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Kanaltheater startet mit Entführungsfall schwungvoll "Tatort Lücke" / Eberswalder spüren Leerstellen auf

"Die Stadtgeschichte gehört allen"

Blick ins Lückenlabor: Eine Besucherin der Premiere besichtigt den neu eingerichteten Raum im Museum. Die vielen Weckgläser sind zum Konservieren von Fundstücken gedacht.
Blick ins Lückenlabor: Eine Besucherin der Premiere besichtigt den neu eingerichteten Raum im Museum. Die vielen Weckgläser sind zum Konservieren von Fundstücken gedacht. © Foto: Torsten Stapel
Sven Klamann / 29.01.2018, 06:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Mit einem nicht eine Sekunde lang echt wirkenden Entführungsfall hat das Stadtkrimispiel "Tatort Lücke" gleich zum Auftakt für Furore gesorgt. Alle Eberswalder sind aufgerufen, gemeinsam mit Museum und Kanaltheater vergessene Orte wiederzuentdecken. Etwa 150 Neugierige waren bei der Premiere dabei.

Es ist Freitagabend. Auf dem Marktplatz, der sonst um diese Zeit unbetreten bleibt, scharen sich die ersten Beobachter um ein Holzgerüst, von dem sie später erfahren, dass es im Maßstab von 1:4 dem ersten Rathaus von Eberswalde nachempfunden ist und in etwa auch an dessen Stelle steht. Während das Publikum wächst, beginnt ein Mann im Kunstfellmantel, die Skulptur mit Absperrbändern zu markieren. Das ist Patrick Meinhardt, bekannt als Keule, ein Ensemblemitglied des Kanaltheaters. Diesmal spielt er jemanden, der seine Familiengeschichte erforscht. Und wird in dieser Rolle schon bald aus zunächst unklaren Motiven entführt. Zuvor aber hat Susanna Schmidt, ganz Dame im roten Kostüm und mit rotem Hut, ihren Auftritt als Stadtplanerin. Und wiederholt dabei mehrfach Sätze wie "Ein Ort ist gekennzeichnet durch seine geografische Lage im urbanen Kontext". Als unerwartet die Entführer zuschlagen und den das Rathaus-Gerüst erkundenden Familienforscher in einen alten Opel Kombi schleifen und wegfahren, bleibt die tief erschrockene Stadtplanerin unangetastet. Sie schafft es noch, die Polizei zu verständigen, bevor sie in Ohnmacht fällt.

Am Tatort treffen zunächst die Spurensicherer ein, gespielt von Anna Siegenthaler und Kai Jahns, die weiße Overalls tragen und wichtig tun. Als wenig später die Kriminologen ankommen, verkörpert von Cathrin Clift, Paula Thormann und Jan Noack in fledermausartigen Sherlock-Holmes-Umhängen, beginnt nach einem ebenso kurzen wie lustigen Kompetenzgerangel die Zeugenbefragung, bei der die Museumsleiterin Birgit Klitzke, Brigitta Heine, die Leiterin des Barnimer Kreisarchivs, und Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski zu Wort kommen. Die sachdienlichen Hinweise des Trios zur Entführung sind nicht der Rede wert. Aber sie berichten den Zuschauern von den beiden Rathäusern, die einst auf dem Marktplatz gestanden haben.

Der erste Bau, massiv aus Stein errichtet, könnte bereits 1254 eingeweiht worden sein. Doch das ist nicht bewiesen. Dafür ist sogar bekannt, dass es am 26. April 1693 zwischen 19 und 20 Uhr gewesen sein muss, als das Rathaus mit einem weithin vernehmbaren Krach zusammenstürzte. Das zweite Rathaus, ein Fachwerk-Bau, wurde von 1701 bis 1825 genutzt.

Die kurzweilige Lektion in Sachen Stadtgeschichte wird abgebrochen, als sich die Entführer telefonisch zu Wort melden und ankündigen, sie würden ihre Forderungen in einer Videobotschaft übermitteln, die unterm Dachgeschoss im Museum abgerufen werden könne. Folglich ziehen Akteure und Publikum um. Der Andrang ist so groß, dass die Zuschauerschar geteilt wird - und das Finale der ersten Folge des Stadtkrimispiel zweimal über die Bühne geht.

Im Museum ist das Lückenlabor eingerichtet, in dem die Kriminalisten aus dem Kanaltheater ab 2. Februar immer freitags von 12 bis 17 Uhr Hinweise auf untersuchenswerte Leerstellen im Stadtbild entgegennehmen. Auch auf Zetteln im A4-Format, die mit dem Amtsblatt der Stadt Eberswalde verteilt wurden und überdies an vielen Stellen ausliegen, können Interessierte Recherche-Aufträge erteilen und/oder ihre Bereitschaft zum Mitwirken erklären. Bei Guten-Morgen-Eberswalde am 10. März entscheiden Publikum und Akteure gemeinsam, welche vergessenen Orte es lohnen, museal in Erinnerung gebracht und theatralisch bespielt zu werden.

Der Entführungsfall wird per Videobotschaft halbwegs aufgeklärt. "Wissen ist kollektiv. Die Stadtgeschichte gehört allen", rufen Nele Hamann und Denni Eggert, versteckt hinter Masken, auf dem Bildschirm aus. Der Entführte werde freigelassen, sobald sich eine ausreichende Zahl an Eberswaldern bereit erklärt habe, sich am "Tatort Lücke" zu beteiligen.

Der Bund fördert das Geschichtsprojekt mit 135 000 Euro.

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