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Psychiatrische Versorgung
Ohne Hilfe in der Not

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Mathias Hausding / 15.02.2018, 06:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Wer in Brandenburg mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, muss mitunter lange auf eine gute Behandlung warten. Ein von den Grünen im Landtag organisiertes Fachgespräch brachte eine Fülle von Defiziten zu Tage.

Depressive Mütter mit Babys, Kinder und Jugendliche, die unter Hyperaktivität oder Essstörungen leiden, Alkoholiker mit Amnesie, traumatisierte Verbrechensopfer oder Senioren mit seelischen Problemen – alle diese Gruppen verdienen eine gute ärztliche Versorgung, bekommen sie in Brandenburg aber oft nicht. Diesen Befund trugen am Dienstagabend im Potsdamer Landtag Experten aus der Region zusammen.

„Gerade im ambulanten Bereich haben wir große Versorgungsengpässe, lange Wartezeiten und weite Wege für die Patienten“, sagte Ulrich Niedermeyer, Sprecher der psychiatrischen Kliniken im Land. Jürgen Lüth, Landeschef des Weißen Rings, berichtete von den Schwierigkeiten, Hilfe für Verbrechensopfer zu bekommen. Er prangere das seit langem an, aber nichts habe sich verbessert. „Wenn wir Akut-Fälle haben, müssen wir einen Riesen-Aufwand betreiben, um zumindest irgendwo eine Erstbehandlung zu bekommen.“ In der Bundesrepublik gebe es 160 sehr erfolgreiche Trauma-Ambulanzen, aber nur eine in Brandenburg, kritisierte Lüth.

Auch an anderen wichtigen Einrichtungen herrsche nicht nur Mangel, teilweise gebe es sie gar nicht und Patienten müssten in andere Bundesländer „verfrachtet“ werden, wie Niedermeyer einräumte. So sei es zum Beispiel medizinisch geboten, stark depressive Mütter gemeinsam mit ihren Babys zu betreuen. Angebote dafür gebe es jedoch nicht, wie diverse Experten betonten. Ganze Landesteile seien außerdem eine einzige Wüste, wenn es um die psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen geht. Überfordert sei man zudem mit der stark wachsenden Gerontopsychiatrie, also massiven seelischen Störungen im Alter.

Zu diesen strukturellen Defiziten kommen Personalprobleme in Kliniken. Hier lieferte Heiko Piekorz bedenkliche Einblicke ins System. Er ist Betriebsrat im Asklepios Fachklinikum Lübben und Mitglied einer Besuchskommission, die psychiatrische Kliniken im Land unter die Lupe nimmt und die Einhaltung von Patientenrechten überwacht. „Wir haben die Situation, dass auf einer Station mit bis zu 30 teilweise hoch akuten Patienten am Tag zwei Pfleger unterwegs sind und in der Nacht einer“, berichtete er. Laut Vorschrift müssten es deutlich mehr sein. Bei Kontrollen könnten die Kliniken die geforderte Personalstärke auf dem Papier nachweisen, „aber am Krankenbett kommen diese Leute nicht an. Sie verschwinden irgendwo.“

Grund ist in seinen Augen die „Ökonomisierung des Gesundheitswesens“. Klinik-Konzerne hätten ihre Gewinnmargen im Blick, aber nicht das Wohl von Patienten und Mitarbeitern. Wenn das so weitergehe, werde kaum noch jemand den Beruf der Krankenschwester erlernen wollen. „Es gibt eine Flut von Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter aus den Kliniken. Sie werden schlichtweg ignoriert“, ergänzte Piekorz. Die Patienten wiederum würden sich über Missstände nicht beschweren, weil sie für diesen Fall eine schlechtere Behandlung fürchten. „Wir müssen uns diesen Problemen stellen“, schloss der Betriebsrat seinen Vortrag. „Die Politik muss bessere Rahmenbedingungen entwickeln.“

Martin Osinski von der Brandenburgischen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie bestätigte, dass dies „der wunde Punkt“ sei. „Über die Personalkosten wird im Krankenhaus das Geld verdient.“ Wenn ein privater Betreiber zweistellige Gewinnmargen anstrebe, dann spare er bei den Pflegekräften.

Brandenburgs Gesundheitsstaatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt stellte sich in der Runde der Kritik und versuchte nicht, Dinge zu beschönigen. „Wir haben Versorgungslücken“, räumte sie ein. „Wir kümmern uns, sind aber auf eine gute Zusammenarbeit mit Kliniken und Ärztevertretern angewiesen. Sie haben den Versorgungsauftrag.“

Wie man sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschiebt, ohne dass sich das Publikum ein Urteil bilden kann, verdeutlichte der Bericht eines Psychiatrie-Mitarbeiters. Ihm sage die Hausleitung seiner Klinik, dass man beim Personal sparen müsse, weil das Land seine Aufgaben nicht erfülle, also bei Investitionen in Klinik-Gebäude knausrig sei. Die Staatssekretärin wies dies zurück. „Ja, wir sind dafür zuständig. Und wir kommen dieser Pflicht auch nach, investieren in dieser Legislaturperiode 80 Millionen Euro.“

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