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Am Oberstufenzentrum in Eberswalde lernen 63 Flüchtlinge in sechs Berufsvorbereitungsklassen / Basissprache ist Deutsch

Ausbildung
Wo Lebenshilfe die Fachkunde ergänzt

Übungsstunde in der Praxis: Im Fach Holztechnik zeigt Ausbilder Gunnar Preußner (3. v. l.) Omar Mohammad aus Syrien sowie Basir Barazai und Ramaza Mohammadi (v. l.), beide aus Afghanistan, wie ein Vogelhäuschen gebaut wird.
Übungsstunde in der Praxis: Im Fach Holztechnik zeigt Ausbilder Gunnar Preußner (3. v. l.) Omar Mohammad aus Syrien sowie Basir Barazai und Ramaza Mohammadi (v. l.), beide aus Afghanistan, wie ein Vogelhäuschen gebaut wird. © Foto: MOZ/Sven Klamann
Sven Klamann / 23.02.2018, 06:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Aktuell werden am Oberstufenzentrum in Eberswalde 63 Flüchtlinge aus 14 Ländern darauf vorbereitet, in Deutschland eine Berufsausbildung zu absolvieren. In den sechs für diese Klassen reservierten Jugendlichen geht es nicht nur um Fachunterricht.Lebenshilfe ist angesagt.

"Ne, Jungs, das ist zu laut", ruft Kathleen Anemüller, die gerade Farbtechnik unterrichtet. Die Stühle im Klassenzimmer sind im Halbkreis aufgestellt. Das Machtwort ihrer Fachlehrerin bringt die 16- bis 18-Jährigen sofort dazu, ihre ohnehin im Flüsterton gehaltenen Zwiegespräche einzustellen. Jeder von ihnen hält ein Werkzeug in der Hand und nennt dessen Namen auf Deutsch, wenn er an der Reihe ist. Vor der nächsten Runde wird gewechselt. "Der Pinsel", sagt Mohamed Hussein aus Somalia. "Das Klebeband", heißt es von Daniel Tekle aus Eritrea. "Der Rührholz" fügt Adumale Abudrazek aus Äthiopien hinzu. Und wird von seinem Nebenmann Kader Ephraim aus Somalia umgehend korrigiert. "Es muss das Rührholz heißen", sagt er.

Wenig später widmen sich die Lehrerin und die ihr an den Lippen hängenden Berufsschüler dem Thema Kontraste. Es geht zunächst um Gegensätze wie hell und dunkel, groß und klein, weich und hart oder schnell und langsam - und dann darum, wie wichtig Kontraste in der Farbtechnik sind. Gefragt und geantwortet wird ausschließlich auf Deutsch. Alle geben sich Mühe.

In der kurzen Pause erklärt Daniel Tekle, dass er den Unterricht als Chance sieht, in Deutschland irgendwann wirklich ein neues Leben anfangen zu dürfen. Noch sei er hier nur geduldet. Der 18-Jährige hat keine Lust, von den Erlebnissen zu berichten, die ihn zur Flucht getrieben haben. "Es waren Tod und Not um mich herum", sagt er nur. Durch wie viele Länder der junge Mann bei seiner Odyssee geirrt ist, vermag er nicht mehr aufzuzählen. Willkommen habe er sich nirgendwo gefühlt. Inzwischen komme er im Alltag klar und gehe auch gern zur Schule. Anfangs aber sei ihm alles schwergefallen, was irgendwie geregelt wirkte.

Die Lehrerin verrät, dass ihre Kolleginnen und Kollegen keinerlei Probleme hätten, von den Flüchtlingen ernst genommen zu werden. "Selbst diejenigen, die es von zu Hause her nicht gewohnt waren, auf Frauen zu hören, haben sich rasch angepasst", berichtet Kathleen Anemüller. Dazu trage auch der Gruppendruck bei, den die Jugendlichen aufbauen würden. "Wer hier ist, will etwas erreichen und denkt nicht daran, sich von anderen seine Zukunft nehmen zu lassen", sagt die Lehrerin. Die sechs Klassen, vier fürs zweite Lehrjahr, eine fürs erste Lehrjahr und eine zur Vorbereitung, seien bewusst so zusammengesetzt, dass sich in ihnen Angehörige unterschiedlichster Nationalitäten begegnen. "Mit dem erwünschten Ergebnis, dass sogar in den Pausen meist Deutsch geredet wird", verrät Kathleen Anemüller, die des Öfteren mitbekommt, dass die Jugendlichen selbst kleinere Streitigkeiten in der ihnen fremden Sprache austragen.

Alle sechs Wochen bekommen die Flüchtlinge Einblicke in neue Berufsfelder. Sie werden an Holz-, Bau-, Farb- und Elektrotechnik, an die Grundlagen der Informatik und ans Gastgewerbe herangeführt. Beim letztgenannten Ausbildungszweig gebe es die meisten Berührungsängste. "Mancher junge Mann konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen, Gäste zu bedienen", sagt die Lehrerin, die betont, dass das Oberstufenzentrum beim Betreuen der Flüchtlinge von einer engen Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit profitiere, die jede Woche für eine Sprechstunde in die Einrichtung komme. Überhaupt sei ein riesiges Netzwerk entstanden, dessen ehrgeiziges Ziel es sei, für eine berufliche Integration der Zugezogenen zu sorgen. "Wir freuen uns über jeden Geschäftsführer einer Firma, der bereit ist, unseren Jungs die Chance zu einem Praktikum zu geben", betont die Lehrerin.

Kontakt zu den 1400 deutschen Berufsschülern, die am Oberstufenzentrum in Eberswalde unterrichtet werden, haben die Flüchtlinge kaum. "Wen stört das? Wenn wir wollen, treffen wir uns eben nach der Schule", sagt Basir Barazai aus Afghanistan - und lächelt dazu. Ihm gefalle es in Eberswalde.

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