Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Geplanter Radarschirm zur Verdunklung uckermärkischer Windfelder bisher nicht installiert / Konkurrenz plant eigenes System

Windräder
Und sie blinken immer noch

Nachtbefeuerung nur noch bei Bedarf: Erst bei Annäherung von Flugobjekten sollen sich Windräderlichter künftig einschalten, um auf die Gefahr für die Flugsicherheit aufmerksam zu machen. Doch das uckermärkische Modell-Projekt geht nur schleppend vorwärts.
Nachtbefeuerung nur noch bei Bedarf: Erst bei Annäherung von Flugobjekten sollen sich Windräderlichter künftig einschalten, um auf die Gefahr für die Flugsicherheit aufmerksam zu machen. Doch das uckermärkische Modell-Projekt geht nur schleppend vorwärts. © Foto: Enertrag
Oliver Schwers / 20.02.2018, 06:45 Uhr
Angermünde (MOZ) Eigentlich sollte die Uckermark längst dunkel sein. Mit einem Radarschirm wollte die Firma Enertrag die nächtliche Blinkparty der vielen Windräder ausknipsen. Doch bisher ist nichts passiert. Jetzt lässt der Windmüller Jan Teut einen eigenen Schirm rund um Pinnow installieren.

"Enertrag schaltet die von vielen Menschen als äußerst störend empfundene Nachtbefeuerung der uckermärkichen Strommühlen ab." Diese Meldung verbreitete sich Ende 2016 wie ein Lauffeuer. Das Unternehmen plante ein Modellprojekt: Alle Windmüller sollten an ein gemeinsames Radarsystem angeschlossen werden. Kommt ein Helikopter, schalten sich alle Türme gleichzeitig ein und blinken. Ansonsten versinkt die Uckermark im Dunkel der Nacht. Genau das fordern viele Anwohner und Windkraftgegner seit Jahren.

Doch der Zeitplan 2017 konnte nicht eingehalten werden. Begründung: Die erhofften Bundesfördermittel blieben aus. Allerdings will Enertrag an dem Projekt festhalten, nun mit anderem Finanzierungsmodell.

Nach Angaben von Jens Christen, Projektleiter Deutschland bei Enertrag, sind in der Kreisbaubehörde zwei Bauanträge für die benötigten Radartürme gestellt. Eine Genehmigung wurde noch nicht erteilt. Nach Plänen des Unternehmens würden sich rund 400 Windmühlen unter einem Schirm anschließen lassen, wenn die Betreiber mitmachen. Im ersten Aufschlag will man 200 bis 250 Windräder abschalten. Der Rest käme später dran. Umsetzungszeitraum: anderthalb bis zwei Jahre. Großer Vorteil wäre die "kollektive Genehmigung der Flugsicherung", so Jens Christen.

Doch Windraftkritiker trauen dem Frieden nicht. "Ich fühle mich als betroffener Bürger an der Nase herumgeführt", sagt Angela Mans aus Crussow. Es sei mit keiner Silbe erwähnt worden, dass eine finanzielle Förderung aus öffentlichen Mitteln erforderlich sein könnte. Auch sei der Eindruck vermittelt worden, dass keine rechtlichen oder finanziellen Hürden mehr bestehen. Weil das Unternehmen Ende 2016 im gleichen Atemzug eiligst Anträge eingereicht habe, um durch das neue Ausschreibungsverfahren für Windfelder noch in den Genuss der Einspeisevergütung zu kommen, liege "die Vermutung nahe, dass hier gute Stimmung gemacht werden sollte".

Ist der Radarschirm am Ende eine Ente? Eine Nachfrage im Bauamt des Kreises bringt ans Licht: Enertrag hat noch gar keinen Bauantrag für die Radarüberwachung eingereicht. Obwohl das Vorhaben nicht vom Tisch ist, werden derzeit rund um Angermünde neue Windräder mit der üblichen und sogar noch stärkeren Nachtbefeuerung errichtet, die in der Dunkelheit ununterbrochen blinken. Die Kritik daran ist unüberhörbar, hatten sich doch betroffene Bürger damit abgefunden, wenigstens nachts die Riesenmühlen nicht wahrnehmen zu müssen. Eine gesetzliche Regelung zur späteren Nachrüstung gibt es aber nicht. "Da in der Uckermark bereits zahlreiche Anlagen installiert sind, wünsche ich mir auch den Einsatz bei allen Bestandsanlagen, insbesondere denen, bei denen auch der Mast befeuert wird", so Angela Mans, beratendes Mitglied in der Regionalversammlung Uckermark-Barnim.

In anderen Regionen Deutschlands gibt es bereits funktionierende Radarsysteme zur Nachtabschaltung. Auch Enertrag ist dabei federführend unterwegs und bietet sich als Dienstleister an. In Schleswig-Holstein soll ein Gebiet von rund 1000 Quadratkilometern verdunkelt werden. Die Windparks müssten in die Installation des Systems investieren und später eine jährliche Gebühr zahlen. Nähert sich ein Flugobjekt, käme via Internet das Signal zum Einschalten der Blinkanlagen.

In der Uckermark scheinen sich die Windmüller nicht recht einig zu sein. Denn plötzlich überrascht die Windkraftfirma Teut mit einem eigenen Vorhaben. "So viel ist von Enertrag nicht zu sehen", so Unternehmer Jan Teut auf der jüngsten Stadtverordnetenversammlung in Angermünde. Für seine Anlagen bei Pinnow und Landin sowie für weitere Betreiber will er einen eigenen kleineren Radarschirm aufbauen lassen und dabei ein anderes System als Enertrag nutzen. Der 30 Meter hohe Mast soll neben der Pinnower Abfalldeponie entstehen und ein Gebiet im 15-Kilometer-Umkreis abdecken. Das würde fast bis Parstein reichen. Ein Bauantrag beim Landkreis sei in Vorbereitung.

Windkraftkritiker und Ortsvorsteher der Region sind skeptisch. Möglicherweise bleibt es auch hier bei Absichtserklärungen? Auf Nachfrage will sich die Firma nicht hundertprozentig festnageln lassen, ob die Nachtabschaltung der Befeuerungsanlagen auch definitiv kommt. "Wenn eine Freigabe durch die Luftfahrtbehörde und eine Baugenehmigung erteilt wird, dann wird das funktionieren", so Jan Teut. Bis Ende 2019 könnte der Plan aufgehen. Er ermuntert jeden Betreiber zum Mitmachen. Das von ihm gewählte technische Radarsystem hält er für besser.

In Dauerthal - Sitz der Firma Enertrag - winkt man ab. "Natürlich ist es Sache des Betreibers, für welches System er sich entscheidet", sagt Sprecher Robert Döring. "Ich glaube aber nicht, dass es billiger wird, wenn jeder seine eigene Lösung baut. Um ein langfristiges System zu installieren, müssen viele mitmachen." Nach Aussagen aus dem Unternehmen würden mindestens 85 Prozent der betroffenen Betreiber mitziehen, wenn die Kosten nicht zu hoch sind. "Das Besondere in der Uckermark ist, die vielen verschiedenen Anlagentypen unterschiedlichen Alters unter einen Hut zu bringen", so Robert Dörung. "Es gibt hier eben sehr viele Betreiber."

Zufrieden sind Windkraftgegner und Naturschützer bisher nicht. Sie verlangen einen besseren Schutz von Vögeln. Es müsse sichergestellt sein, "dass die Anlagen auch auf den Anflug von Tieren reagieren", so Angela Mans. Zwar laufen derzeit Forschungen, bestätigt Jens Christen, doch werde es noch eine Weile dauern, bis man sich auf technische Lösungen verlassen könne.

Für neu zu errichtende Anlagen ist mittlerweile im Land ein Gesetz im Gespräch, das sich am Modell Mecklenburg-Vorpommerns orientiert. Dort gehört die Abschaltung des nächtlichen Blinkens bereits zur Pflicht. Der uckermärkische Landtagsabgeordnete Uwe Schmidt (SPD) will die Initiative vorantreiben. Das betrifft bislang aber noch nicht die bestehenden Anlagen. Hier herrscht Freiwilligkeit beim Nachrüsten. Doch die Branche ist auf mehr Akzeptanz in der Bevölkerung angewiesen.

Kommentar

Von Einigkeit ist in der Windkraftbranche nichts zu merken. Jeder macht sein Feld und seinen Gewinn. Da könnten die Windmüller gerade jetzt, wo überall in der Uckermark wieder größere und neue Stromspargel entstehen, für mehr Akzeptanz bei Anwohnern sorgen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie machen sich Konkurrenz.Das Dauerblinken in der nächtlichen Landschaft gehört zu den störendsten Begleiterscheinungen der sowieso ungeliebten Windenergieerzeugung. Da müsste jeder Betreiber eigentlich sofort einwilligen, nicht nur neue Anlagen, sondern auch den vorhandenen Bestand abzudunkeln. Aber scheinbar interessiert das die Branche weniger als gedacht.Die Folge wird eine gesetzliche Regelung sein müssen, sonst denken die Strom-Müller gar nicht daran, sich untereinander einig zu werden. Was fehlt, ist eine Bundesinitiative, die neue und alte Anlagen gleichermaßen behandelt. Sonst blinkt es munter weiter.Oliver Schwers

Wenig Interesse bei Strommüllern

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG