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Awo musste Betreuungsverträge für Kinder in Fürstenwalde lösen / Kita Berkenbrück lange auf Personalsuche

Kinderbetreuung
Erziehermangel führt zu Kündigung

Morgenkreis mit Handpuppen: Annabell Neumann (18, Rietz-Neuendorf), Cornell Urbanek (19, Rauen), Marco Schüler (20, Kohlsdorf) und Patricia Kiedels (20, Wendisch Rietz) absolvieren in der Korczak-Schule in Fürstenwalde eine Erzieher Ausbildung.
Morgenkreis mit Handpuppen: Annabell Neumann (18, Rietz-Neuendorf), Cornell Urbanek (19, Rauen), Marco Schüler (20, Kohlsdorf) und Patricia Kiedels (20, Wendisch Rietz) absolvieren in der Korczak-Schule in Fürstenwalde eine Erzieher Ausbildung. © Foto: MOZ/Bettina Winkler
Manja Wilde, Bettina Winkler, A / 30.01.2018, 20:36 Uhr - Aktualisiert 30.01.2018, 21:11
Fürstenwalde/Erkner (MOZ) Vor Weihnachten musste die Arbeiterwohlfahrt in Fürstenwalde rund zehn Betreuungsverträge für Kinder in einer ihrer Kitas kündigen. Der Grund: Fachkräftemangel. Für acht Kitas, von Schöneiche bis Briesen, sucht die Awo derzeit Erzieher. Auch andere Träger haben das Problem.

Mit den Handpuppen Liselotte und Eduard sitzen die angehenden Erzieher, die in der Fürstenwalder Korczak- Schule ausgebildet werden, auf einer Decke und gestalten einen Morgenkreis, mit dem ein Kitatag oft startet. "Das ist mein Traumberuf", sagt die 18-jährige Annabell Neumann aus Rietz-Neuendorf. Aktuell werden 160 junge Leute in acht Klassen in der Berufsfachschule der Samariteranstalten zu staatlich anerkannten Erziehern ausgebildet. 2005 war es nur eine Klasse. "Der Bedarf an Erziehern steigt", sagt die stellvertretende Schulleiterin Mandy Garnitz. Jetzt laufen die Bewerbungen für das kommende Ausbildungsjahr. Bei der Auswahl sind nicht nur Noten von Bedeutung, auch die Haltung zum Kind zählt. "Die Arbeitgeber reißen sich um die Absolventen", erzählt Mandy Garnitz.

Doch längst nicht jeder, der Erzieher sucht, findet genügend. "Wir mussten kurz vor Weihnachten rund zehn Betreuungsverträge ab Januar in Fürstenwalde kündigen", sagte Michael Pieper, Geschäftsführer des Awo-Kreisverbandes. Im Herbst, als die Verträge geschlossen wurden, sei das noch nicht absehbar gewesen. Zwei, drei Mitarbeiterinnen hätten wegen Schwangerschaft Beschäftigungsverbot bekommen, zwei seien langzeitkrank, eine Stelle könne nicht besetzt werden, weil es sich um eine Brennpunkt-Kita handele und eine Mitarbeiterin habe wegen Überlastung gekündigt. "Ich kann das Personal nicht planen, wegen des Fachkräftemangels", sagt Pieper. Im berlinnahen Raum gebe es keine arbeitslosen Erzieher. Die Landesdebatte über bessere Betreuungsschlüssel nennt er darum "scheinheilig". Der Stress bei vorhandenem Personal werde dadurch größer, der Krankenstand auch. "Es ist ein Landesproblem", sagt Pieper. Den Tarifvertrag der Awo sieht er nicht als Grund an. "Ab Februar gibt es die nächste Erhöhung, so dass wir in bestimmten Bereichen identisch mit dem des öffentlichen Dienstes sind", sagt Pieper.

Doch das hilft den Eltern mit den gekündigten Verträge wenig. "Wir haben die Kinder teilweise in unsere kommunalen Kitas aufgenommen", sagt Fürstenwaldes Stadtsprecherin Anne-Gret Trilling. Die Stadt hat aktuell keine Erzieherstelle ausgeschrieben. 77 pädagogische Fachkräfte betreuen 826 Kita- und Hortkinder. Zudem helfen zwei Erzieher im Ruhestand aus; können die angestellten Erzieher, die im Schnitt 32 Stunden in der Woche arbeiten, auf 40 Stunden gehen. "Es ist schwierig, neue Kräfte zu gewinnen", weiß Trilling. Darum solle die Zusammenarbeit mit der Korczakschule "intensiviert" werden - wie sei offen.

Das Thema Personalmangel kennt auch der Vorstandsvorsitzende des Roten Kreuzes in der Region, Klaus Bachmayer. Der DRK-Kreisverband betreibt 19 Kitas, davon drei in Erkner und zwei in Fürstenwalde. Sechs Erzieherstellen sind derzeit auf der DRK-Homepage ausgeschrieben. Anders als für Awo-Chef Pieper spielen für Bachmayer Tarifverträge durchaus eine Rolle. Mit etwa zehn Prozent - "wahrscheinlich noch mehr" - gibt er den Abstand der Gehälter zum öffentlichen Dienst an. Am Berliner Rand sei auch die Hauptstadt Konkurrenz. "Dort gibt es noch mal 200 Euro mehr." Bachmayer hofft auf einen Sparten-Tarifvertrag für Erzieher, dessen Konditionen dem öffentlichen Dienst sehr nahe kämen.

"Wir haben uns bis jetzt mit Mühe und Not durchlaviert", sagt Cornelia Kretzschmar, Vorstandsvorsitzen der Initiative Christliche Kita Grünheide e.V.. "Wenn eine Erzieherin schwanger ist, steht alles Kopf", weiß sie. Seiteneinsteiger füllen Lücken. "Viele sind Sozialarbeiter, die parallel zur Arbeit eine sechsmonatige Weiterbildung machen." Aktuell arbeiten ihre 10 Erzieher Teilzeit. "Wenn Not am Mann ist, fahren wir alle auf 100 Prozent hoch." Jeden Monat haben die Erzieher dadurch unterschiedliche Stundenzahlen und Gehälter. Auch in der Gemeinde Grünheide können die 63 Kita- und Horterzieher Engpässe durch flexible Arbeitszeiten ausgleichen. Offene Stellen gibt es laut Kita-Managerin Monique Hanusch aktuell nicht.

Für die kommunalen Kitas im Amt Spreenhagen werde permanent nach Fachpersonal gesucht, sagt Astrid Biedermann, Abteilungsleiterin Soziales, aktuell besonders für Gosen und Neu Zittau. "Wir haben Wartelisten, mussten aber noch niemanden abweisen." In der Berkenbrücker Kita Löwenzahn waren monatelang zwei Erzieherstellen vakant. "Die Suche ist beschwerlich", sagt Leiterin Sylvie Utikal. Bewerber seien nicht zum Gespräch erschienen. Wohnortnähe und Arbeitszeit sind oft genannte Kriterien. Zum 1. April kann eine der 25-Stunden-Stellen besetzt werden.

Kommentar

Die Konkurrenz um gut ausgebildete Erzieher nimmt zu. Sie können sich ihren Arbeitgeber aussuchen. Da ist es verständlich, dass manch einer für 200 oder 300 Euro mehr im Monat von einem freien zu einem öffentlichen Träger wechselt. Das reißt Löcher, die schwer zu stopfen sind. Neues Personal ist kaum zu finden. Der Erzieher-Nachwuchs wird inzwischen direkt an den Schulen abgeworben, Stellenanzeigen hängen dort aus.Gleichzeitig verspricht das Land, Kitas mit mehr Personal auszustatten, den Betreuungsschlüssel zu verbessern. Doch wie? In den Kommunen sollen die Versprechungen der großen Politik erfüllt werden.Das Land muss mit den Akteuren vor Ort dafür sorgen, dass der Beruf attraktiver wird, dass Erzieher in allen Einrichtungen besser bezahlt werden. Sonst beißt sich die Katze in den Schwanz. Manja Wilde

Konkurrenz in der Kita

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