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Autor der „kleenen Leute“

„Der Laden“ auf der Bühne: Oliver Breite als Esau Matt und Michael Becker (r.), der in der Cottbuser Bühnenfassung des Staatstheaters den Großvater spielte.
„Der Laden“ auf der Bühne: Oliver Breite als Esau Matt und Michael Becker (r.), der in der Cottbuser Bühnenfassung des Staatstheaters den Großvater spielte. © Foto: Marlies Kross
Thomas Klatt / 13.02.2018, 06:45 Uhr - Aktualisiert 13.02.2018, 14:23
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Schauspieler Michael Becker, viele Jahre am Staatstheater in Cottbus tätig, liest am Donnerstag in der Frankfurter Rathaushalle aus den Tagebüchern von Erwin Strittmatter. Es ist der Start einer dreiteiligen Lesereihe. Thomas Klattsprach mit dem 66-Jährigen, der als Strittmatter-Kenner gilt und auch selbst schreibt.

Herr Becker, was fasziniert Sie an den Büchern von Erwin Strittmatter?

Zuallererst etwas ganz Persönliches. Strittmatter kommt wie ich vom Land, er hat das Leben der einfachen Leute in der Lausitz beschrieben. Ich kann das alles nachvollziehen, ich habe Melker gelernt und habe anschließend Schauspiel studiert. Ich kann einen Stall ausmisten und weiß wie Kuhscheiße stinkt. Man kann aus den Büchern viel aus der Geschichte lernen – über Sinn und Unsinn der DDR zum Beispiel, auch vom gescheiterten Versuch einer Utopie. Seine Figuren standen immer mittendrin in diesen komplizierten Prozessen und hatten trotzdem Bodenhaftung, beschönigt hat er nie. Geschrieben hat er für die „kleenen Leu te“, als Schriftsteller hätte Strittmatter in der bürgerlichen Welt wohl keine Chance gehabt. Peter Hacks und Stephan Hermlin wären sicher als bürgerliche Schriftsteller durchgegangen. Strittmatter nicht. Marcel Reich-Ranicki nannte ihn den „Herman Löns der Lausitz“. Brecht sagte einmal, dass es ohne die DDR den Schriftsteller Strittmatter nicht gegeben hätte. Hacks und Hermlin begegneten ihm nie auf Augenhöhe, das hat ihn zeitlebens gekränkt.

War er ein komplizierter Mensch?

Er hat darunter gelitten, dass er weder Abitur noch Hochschulabschluss vorweisen konnte. Er wusste natürlich, dass seine Frau Eva die begabtere Lyrikerin war. In den Tagebüchern, aus denen ich lese, macht er es sich selbst nicht leicht. Er schreibt offen über seinen Zwist mit Frau und Familie und horcht auch immer wieder selbstkritisch in sich hinein. Eine Verurteilung der Familienverhältnisse liegt mir fern.

Welche ist eigentlich ihre Lieblingsfigur im großen Strittmatterschen Werk? Immerhin hinterließ er mehr als 30 Romane und Geschichten, inklusive Tagebuchaufzeichnungen.

Da muss ich nicht lange nachdenken: Natürlich Strittmatters Großvater Kulka aus dem „Laden“. Die Rolle habe ich am Theater in Cottbus gespielt. Der Großvater war der Mensch, den Strittmatter am meisten verehrte. Fast eine Liebesbeziehung, könnte man sagen. Vieles, was Strittmatter ausmacht – seine Liebe zu den Menschen, seine Phantasie, die Heimatverbundenheit, seine Schlitzohrigkeit wie auch das Mürrische und gelegentlich Eitle – spiegelt sich in ihm. Immer wenn ich an den Gräbern der Familie im Bohsdorf stehe, denk ich: Guck mal, da liege ich. Alles ist vergänglich „unter Eechen“, wie Strittmatter immer sagte.

Dem Schriftsteller wird vorgeworfen, er hätte sich nicht zu seiner Zeit als Soldat im Krieg geäußert. Er war in einer Einheit eingesetzt, die in Südeuropa Kriegsverbrechen begangen hat.

Dass Strittmatter daran beteiligt war, konnte nicht bewiesen werden. Er selbst hat sich in vielen Büchern in mehreren seiner Figuren immer kritisch mit dem Krieg auseinandergesetzt. Aber ich nehme das schon ernst. Sollte sich herausstellen, dass Strittmatter an Erschießungen beteiligt war, lese ich nicht mehr öffentlich aus seinen Büchern. Das habe ich meinen Lesern versprochen. Trotzdem bliebe sein Werk für mich wertvoll. Wir Nachgeborenen sollten vorsichtig sein bei der Beurteilung dieser Generation. Aus der Sicherheit einer demokratischen Gesellschaft heraus ist es leicht, ein vernichtendes Urteil zu fällen.

Sie schreiben auch selbst. Fünf Bücher sind von ihnen bereits erschienen, zuletzt „Wahres, Schnurren, Anekdoten“. Ein Ergebnis Strittmatterscher Beeinflussung?

Klar! Aber ich bin ja kein Schriftsteller, sondern ein Geschichten erzählender Schauspieler. Ich mag meine Figuren und verteidige besonders die angeblich unbedeutenden unter ihnen. Das hab ich wirklich von Strittmatter gelernt. Ich schreibe so, wie ich glaube, dass es das Publikum fesseln könnte – kurz knapp und mit Humor. Mein Geburtsort Lieberose ist ein Tummelplatz von Niederlausitzern, Oberschlesiern, Sorben und berlinernden Zuzüglern – wie oft in Brandenburg. Aus diesem Mischmasch speist sich auch die Sprache meiner Figuren, so wie es auch bei Strittmatter war.

Donnerstag (15. Februar), 18 Uhr, Rathaushalle, Frankfurt, Karten gibt es unter 0335 28396183 oder an der Abendkasse

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