Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Die passionierte Birkholzer Sammlerin und Keramikerin Rosemarie Spies feiert ihren 90. Geburtstag

Keramikerin
"Ich habe großen Spaß daran, zu leben!"

Stetiges Suchen und Finden: Rosemarie Spies mit einem ihrer Exponate, dem von Werner Klemke illustrierten Kinderbuch "Hirsch Heinrich", im Birkholzer Dorfgemeinschaftshaus.
Stetiges Suchen und Finden: Rosemarie Spies mit einem ihrer Exponate, dem von Werner Klemke illustrierten Kinderbuch "Hirsch Heinrich", im Birkholzer Dorfgemeinschaftshaus. © Foto: MOZ/Jana Reimann-Grohs
Jana Reimann-Grohs / 19.02.2018, 06:30 Uhr
Birkholz (MOZ) Die betagte Keramikerin und ehrenamtliche Kuratorin des Dorfgemeinschaftshauses, Rosemarie Spies, lebt seit 20 Jahren im 290-Seelenort Birkholz und kommt in ihrer Wohnstätte gut allein zurecht. Heute wird sie 90 Jahre alt.

Wenn es an der Tür klingelt, springt Hündin Polly gewöhnlich als erste auf und begleitet die 90-jährige Bewohnerin mit in den Flur. Alltägliche Gänge fallen Rosemarie Spies nicht mehr so leicht und ihre Koordination lässt altersbedingt nach. Dennoch macht sie im Gespräch einen munteren Eindruck und lässt sich ihre Teilhabe am öffentlichen Leben nicht nehmen. Das Grübeln und kreative Denken gehören für sie nach wie vor zum Alltag. Ihren scharfen Verstand hält Rosemarie täglich mit Zeitung lesen und Radio hören fit. Früher nutzte sie wohl auch den Fernseher, musste allerdings feststellen, dass dieser ihren Tagesablauf bestimmte - erzählt die Rentnerin. Daraufhin habe sie ihn einsichtig wieder "abgestellt".

Bevor Rosemarie ihre alte Heimat Berlin-Pankow aufgab und sich mit ihrer Keramikkunst in Birkholz ansiedelte, war sie für ihr Atelier acht Jahre lang auf der Suche nach einem geeigneten Wohnhaus. Im sanierungsbedürftigen alten Müllerhaus fand sie schließlich ausreichend Platz. Mithilfe der Familie und von Freunden ließ sie es für ihre Zwecke aus- und umbauen.

Es sei "zwar verrückt, etwas in dem kleinen Ort zu machen", aber "ohne Arbeit" könne sie sich ihr Leben "gar nicht denken" - sagt Rosemarie Spies. Allen Widrigkeiten zum Trotz habe sie immer noch "großen Spaß" daran, "zu leben". Wer immer das Gefühl habe, Opfer zu sein, werde zwangsläufig "inaktiv", betont sie. Irgendeine Form von Rückzug ist bei der rüstigen Dame nicht zu erkennen. Wenn sie erzählt und Dinge hervorkramt, rückt ihre Gehhilfe in den Hintergrund. Jede Menge spirituelle Energie sticht stattdessen hervor und bringt Rosemaries Augen zum Leuchten. Das Töpfern musste sie vor drei Jahren wegen körperlicher Einschränkungen aufgeben. Ihre Werkstatt führt nun Tochter Philine Spies weiter. Die 65-jährige ist ebenfalls Keramikerin und besucht ihre Mutter jeden Tag.

Hündin Polly und zwei Katzen leben mit der ehemaligen Berlinerin Rosemarie Spies zusammen. An den Wänden hängen Zeichnungen, Bilder, Handarbeiten und überall sind selbst getöpferte Gegenstände zu entdecken. Auf insgesamt drei Dachböden lagert außerdem altes Spielzeug: Puppenstuben, Pferdefuhrwerke, Kaufmannsläden. Darunter auch ein Teddy - "während des Zweiten Weltkriegs von einem Kind aus Ostpreußen bis nach Berlin getragen". "Sammler werden als solche geboren", begründet die Seniorin ihre Leidenschaft für Antiquitäten und überlieferte Gebrauchsgegenstände: "Ich kann diese Dinge schlecht liegenlassen und dann werfen diejenigen es weg, die es nicht begreifen."

Rosemarie hat als Organisatorin für Ausstellungen in Birkholz einen Weg gefunden, weiterhin kreativ zu sein. Mit Unterstützung des Ortsvorstehers Dieter Geldschläger versucht sie, Einwohner und auswärtige Besucher für Kunst und Kultur zu begeistern "Menschen aus ihren Häusern locken", nennt die 90-Jährige lachend ihre Ambitionen.

So rief sie bereits erfolgreich ostdeutsche Buchkunst in Erinnerung und ehrte den populären Illustrator und Gebrauchsgrafiker Werner Klemke. Im Dezember vergangenen Jahres stellte sie Adventskalender aus den letzten 40 Jahren zur Schau. Wenn Rosemarie ihre Arrangements und Exponate nicht selbst "erjagen" kann - wie sie scherzhaft erzählt - nutzt sie Kontakte zu kulturellen Einrichtungen und befreundeten Künstlern.

Zum Frauentag, am 8. März, plant sie, die DDR-Zeitschrift "Sibylle" mit alten Anziehpuppen und Barbiepuppen der Neuzeit zur Schau zu stellen. Die "guten Fotografen" darin und "interessanten Auffassungen zur Mode" drängten sie gerade zu, auf damalige fortschrittliche gesellschaftliche Aspekte hinzuweisen. An der Chronik und historischen Aufarbeitung ihres Ortes ist die Jubilarin ebenso brennend interessiert. "Ich sammle so gerne im Kopf Geschichten. Wenn die Leute mir etwas zu den Häusern erzählen, finde ich das hochinteressant." Zur historischen Aufarbeitung ihres Wohnortes trug die freigeistige Künstlerin bereits mit Übersetzungen aus alten Kirchenbüchern bei.

Rosemaries Vorfahren stammen aus Westfalen. Sie wuchs in Berlin-Charlottenburg mit zwei älteren und einem jüngeren Bruder auf. Ihre Mutter Johanna, geborene Lenzmann, machte Handarbeiten. Der Vater, Karl Lücke, besaß ein Modegeschäft am Berliner Hausvogteiplatz. Die letzten Kriegsjahre verbrachte sie als Jugendliche geschützt in der ländlichen Gegend Sachsens. Mit 17 Jahren lief sie dann mit ihrem jüngeren Bruder und der Mutter allein zu Fuß nach Berlin zurück. Ihr "wunderbarer Zeichenlehrer" förderte ihr künstlerisches Talent schon zu Schulzeiten. Nach Kriegsende absolvierte sie dann die "Meisterschule für das Kunsthandwerk" - später als Einrichtung der "Universität der Künste" bekannt.

Nachdem sie 1951 einen Arzt heiratete und wenig später zwei Kinder bekam, wohnte die Familie zuerst in Klein-Machnow, später in Pankow-Heinersdorf. 1961 folgte die Scheidung. Sie blieb in dem Haus wohnen, zog Tochter Philine und Sohn Nikolaus allein groß. Ihre Kinder eiferten ihr nach und ergriffen Anfang der 70-er Jahre ebenfalls den Keramik-Beruf. Philine lernte in einer Ahrenshooper Werkstatt und Nikolaus in der berühmten Veltener Keramikmanufaktur Hedwig Bollhagen.

Ihre Keramikkunst habe sie sich von Anfang an bei Künstlerfreunden in Ahrenshoop "abgeschaut", wo sie regelmäßig mit den eigenen Kindern Ferien machte, relativiert Rosemarie Spies ihr Können. Erste Werke, hauptsächlich Figuren und Tiernachbildungen, verkaufte die alleinerziehende Mutter erst nach Anschaffung eines eigenen Brennofens gewinnbringend, sodass sie davon auch leben konnte.

Bewundernswert ist Rosemaries Spies' humorvolle Art. Sie nimmt sich selbst und andere nicht allzu ernst. Ihr ungebrochener Wille zur Autonomie und Kreativität sorgen für ausreichend Abwechslung und Produktivität. "Über Essen und Trinken hinaus braucht man noch etwas anderes, wo Kopf und Gefühl beschäftigt sind."

Aktuell denkt die Birkholzerin angestrengt darüber nach, wie sich ein kostengünstiges Schild für das Dorfgemeinschaftshaus herstellen lässt. "Ich bin keine Kreuzworträtselraterin. Bei mir muss es immer einen praktischen Grund haben!", sagt die ehrgeizige Handwerkerin und hat schon die Idee zu einem Schriftzug aus Holz. Über die Zukunft ihres Dorfgemeinschaftshauses müssen sich die Birkholzer keine Sorgen machen, solange Rosemarie Spies ihre Hände im Spiel hat und sich kreativ einbringt.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG