wenn es um die Psychologisierung der Protagonisten geht. Was für Werners Stück, das vom Gewordensein der Radikalisierten erzählt, elementar wichtig ist.

Der junge Autor führt sein Publikum in die sächsische Provinz. Auf einem Bahnsteig ruft eine Frau um Hilfe, ein Gleiswärter zieht sich seine Lederhandschuhe über – dann bedient sich Lars Werner einer kleist’schen Fehlstelle. Man wird nie erfahren, was wirklich in dieser Nacht auf diesem Bahnsteig geschah zwischen dem Geflüchteten und Marie, der Journalistin, die er bedrängte. Man wird den Fremden nicht mehr fragen können, denn Uli, der Gleiswärter, der Marie zu Hilfe kommt, schlägt ihn tot. Ein Unfall? Notwehr? Uli muss jedenfalls nicht ins Gefängnis.

Für die einen ist er ein Held, für die anderen eine fragwürdige Figur. Hat er vielleicht nur die Gelegenheit ausgenutzt, um es einem von denen mal so richtig zu zeigen? Und hatte er seinen Job als Portier an der Uni in Dresden nicht verloren, weil er es auch da einem farbigen Studenten mal richtig zeigen wollte? Oder tut man Uli Unrecht? Tut Marie ihm Unrecht, die endlich schreiben will, wie ihr die Galle hochkommt angesichts der gesamtgesellschaftlichen Blindheit auf dem rechten Auge?

Werner benutzt die Sprache der Hetzer, damit sie sich nicht mehr verstecken können, nicht mehr sagen könne, das wäre nicht so gemeint gewesen. „Es ist so gemeint“, sagt er. In seinem Stück operiert er mit viel weniger theatralischer Extravaganz als die Preisträger in den Vorjahren. Er erzählt recht linear einen auf neun Protagonisten verteilten Plot, deren Worte wenig gekünstelt sind. Werners Sprache ist sehr klar, sehr direkt, sein Stück ist sehr politisch, aber nie propagandistisch, es stutzt die Kompliziertheit des verstümmelten gesellschaftlichen Dialogs nicht auf einfache Wahrheiten zurecht. Genau das hat die Jury unter Vorsitz von Florian Vogel für dieses Stück eingenommen. Er lobt die präzisen Dialoge und „die Nähe zu den Menschen am Boden der Gesellschaft, die sich – im Versuch nicht ganz abzurutschen – an ihren äußersten Rändern festhalten“.

Zu sehen ist „Weißer Raum“ in Frankfurt zur Eröffnung der Kleist-Festtage am 11. Oktober.

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