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Natur
Das große Krabbeln

Erhard Herrmann / 16.02.2018, 08:25 Uhr
Brandenburg (MOZ) Sie sind nur etwa zwei Millimeter groß und mit bloßem Auge kaum erkennbar. Auch in der Natur würde man die winzigen schwarzen Käfer mit dem Namen "Kleiner Holzbohrer" eher übersehen, denn ihr Lebensraum ist im Kernholz von Bäumen. Das unscheinbare Krabbeltierchen, das man auch als Ambrosiakäfer kennt, ist einzigartig im Käferreich. Er züchtet eigene Pilze, um zu überleben. Diese Sorte zählt zu den Borkenkäfern und gehört zu den besonderen Lieblingen von Klaus Liebenow. Der Entomologe betreibt seit über 50 Jahren Insektenforschung und ist Vorsitzender der Fachgruppe Entomologie. Die sechs Mitglieder treffen sich regelmäßig im Bürgerhaus in der Bäckerstraße. "Ich habe früher oft im Wald gearbeitet und wollte Förster werden, daher kommt sicherlich mein Interesse an dieser Käferart. Zudem muss man sich aufgrund der Vielzahl an Sorten und Arten auch spezialisieren", so der Insektenkundler. Zudem will er ein Vorurteil abbauen. Auch wenn der Ruf nicht der Beste ist: Borkenkäfer gehören eigentlich nicht zu den Schädlingen im Wald. Ist der Wald gesund, spielen sie als Destruenten eine wichtige Rolle im Ökosystem, denn sie zersetzen organisches Material. "Nur wenige Borkenkäferarten, wie der Buchdrucker, sind in der Lage, lebende Bäume so weit zu schädigen, dass diese absterben. Ob ein Käfer als nützlich oder schädlich gilt, hängt also ganz von der Betrachtungsweise ab", erläuterte Liebenow. Und die des Menschen ist meist eine Wirtschaftliche. Werden ganze Ernten vernichtet, ist dies ein Schaden. Betätigen sich Käfer allerdings in der Abwehr anderer Schädlinge wie Läusen oder Schnecken, gelten sie als nützlich. Für alle in der Fachgruppe ist jedoch klar: "Jede der Arten hat ihre Rolle und ihren Platz im Naturhaushalt." Dieser wird immer mehr bedroht. Trotz der Vielzahl an Arten, derzeit etwa 1,5 bis 1,75 Million, gibt es ein Insektensterben. Es ist bezeichnend, dass ihr Verschwinden vor allem als Windschutzscheiben-Phänomen wahrgenommen wird. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten hartnäckiger Fliegen- und Wespenbrei die Sicht beim Autofahren behinderte, klatschen heute kaum noch Insekten auf die Scheibe. Immer seltener hört man das Summen der Bienen, das Brummen der Hummeln, das Zirpen der Grillen. Ohne die Erhebungen der Entomologen und Hobbyforscher wäre wohl immer noch nicht bekannt, wie schlecht es um die Insekten wirklich steht. Durch gemeinsame Exkursionen und Publikationen wirken sie an der Erfassung und am Schutz der heimischen Insektenwelt mit. "Das Besondere an der Arbeit ist, dass sämtliche Proben archiviert werden, nichts geht verloren. Die Aufbewahrung der Proben und Exemplare ist für uns das Wichtigste. Sie dienen der Bestimmung der Arten und helfen, Probleme - z. B. bei einem Absterben von bestimmten Pflanzen und Bäumen - zu lösen", betonte Liebenow. Unverständlich, dass die deutsche Bürokratie die Insektenforschung behindert. "Um die Tierchen zu sammeln, brauchte man eine mehrseitige Ausnahmegenehmigung vom Landesumweltamt zum Naturschutzgesetz", bedauert der Insektenforscher und hofft zugleich, dass das große Krabbeln noch lange, weitergeht.

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