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In Angermünder Awo-Seniorenheimen bezahlen Bewohner 700 Euro mehr im Monat

Seniorenheim
Arm durch Pflege

Daniela Windolff / 16.02.2018, 06:45 Uhr
Angermünde (MOZ) Nachdem die Awo Ende des Jahres 2017 ankündigte, die Eigenanteile an den Heimplatzkosten für ihre Pflegeheime zu erhöhen, haben inzwischen die betroffenen Bewohner die Rechnungsbescheide erhalten. Demnach steigen die Kosten um mehr als 700 Euro im Monat. Jetzt startet eine Unterschriftensammlung.

Rund 2056,82 Euro im Monat soll Erwin Banaskiewicz ab sofort jeden Monat für den Heimplatz im Awo-Seniorenzentrum am Stadtwall in Angermünde bezahlen. Bisher waren es 1200 Euro. Das gibt die Rente des betagten Mannes nicht her. Auch Margot Bredey muss nun monatlich 720 Euro mehr Entgelt an das Awo-Heim am Tierpark bezahlen. Dabei reicht die Rente der 81-Jährigen schon jetzt nicht aus, um die Kosten zu decken.

Zwei Beispiele von hunderten, die von der kurzfristigen drastischen Preissteigerung in Heimen des Awo Bezirksverbandes Brandenburg Ost betroffen sind. Wie berichtet, informierte die Geschäftsführung Betroffene Ende November 2017 über diese Entgelterhöhung, die mit den Tarifabschlüssen zwischen Awo und Verdi begründet werden. Die Beschäftigten sollen 2018 mehr Geld bekommen. Damit soll die schwere Arbeit der Pflegekräfte besser anerkannt und der Fachkräftenotstand gelindert werden.

Statt der angekündigten geschätzten Erhöhung um 450 bis 500 Euro sind die Kosten nun laut Rechungsbescheiden, die die Awo im Februar verschickt, sogar um durchschnittlich 700 Euro pro Platz und Monat gestiegen! Die Zeche dafür zahlen jedoch die bedürftigen Bewohner, beziehungsweise deren Angehörige.

Auch Klaus-Dieter Puhr aus Angermünde berichtet über drastische Kostensteigerungen für den Heim-Platz des Vaters von 1200 auf über 2000 Euro und wundert sich über die enormen Unterschiede bei den Einrichtungen in Brandenburg. Bisher waren die Heimkosten der Awo in Angermünde recht günstig. Jetzt ziehen sie auf einen Schlag an allen vorbei. "In dieser Region haben die alten Menschen aber oft nur eine kleine Rente. Wenn die nicht ausreicht, um die Pflegekosten zu zahlen, müssen sie Hilfe beim Sozialamt beantragen und das bezahlt dann letztlich die Allgemeinheit", ärgert sich Klaus-Dieter Puhr.

"Die Mitarbeiter sollen vernünftig bezahlt werden. Aber den alten Menschen, die auch ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, nun so eine drastische Erhöhung zuzumuten, das geht zu weit", empört sich Annette Rahmel, deren Mutter im Seniorenzentrum am Tierpark betreut wird. Sie ist selbst auf Hartz-IV-Geld angewiesen, kann ihre Mutter finanziell nicht unterstützen und hat auch nicht die Möglichkeit, sie zu Hause zu betreuen. "Ihr bleibt nichts anderes übrig, als zum Sozialamt zu gehen. Das belastet sie und mich sehr. Sogar das Ersparte der Sterbegeldversicherung soll sie aufbrauchen", erzählt Annette Rahmel mit Tränen in den Augen. Warum hat man die Erhöhung nicht schrittweise eingeführt, fragen sich Mutter und Tochter und haben einen Beschwerdebrief an den Landesvorstand der Awo geschrieben, den sie auch der Zeitung zur Verfügung stellen.

Mit einem offenen Brief wenden sich nun Bewohner und Angehörige aller Awo-Heime des Bezirksverbandes Brandenburg Ost an die Politik und sammeln dafür im ganzen Land Unterschriften. Sie fordern schnelle Veränderungen in der Pflegegesetzgebung, die nicht nur die Bedürftigen in Heimen belastet.

Die Heimleiterin der Angermünder Awo-Einrichtungen, Carola Welke, unterstützt diese Initiative, wie auch viele ihrer Kollegen in anderen Einrichtungen. "Das ist ein politisches Problem, das früher oder später alle Pflegeheime betreffen wird. Hier muss endlich gehandelt werden. Die Pflegegesetzgebung hat sich seit 1996 nicht wesentlich geändert", sagt Carola Welke. Sie freut sich über die überfällige Tariferhöhung, versteht jedoch auch die Not der Betroffenen. "Wir wollen nicht, dass die steigenden Kosten auf dem Rücken der Bedürftigsten ausgetragen werden, die unser Land mit aufgebaut haben." In den Zimmern und im Büro der Awo-Heime liegen bis zum 10. März Unterschriftenlisten aus. Angehörige organisieren zudem am heutigen Freitag eine Unterschriftenaktion von 10 bis 17 Uhr am Angerzentrum.

Offener Brief

Bewohner von Awo-Seniorenheimen wenden sich mit einem offenen Brief an die Landes- und Bundesregierung, den wir in Auszügen wiedergeben: Seit Jahren haben Sozialverbände, Parteien und andere Spezialisten aus dem Gesundheitswesen auf die Probleme Altersarmut und Pflegenotstand aufmerksam gemacht. Die Bewohner der Seniorenheime der Awo Brandenburg Ost haben es im November 2017 konkret erfahren, was Altersarmut bedeuten kann. In einer Vorabinformation teilte die Geschäftsleitung der Awo mit, dass die Entgelte für die Bewohner ... auf rund 1800 Euro pro Monat steigen werden. Grund für diese enorme Preissteigerung sei der Tarifabschluss zwischen Awo und verdi für die Mitarbeiter der Awo. (...) Wir betrachten die Anhebung der Gehälter für das Pflegepersonal als dringend gerechtfertigt. Nicht nachvollziehbar bleibt für die Bewohner und ihre Angehörigen die Tatsache, dass die alleinig durch sie getragen werden sollen. (...)Die Bewohner und ihre Familienangehörigen sind der Meinung, dass es nicht Sinn der Sozialpolitik sein kann, dass man nach 40-45 Arbeitsjahren am Lebensabend Sozialhilfe beantragen muss, um die Pflegekosten bezahlen zu können. Hier erwarten wir eine schnelle Veränderung der Pflegegesetzgebung (...).

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