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Eisenhüttenstadt als perfekte Kulisse

Mitten im Flächendenkmal: Hermann Lemke (r., Ronald Zehrfeld) hat seinen Sohn Theo (Leonard Schleicher) in dem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ gerade vor der Schule abgesetzt. Gedreht wurde der Streifen zum großen Teil in Eisenhüttenstadt.
Mitten im Flächendenkmal: Hermann Lemke (r., Ronald Zehrfeld) hat seinen Sohn Theo (Leonard Schleicher) in dem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ gerade vor der Schule abgesetzt. Gedreht wurde der Streifen zum großen Teil in Eisenhüttenstadt. © Foto: Studiocanal GmbH/Julia Terjung
Janet Neiser / 21.02.2018, 03:15 Uhr - Aktualisiert 21.02.2018, 14:20
Berlin (MOZ) „Das Interesse ist riesig“, freut sich Stefan Kretschmer, Theaterleiter des Filmpalastes in Eisenhüttenstadt. Schon wenige Minuten, nachdem er bekanntgegeben hatte, dass „Das schweigende Klassenzimmer“ ab 1. März gezeigt wird, gab es so viele Reaktionen wie sonst nie. Kein Wunder: Der Film, der am Dienstagabend bei der Berlinale seine Premiere erlebt hat, spielt in Stalinstadt, der auf dem Reißbrett geplanten sozialistischen Musterstadt, die seit 1961 Eisenhüttenstadt heißt. Aber nicht nur die Aufbauarchitektur der DDR ist auf der Leinwand zu sehen, sondern auch Gesichter aus der Region. Mehr als 300 Komparsen lassen die 1950er-Jahre aufleben. Eine Zeitreise.

März 2017: Bei Kälte, bei Regen, bei Sonnenschein laufen Kinder in Wollstrumpfhosen, Damen in schlichten Röcken und Herren in Mänteln und Hüten durch Eisenhüttenstadt. In den originalgetreuen Kostümen des Nachkriegsjahrzehnts stecken Lehrer, Schüler, Stahlwerker, Rathausmitarbeiter, Handwerker. Sie gehen zur Arbeit, fahren Fahrrad, stehen bei einem Fahnenappell still und sind „Immer bereit“. Ganze Straßenzüge sind tagelang für die Dreharbeiten gesperrt. Sogar zum ersten Hochofen, der 1951 angeblasen wurde und bis 2017 produzierte, zieht es das Filmteam. Das Roheisen, ohne das es Eisenhüttenstadt nie gegeben hätte, glüht auf der Leinwand weiter.  

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Das schweigende Klassenzimmer - das Filmteam im MOZ-Interview

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„Wir haben bis zu acht Stunden gedreht – für drei Minuten Film“, erinnert sich Ute Schandert. „Eine tolle Erfahrung.“ Für eine kleine Ewigkeit sind sie und die anderen Komparsen Filmsternchen, werden aufwendig frisiert und eingekleidet. Maria Dubro  schwärmt: „Diese Drehtage werde ich nie vergessen.“ Die 66-Jährige erzählt, dass sie neben Regisseur Lars Kraume im Auto saß. „Da habe ich mir ein Autogramm auf meiner alten Stalinstadt-Ansichtskarte geben lassen.“ Aber auch die Schauspieler sind alles andere als unnahbar. Florian Lukas, der den Direktor der Schule spielt, an der eine Abiturklasse 1956 spontan eine Schweigeminute für die Opfer des Ungarnaufstandes einlegt und damit den DDR-Staatsapparat gegen sich aufbringt, steht für Fan-Selfies parat. Und Ronald Zehrfeld, der einen Hochöfner und Vater mimt, nimmt sich Zeit für das ein oder andere Pläuschchen. Da ist dann auch zu erfahren, dass er in seiner Kindheit schon als Ringer in der Stadt war.

Regisseur Lars Kraume sucht derweil stets das perfekte Bild. Ob nun beim Dreh in den Babelsberger Studios, in Görlitz oder eben in Eisenhüttenstadt. Die Planstadt ist für ihn ein Glücksfall: „Der Film hat diese ganzen aufgeregten Jugendlichen, die durcheinanderspringen. Und wenn man da mit der Kamera dabei sein und ihre  Aufregung erleben will, dann muss man sich eben 360 Grad bewegen können“, sagt Kraume. Diese Bewegungsfreiheit hat er in der Stadt gefunden, die Sinnbild des aufstrebenden Sozialismus sein sollte. „Deshalb war das für diesen Film, für diese Geschichte ein genialer Drehort.“ Da stehen sie noch, die Häuser der Aufbauzeit, saniert zwar, aber originalgetreu. Etwas, das die Bewohner längst übersehen, rückt plötzlich in den Mittelpunkt. Und ja, es ist eine tolle Kulisse, findet auch Maria Dubro: „Klar ist man da ein bisschen stolz.“

Architektur, Kostüm, Story und Schauspieler machen die Zeitreise authentisch. Wichtig, denn „Das schweigende Klassenzimmer“ hat es wirklich gegeben. In Storkow, im Oktober 1956. Einer der damals 19 Schüler, Dietrich Garstka, hat die Geschichte über Mut, Solidarität und den Kalten Krieg aufgeschrieben. Die Abiturienten hielten zusammen. Bis auf drei flohen alle nach West-Berlin und legten später in Hessen ihr Reifezeugnis ab.

„Meine Aufgabe war es, in der Geschichtsschreibung, die Garstka mit seinem Buch im Detail betrieb, das Allgemeine zu finden. Es ist im Grunde so ähnlich, wie es sich in Wahrheit zugetragen hat, aber die Figuren, ihre Familien und der Drehort sind verändert“, erklärt der Regisseur. „Wir wollten unbedingt, dass der Film nicht das typische graue Bild der DDR zeichnet, deshalb haben wir den Ort der Handlung auch von Storkow nach Stalinstadt verlegt. Diese Planstadt war 1956 sehr modern, großzügig angelegt als Arbeiterstadt und bot den Bewohnern Annehmlichkeiten, von denen man im Westen nur träumen konnte.“

Brigitte Fricke hat die Schweigeminute in einer sozialistischen Schule, die zum Politikum wurde, nie vergessen. Ihr mittlerweile verstorbener Mann war Mathelehrer, unterrichtete die reale Storkower Abiturklasse. „Mein Mann hat das alles besser verkraftet als ich“, sagt die 84-Jährige aus Diensdorf-Radlow und betont, dass sie immer Verständnis für die Flucht-Entscheidung der jungen Leute hatte. „Ich hoffe bloß, dass die ganzen Ängste von damals im Film rüberkommen.“

Zeitzeuge Dietrich Garstka überzeugt das Ergebnis: „Die ganze Atmosphäre stimmt. Die Lebensfreude einerseits. Die Stimmung des Misstrauens andererseits. Intensiv.“ Intensiv ist das richtige Wort. Denn Lars Kraume fügt noch ein weiteres Kapitel hinzu: Auch dort geht es um Schweigen, und zwar über die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Verwicklungen der eigenen Eltern. „Die Unfähigkeit mit der eigenen Geschichte umzugehen“, wie der Regisseur es nennt, präge auch Familien, von denen der Film erzähle. Eine der wohl beklemmendsten Szenen hat genau damit zu tun. Da zerplatzen Mythen wie Seifenblasen. Nur der Knall ist lauter. Und zerstört wird mehr als ein Leben.

Das Kraume-Werk schafft etwas, das das Bildungssystem verschlafen hat: Eine Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Vergangenheit, und zu der gehören die Storkower Abiturklasse und Stalinstadt. Anna Lena Feldmann kann es kaum erwarten, den Film im Kino zu sehen – nicht nur weil die 21-Jährige als Komparsin dabei war: „Eisenhüttenstadt kennt doch sonst keiner“, sagt sie. „Dass hier gedreht wurde, ist eine Riesenchance, weil Filme so viele Menschen erreichen.“ Letztlich ist ihre Heimatstadt eben tatsächlich mehr als nur Eisen.    

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