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Christa Wolf, die 1929 in Landsberg an der Warthe geboren wurde, wird im heute polnischen Gorzów geehrt

Literatur
„Unsere wichtigste Dichterin“

Im Gorzower Kabinett für Christa Wolf: Die Vizechefin der Bibliothek, Marzena Wysocka (r.), zeigt einen Brieföffner der Dichterin und die polnische Ausgabe des Romans „Kindheitsmuster“. Malgorzata Barczynska-Kowandy (l.) hat die Ausstellung gestaltet.
Im Gorzower Kabinett für Christa Wolf: Die Vizechefin der Bibliothek, Marzena Wysocka (r.), zeigt einen Brieföffner der Dichterin und die polnische Ausgabe des Romans „Kindheitsmuster“. Malgorzata Barczynska-Kowandy (l.) hat die Ausstellung gestaltet. © Foto: Heinz Köhler
Dietrich Schröder / 31.01.2018, 06:45 Uhr
Gorzów (MOZ) „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd“. Mit diesen Sätzen beginnt der autobiografische Roman „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf. Sein Erscheinen 1977 in der DDR war wie fast jedes Werk der Autorin eine Sensation. Nachdem sie in ihrem früheren Werk „Der geteilte Himmel“ die Folgen der deutschen Teilung für einzelne Menschen beschrieben hatte, brach sie nun mit einem weiteren Tabu: Sie berichtete, wie sie im Januar 1945 mit ihrer Familie aus ihrer Geburtsstadt Landsberg an der Warthe fliehen musste, die kurze Zeit später zum polnischen Gorzów geworden war.

Mehr noch: Sie legte die Abgründe ihrer Erinnerungen bloß und beschrieb, wie sie durch Lehrer und viele andere Einflüsse in ihrer Kindheit zum unbedingten Glauben an den Führerr erzogen worden war. Das Buch war eine Mahnung gegen die rein formale Auseinandersetzung mit der Nazidiktatur in Ostdeutschland. Eine weitere Ebene stellten Empfindungen dar, die sie bei ihrer ersten Reise in die frühere Heimat im Sommer 1971 hatte. Damals reiste die Autorin (die in dem Buch Nelly heißt) mit ihrem Ehemann, dem Bruder und ihrer Tochter nach Gorzów.

„1981 erschien die polnische Übersetzung des Romans in einer ähnlich kleinen Auflage wie zuvor in der DDR.“ Das berichtet die stellvertretende Leiterin der Gorzówer Stadt- und Wojewodschaftsbibliothek, Marzena Wysocka, und hält dabei ein Exemplar eben dieser Übersetzung in der Hand. Wir befinden uns in dem museumsartigen Christa-Wolf-Kabinett, das am Dienstag zu Ehren der Autorin in ihrer Geburtsstadt eröffnet wurde.

„Christa Wolf ist die wichtigste Autorin unserer Stadt“, sagt Marzena Wysocka. Und diese Worte über eine deutsche Autorin klingen in einer polnischen Stadt angesichts der aktuellen politischen Großwetterlage zwischen beiden Ländern auch schon wieder fast sensationell. „Das Thema der Vertreibung und der Flucht aus der Heimat ist den Bewohnern unserer Stadt sehr nahe. Denn sie selbst oder ihre Eltern beziehungsweise Großeltern sind von woanders hierher gekommen“, erläutert die Bibliothekarin. Der 30. Januar, an dem 1945 die ersten sowjetischen Soldaten die Stadt erreichten, wird deshalb seit fast zwei Jahrzehnten als „Tag der Erinnerung und Versöhnung“ mit früheren deutschen und heutigen polnischen Bewohner von Landsberg beziehungsweise Gorzów begangen. Deshalb fand auch die Einweihung des Christa-Wolf-Kabinettes in einer früheren Fabrikantenvilla, die zu der heutigen Bibliothek gehört, an diesem Tag statt.

Der Annäherungsprozess zwischen der Schriftstellerin und ihrem Geburtsort vollzog sich auf  behutsame, aber stetige Weise. Bei einer Lesung, die 1997 auf der gleichen Bühne des Stadttheaters stattfand, auf der in der Erinnerung der Dichterin „eine Ballerina im rosa Röckchen im Weihnachtsmärchen tanzte“, war die Autorin von der Herzlichkeit des Empfanges überwältigt. Ein Besucher brachte ihr Walnüsse von einem Baum mit, der auf dem Hof des noch immer existierenden Hauses steht, in dem die Dichterin als Kind lebte. Seit 2015 steht unweit des Gorzówer Doms eine Bank, auf der die Nelly aus „Kindheitsmuster“ als Bronzefigur sitzt und in einem Buch blättert.

„Meine Mutter wäre sicher glücklich, wenn sie die Einweihung dieses Kabinettes miterlebt hätte“, sagte die Tochter der 2011 gestorbenen Schriftstellerin, Katrin Wolf, bei der Feier am Dienstag. Außer Büchern hat die Familie auch den Schreibtisch sowie mehrere Möbelstücke der Autorin für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Die Christa-Wolf-Gesellschaft in Berlin hat das Projekt unterstützt.

Die Bibliothek befindet sich in der Sikorski-Straße 107 im Stadtzentrum von Gorzów, Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 10–15 Uhr

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