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CDU will Kita-Broschüre des Senats über Geschlechter-Vielfalt verbieten lassen

Umstrittene Broschüre
Wenn Murat Prinzessin spielt

Hunderte Menschen demonstrieren mit einer Regenbogenfahne für Gleichberechtigung und Akzeptanz in der Gesellschaft - Symbolbild.
Hunderte Menschen demonstrieren mit einer Regenbogenfahne für Gleichberechtigung und Akzeptanz in der Gesellschaft - Symbolbild. © Foto: dpa
Maria Neuendorff / 22.02.2018, 06:45 Uhr - Aktualisiert 22.02.2018, 07:00
Berlin (MOZ) Eine Kita-Broschüre über sexuelle Vielfalt in Berlin sorgt derzeit für Aufruhr. Die CDU will das vom Senat finanzierte Werk aus dem Verkehr ziehen.

„Murat spielt Prinzessin, Alex hat zwei Mütter und Sophie heißt jetzt Ben“, lautet der Titel eines neuen Aufklärungsheftes des Berliner Senats, das derzeit die Gemüter erhitzt. Auf 140 Seiten widmet sich die Broschüre der Vielfalt sexueller Orientierungen im Kindesalter. „Ich bin schon immer ein Mädchen“, erzählt zum Beispiel ein neunjähriger Junge namens „Lisa“, der schon im Alter von vier Jahren hoffte, dass sein Penis von einer Fee weggezaubert werden würde. „Früher wollte ich den immer abschneiden,  aber  das  nutzt mir  nichts, davon  bekomme ich auch keine Scheide, sagt Mama. Die kann ich mit 18 Jahren haben“, wird „Lisa“ in dem Werk zitiert.

Für die Berliner CDU ein Unding. Sie will heute Abend im Abgeordnetenhaus die Vereilung der Broschüre stoppen lassen. „Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt gehören nicht in die Berliner Kindertagesstätten“, heißt es in dem Antrag der Fraktion. Kita-Kinder sollten nicht schon in jüngsten Jahren mit Fragestellungen zur sexuellen Identität konfrontiert werden.

„Es ist keine Broschüre für Kinder, sondern richtet sich an das pädagogisches Fachpersonal“,  hält Beate Stoffers dagegen. Sie ist Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, welche die Handreichung finanziert hat. Die 2000 Exemplare sind schon gedruckt und sollen demnächst in den  Berliner Kindertagesstätten verteilt werden. Der Inhalt beruht auf den Erfahrungen aus Fortbildungsseminaren für Erzieher und gebe Antworten auf Fragen, die häufig gestellt würden, betont Stoffers. „Kinder werden weder ‚sexualisiert’, noch mit Inhalten konfrontiert, die nicht altersgemäß sind.“

Berlin ist die Stadt, die gerne in den schönsten Regenbogenfarben leuchtet. Wenn die Schwulen-CSD-Parade durch die Straßen zieht, gibt es extra einen Kinderwagen, der Familien zum Mitfahren einlädt. Im Regenbogenfamilienzentrum treffen sich lesbische, schwule, bisexuelle und Transgender mit Kindern zum Kaffeetrinken und Klönen. Und im beschaulichen Mahlsdorf lebt Deutschlands erstes Schwulen-Paar, das nach dem Inkrafttreten der Ehe für alle ein Pflegekind adoptiert hat.

„Warum sollte also verschwiegen werden, dass ein Kind zwei Mamas oder zwei Papas hat?“, fragt auch Jörg Steinert, Chef des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg. Eine Pädagogik der Vielfalt, die Diskriminierung präventiv verhindert, begrüßt er. „Seit Jahren bitten uns immer mehr Grundschulen um Workshops zum Thema Vielfalt.“

„Man muss sich damit aber doch nicht schon im Kindergarten auseinandersetzen“, meint Olaf Wedekind, Sprecher der Berliner CDU-Fraktion. „Nur weil ein Junge mit Puppen spielt, muss er doch nicht gleich homosexuell werden.“ Am meisten regt ihn auf, dass  Pädagogen aufgefordert werden, mit den Eltern Gespräche über die sexuelle Orientierung ihrer Kita-Kinder zu führen. Eltern die sich wehren, werde in der Broschüre mit Verweis auf das Kindeswohl sogar mit dem Entzug des Sorgerechts gedroht. Das ginge zu weit, findet Wedekind.

Der CDU-Sprecher berichtet von E-Mails empörter Eltern, die über eine Online-Petition schon 25 000 Broschüren-Gegner geworben hätten. Dass der Antrag von der Koalition aus SPD, Grünen und Linken angenommen wird, gilt jedoch selbst in der CDU als unwahrscheinlich.

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