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Treffpunkt an der Schiene

Umfunktionierte Telefonzelle: Elke Eckert und Helge Schwarz an der Bücherhaltestelle vor dem Kulturbahnhof Biesenthal⇥Foto: Inga Dreyer
Umfunktionierte Telefonzelle: Elke Eckert und Helge Schwarz an der Bücherhaltestelle vor dem Kulturbahnhof Biesenthal⇥Foto: Inga Dreyer © Foto: Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 01.02.2018, 18:58 Uhr
Biesenthal Überall in Brandenburg entsteht Kultur. Doch nicht alle „Kulturmacher“ stehen permanent im Rampenlicht. Wir wollen in loser Folge einige von ihnen vorstellen.

Wer häufig mit der Bahn durch Brandenburg fährt, der ist den Anblick verwunschener, halb verfallener Bahnhofsgebäude gewohnt. In Biesenthal (Barnim) ist das anders. Dort erwartet Reisende ein großes, hellgraues Haus mit Blumen im Vorgarten. „Kultur Bahnhof“ steht in schnörkellosen Lettern auf einer weißen Borte, die sich um das Haus zieht. Die Tür steht offen. Durch den „Mitropa-Saal“ mit hölzernem Tanzboden führt der Weg in den kleineren „russischen Salon“, wo Elke Eckert und Helge Schwarz von den Anfängen ihres Vereines erzählen.

Im September 2005 war es, als ein Zettel im Bahnhofsfenster hing. „Auf einer Party haben ein paar Leute zusammengesessen und jemand hat gesagt: ,Mensch, der Bahnhof ist zu verkaufen‘“, erzählt Elke Eckert. Was man dort alles machen könnte? Tanz, Bücherei, Café, Lesungen, Konzerte und Kinderveranstaltungen. Die Ideen sprudelten. Der Unterschied zu vielen, in abendlicher Euphorie ausgebrüteten Fantasien: Es ging weiter. „Wir haben uns dann hier in der Pizzeria getroffen – so 20 Leute“, erzählt Elke Eckert. Es zeigte sich: Die Substanz des Bahnhofes war gut, das Dach gedeckt. Schnell gründeten sie den Verein „Kultur im Bahnhof“, legten zusammen, kauften das Gebäude, räumten auf und feierten dort ihre erste Silvesterparty.

Die Kulturschiene, ein Projekt der Barnimer Tourismusgesellschaft Wito, unterstützte den Verein anfangs, ein inhaltliches Konzept zu entwickeln. Im Sommer 2006 organisierten die Biesenthaler ihr erstes Straßenmusikerfest – bis heute jährlicher Höhepunkt. Bald kam auch die Ökofilmtour ins Programm. Viele der Vereinsmitglieder sind Neu-Biesenthaler, stammen aus Franken, Thüringen oder Bayern.

„Die Idee entstand aus dem Gefühl heraus, etwas zu machen, das zusammenbringt“, erzählt Helge Schwarz, der etwa seit sechs Jahren dabei ist und sich mit Heribert Rustige und Elke Eckert im Vorstand engagiert. Wichtig sei, dass jeder mitmachen kann – aktiv oder für 60 Euro im Jahr als Fördermitglied. Wer – wie die Gründungsmitglieder – mindestens 500 Euro investiert, kann stimmberechtigter Mitinhaber werden.

Am Anfang sei das Projekt auch auf Skepsis gestoßen, verrät Helge Schwarz. Inzwischen aber funktioniere es, ganz unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Der Kurs mit Tänzen aus aller Welt werde beispielsweise von alteingesessenen Biesenthalern heiß geliebt. Zum Yoga werden im Mitropa-Saal Matten ausgerollt, an manchen Abenden drängen sich dort Zuschauer bei Konzerten. Ob Tai Chi, Trommeln, Handarbeiten oder das Repair-Café, bei dem Kleidungsstücke und Geräte repariert werden: „Was mich am meisten gefreut hat bei dem Ganzen, ist, dass es ein Ort ist, wo sich Leute treffen“, sagt Elke Eckert.

Nicht alle ihre Ideen seien aufgegangen. „Am Anfang haben wir viel ausprobiert“, erzählt sie. Die Matinées mit selbst gekochtem Essen und Musik etwa waren auf Dauer zu aufwendig für die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder. So viel Engagement kostet Kraft. „Das eine ist, das Menschen etwas anpacken“, sagt Helge Schwarz. Aber der Knackpunkt sei die Kontinuität. „Das hat immer Höhen und Tiefen. Nach sieben Jahren hatte ich eine Krise“, erzählt Elke Eckert.

Um mehr Mitglieder zu gewinnen, beteiligten sich die Biesenthaler 2013 gemeinsam mit einem Verein aus Eichwalde (Dahme-Spreewald) am Wettbewerb „Call for Members“ der Kulturstiftung des Bundes. 30 bis 35 neue Leute kamen dazu. Heute sind es um die 70. Mit dem Preisgeld haben die Biesenthaler eine Bücherhaltestelle in einer Telefonzelle errichtet. Inzwischen spiele der Kulturbahnhof für manche sogar eine Rolle bei der Entscheidung, nach Biesenthal zu ziehen, erzählt Elke Eckert. „Das hätte ich nicht geglaubt, dass er sich zu einem so großen Anziehungspunkt entwickelt.“

Bei einzelnen Projekten erhält der Verein Unterstützung von der Stadt, vom Landkreis, der Sparkasse, der Aktion Mensch oder der Landeszentrale für politische Bildung. „Der größte Brocken wird aber aus Eigenarbeit gestemmt“, erklärt Helge Schwarz. Über eine EU-Förderung konnten 2013 und 2014 die Fenster erneuert, die Fassade gedämmt und eine Heizung eingebaut werden. „Jetzt gibt es das ganze Jahr über Veranstaltungen. Vorher musste der Hausmeister im Winter morgens um fünf Uhr die Kohle in den Ofen werfen“, erzählt Elke Eckert.

Der Verein vermietet auch Räume für Tagungen und Feiern, im Obergeschoss befinden sich eine Logopädiepraxis und Räume der Neuen Musikschule Bernau. Eintrittsgelder halte der Verein bewusst niedrig, betont Helge Schwarz: „Uns ist wichtig, dass Menschen kommen können, die sich das sonst nicht leisten können.“

Das Programm bietet hochkarätige Konzerte von Klassik bis Pop, einen jährlichen Poetry-Slam, politische Diskussionen und Lesungen – im März beispielsweise mit der Autorin Sasha Marianna Salzmann, deren Debütroman „Außer sich“ 2017 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand.

Kulturbahnhof Biesenthal, Bahnhofsplatz 1, Biesenthal, www.kulturbahnhof-biesenthal.de

Auszug aus dem Programm: 20.2., 19.30 Uhr: Christoph Schulze und Vera Henßler berichten über die Entwicklung der „Neuen Rechten“, insbesondere der „Identitären Bewegung“ in Brandenburg; 24.2., 20 Uhr: MelanKomiker aus Leipzig mit Liederkabarett auf Sächsisch; 3.3., 20 Uhr: Barnim Slam, Wettstreit der Poetry-Slamer; 10.3., 20 Uhr: Autorin Sasha Marianna Salzmann liest aus ihrem Debütroman „Außer sich“

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