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Grooven zum Gurkensaft

Musik, Menschen und Glück – bei Sober Sensation wird gefeiert, ohne dass der Arzt kommen muss.
Musik, Menschen und Glück – bei Sober Sensation wird gefeiert, ohne dass der Arzt kommen muss. © Foto: MOZ/Dorothee Torebko
Dorothee Torebko / 29.01.2018, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Feiern ohne Reue – das verspricht ein neuer Partytrend: Sober Sensation. Statt Schnaps und Drogen locken veganes Essen und Pfefferminzwolken. Berauschend sind hier allein die Musik und der Tanz. Das ist gesund, und macht trotzdem Spaß.

Es ist 22.30 Uhr, und die Party erreicht ihren Höhepunkt. Die DJs drehen die Bässe auf, die elektronischen Klänge donnern durch den Raum. Blaue und rote Lichter flackern über die Gesichter der Tanzenden. Die Leute stampfen zum Beat, strecken die Arme gen Decke. Pulsierend. Im Viervierteltakt. Wie Schneeflocken rieseln silberne Schnipsel auf ihre Köpfe. So Party, so normal. Oder? Nein. Denn dort, in einem Café am Berliner Gleisdreieckpark, ist nichts normal.

Die Fete trägt ein Motto, mit dem viele Feierwütige fremdeln, die am Wochenende von Bar zu Bar hoppen und vom verrauchten Club zur Eckkneipe hin zum Dönerstand ziehen. Sie heißt: Sober Sensation. Sober ist das englische Wort für nüchtern. Und das ist Programm. Keiner der  anwesenden Gäste hat auch nur einen Schluck Alkohol getrunken oder sich gar mit anderen Drogen berauscht. Auch Zigaretten sind tabu. Statt Tequila gibt es an der Bar Schnäpse aus Ingwersaft. Statt Caipirinha gibt es Spinat-Apfel-Banane-Smoothies. Das Rauschmittel ist die Musik. Aber auch die Lust am Tanzen, am gesunden Leben. Grooven zum Gurkensaft – geht das? Und wozu eigentlich? Ist der Sinn des Feierns nicht auch, sich seines Alltags zu entledigen, ohne an den Kater zu denken?

Gideon Bellin ist der Initiator der Sober Sensation in Berlin. Am Mittwochabend wuselt der Mann mit dem zurückgekämmten, kinnlangen Haar durch den Raum. Mal instruiert er die DJs. Mal hält er Schnipsel vor einen Ventilator, sodass diese umherfliegen. Wie ein Unternehmer mit einem strikten Businessplan wirkt der DJ nicht in seinem kunterbunten Hemd mit der Blumenkette um den Hals. Doch Bellin will Geld verdienen. Er hat einen Trend erkannt, der sich auch in anderen deutschen Städten ausbreitet. „Es geht auch ohne Alkohol. Die Leute wollen einen Ausgleich zum Alltag, tanzen, mit coolen Leuten unterwegs sein. Wir bieten ihnen das.“ Und noch mehr. Denn statt Alkohol, der die Sinne vernebelt, muss Bellin den Gästen etwas anderes bieten. Etwas Besonderes.

Und so beginnt der Abend mit einem gemeinsamen Essen. „Ich freue mich, dass ihr alle hier seid“, begrüßt Bellin seine Gäste, die sich an langen Holztischen positioniert haben. Die Tafel ist gedeckt, mit Blumen und rot-weiß-karierten Servietten geschmückt. Das Licht ist gedimmt. Der Geruch von Kakao zieht durch den Raum wie eine Wolke. Hier könnte jetzt auch eine Familie zum festlichen Abendbrot Platz nehmen. Stattdessen sitzen 17-jährige Schüler neben 75-jährigen Künstlern. Gründer von Start-Ups neben Büroangestellten. „Lasst es euch schmecken“, ruft Bellin den Gästen zu. Die beginnen ihre Karotten in Humus, eine Kichererbsen-Paste mit Knoblauch, zu tauchen. Das Menü ist vegan, das heißt, der Koch verzichtet auf tierische Produkte wie Fleisch, Sahne und Honig. Stattdessen gibt es Tomatensuppe mit Basilikumöl, Kartoffelstampf und Tiramisu, das ein bisschen wie Vanillepudding mit Schokokuchen schmeckt.

„Wir wollen alle Sinne ansprechen“, erklärt Bellin. Dazu gehört Essen. Dazu gehören Vaporisatoren, die Pfefferminz-Gerüche in den Raum blasen. Dazu gehört ein Jongleur, der eine Glaskugel mit seinen Händen so umschmeichelt, dass sie aussieht, als ob sie fliegt. Dazu gehören Glitzersteinchen, die Helfer am Eingang verteilen und die sich einige Frauen auf die Stirn oder den Oberarm geklebt haben. Die Kombination aus urig-gemütlich und trendig-vegan gefällt vielen. „Mmm“, und „lecker“ und „gemütlich“, heißt es an jeder Ecke des Tisches.

Ursprünglich kommt der Trend aus den USA und Skandinavien. In Schweden etwa gibt es Clubs, wo Gäste ausschließlich alkoholfrei feiern können. So weit ist es in Deutschland noch nicht. Hier beschränken sich wie bei Sober Sensation die Veranstaltungen auf die Wochentage. „An den Wochenenden ist die Konkurrenz durch gewöhnliche Partys zu groß“, sagt Bellin, der vier Events seiner Reihe organisiert hat. In Köln und bald auch in anderen Städten wie Hamburg und Stuttgart veranstalten die Detoxrebels Events, bei denen neben dem lasterfreien Feiern auch Yoga und Massagen angeboten werden.

Außerdem gab es in Berlin früher die Morning-Gloryville-Events. Statt abends starteten die Party-Gänger morgens mit Tanzen in den Tag. Danach ging es zur Arbeit. Abzappeln zum Munterwerden – als Alternative zum Joggen. Im Februar 2017 gab es die letzte Veranstaltung. Die Organisatoren verweisen darauf, dass es in Zukunft wieder Partys geben wird. Wann ist aber noch unklar.

„Derzeit rentieren sich die Veranstaltungen selbst am Mittwoch noch nicht“, sagt Bellin. Immerhin kämen im Vergleich zu seinem ersten Event um die zwanzig Gäste mehr – rund 150 sind es an diesem Abend. „Sober Sensation funktioniert am besten als After Hour. Zum Nüchternwerden“, sagt Gast Gunnar Wehr. Stimmt das? Kann nur dann Stimmung aufkommen, wenn der Schnaps mitswingt?

„Alkohol hat den Effekt, dass es Beruhigung bewirkt. Man wird relaxter. Gleichzeitig stimuliert es. Man ist enthemmter. Damit ist es eine angstlösende Substanz“, erläutert die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Isabella Heuser. Bier, Wein, Schnaps setzen im Gehirn Botenstoffe wie Dopamin frei, die für dieses Wohlbefinden sorgen. Die Ärztin erzählt von vielen Patienten, die berichten: Ohne Alkohol bin ich zu schüchtern. „Doch wer Angst hat, ohne Alkohol zu flirten, hat ein nicht ausgeprägtes Selbstwertgefühl und sollte daran arbeiten.“ Heuser kritisiert, wie präsent Alkohol in westeuropäischen Kulturen ist. „Es ist eine gesellschaftlich akzeptierte Droge.“ Und der Missbrauch ist gefährlich. Angefangen von Leber- und Gefäßschäden bis hin zu Konzentrationsstörungen und Alkoholikerdemenz.

Ähnlich sehen es viele Sober-Befürworter. Valentin zum Beispiel. Der 23-Jährige, der in Glitzerhose und Hemd über die Tanzfläche tobt, meint: „Alkohol ist so normal geworden. Das Wegbier zur nächsten Party muss sein. In der Bar angekommen, wird weitergetrunken.“ Sein Erweckungserlebnis hatte er eines Sonntagmorgens in der Bahn. Keiner der Passagiere hatte Alkoholflaschen dabei, es klebten keine Reste von Bier und Wein auf dem Boden. „Trotzdem stank es bestialisch nach Alkohol. Die Leute haben das ausgedünstet. Es war eklig.“

Hier steppt der Lockenkopf ohne Betäubung zu Technomusik. Er lacht, tanzt. Er schließt die Augen und gibt sich dem Rhythmus der Musik hin. Wie die anderen Gäste auch. Hemmungen, sich zu bewegen, hat hier keiner. Mädchen in rosa Taftkleidern mit Glitzersternen lassen ihre Hüften kreisen. Jungs in gestreiften Shirts und Anzügen wippen im Takt. Im Gegensatz zu vielen Veranstaltungen, bei denen Alkohol ausgeschenkt wird, ist die Stimmung friedlich. Keiner pöbelt. Keiner verschüttet auf der Tanzfläche Bier auf die Umstehenden. Keiner räuchert mit seiner Zigarette die Kleidung aller zu. Aber auch: Keiner verliert die Kontrolle.

„Man braucht keinen Alkohol, um glücklich zu sein oder weniger schüchtern. Musik kann eine ähnliche Wirkung hervorrufen. Dazu muss das Setting stimmen, also man muss die Musik mögen und die Menschen, die einen bei der Party umgeben“, sagt Heuser von der Charité. „Bei den Sober-Sensation-Partys treffen Leute aufeinander, die sich gesund ernähren, die vielleicht sogar einen Trend mitbegründen wollen.“

Ist das etwa die ultimative Party für eine Gesellschaft von Selbstoptimierern? Menschen, die feiern und am nächsten Tag trotzdem fit und kreativ und produktiv sein wollen. Weil sie es so wollen, aber auch, weil die Arbeitswelt es von ihnen verlangt. „Wir wollen alles richtig machen, was nur ein anderer Ausdruck dafür ist, immer die Kontrolle zu behalten. Dieses Sicherheitsdenken verbannt jegliche Form von Exzess und Überschwang. Und das macht das Leben fade“, kritisiert etwa die Berliner Autorin Ariadne von Schirach in ihrem Buch „Du sollst nicht funktionieren“. Eine katerfreie Partyreihe scheint ein weiterer Baustein dieser Leistungsgesellschaft zu sein. Bellin sieht das nicht so. An diesen Aspekt habe er gar nicht gedacht, sagt er.

Den Beweis liefert die heterogene Besuchergruppe: Da ist die schwangere Lisa, die dem Rauch und den Rempeleien in anderen Clubs entgehen will. Da sind die Schüler Kyra, ihr Freund Philipp und sein Bruder Thilo, die zur Party gekommen sind, damit der an Epilepsie erkrankte Thilo, der keinen Alkohol trinken kann, sich auch mal wie alle anderen fühlt. Da ist aber auch Anja, die sonst in drogenfreundlichen Clubs feiert, aber seit drei Monaten Alkohol-abstinent lebt und Sober Sensation als Alternative sieht.

Jeder Gast hat seine eigene Intention. Einige müssen morgens zur Arbeit, andere nicht. Sie verbindet die Suche nach dem Glücksmoment, in der der Beat den Alltag wegwummert und Pfefferminz-Wolken Probleme einhüllen. „Ich zelebriere hier das Leben“, sagt Valentin. Ein Leben, das bunt ist und friedlich. Sober Sensation verschließt sich der Betäubung und öffnet sich einer anderen Art des Feierns: sich im Moment des Tanzes seiner selbst bewusst zu sein. Das ist anstrengend und manchmal erschreckend. Doch es lohnt, das Fest der Sinne.

Die nächste Party findet am 21. Februar im Café Tor Eins, Möckernstraße 43, statt.

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