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Unterwegs durch die Dämmerung an der Seite einer erfahrenen Waidfrau durchs Barnimer Revier Seefeld

Jagd
Auf Schwarzwildjagd mit Jennifer

Jägerin mit eigener Taktik: Wenn Jennifer Stolz Schwarzwild erspäht, pirscht sie sich bis auf 30 Meter an die Rotte heran. Erst dann fällt der Schuss.
Jägerin mit eigener Taktik: Wenn Jennifer Stolz Schwarzwild erspäht, pirscht sie sich bis auf 30 Meter an die Rotte heran. Erst dann fällt der Schuss. © Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Sara Friedrich / 03.03.2018, 06:45 Uhr
Seefeld (MOZ) Jagen ist längst keine reine Männerdomäne mehr. Der Deutsche Jagdverband zählt immer mehr weibliche Mitglieder. Jennifer Stolz ist eine von ihnen. Wir durften sie auf die Pirsch begleiten.

Die Februarnacht bricht an. Der Boden des Feldes ist gefroren. Wir achten darauf nicht zu stolpern. An einem Hochstand angelangt, klettern wir die wenigen Stufen hinauf. Auf der Plattform steht ein Klappstuhl. Ich nehme Platz und starre in die Blaue Stunde. Mein Versuch, die Kälte zu ignorieren, scheitert.

Jennifer Stolz jagt am liebsten allein und am allerliebsten Schwarzwild. Um ein Schwein zu erlegen, pirscht sie sich bis auf 30 Meter an die Sauen heran, sucht das geeignete Tier, zielt und schießt. Nicht mit einem modernen Gewehr, sondern mit einem vier Kilo schweren Repetierer. Der liegt besser im Anschlag, sagt sie. Ein stolzer Zwölfender ist in den Holzschaft eingraviert.

Die 32-Jährige braucht den Ausgleich zum Beruf. Ihre Arbeit in der Logistikbranche bedeutet stundenlanges Sitzen. Deshalb steht sie, wenn sie auf dem großzügig geschnittenen Hochstand auf die Nacht wartet und schaut auf die Schweine. Jennifer trägt eine derbe Lederhose mit Latz. Darüber eine weite Jacke mit großen Taschen. Alles in grün, versteht sich.

Auch heute Nacht steht die Waidfrau wie eine Eiche. Mit geöffneter Jacke bei minus drei Grad Celsius geht Ihr Blick erwartungsvoll in das große Schilf neben uns. "Schweinepuff" nennen das die Jäger. Weil sich hier so viele Tiere zusammenrotten. Noch ist alles ruhig. Weiter hinten steht ein Sprung Rehe. Die interessieren uns heute nicht. Wir suchen nur Schwarzwild.

Jennifer hat überhaupt keine Angst. Im Gegenteil. Sie wirkt sehr aufgeräumt. Auf dem Weg zum Revier holen wir ihren Pflegehund Basko ab, ein edler Deutsch-Kurzhaar. Er hört auf ihr strenges Wort und erfreut sich sichtlich an der Zusammenarbeit. Sie holt eine tote, blutverklebte Ente aus einem Sack und gibt Basko das Kommando, die Ente zu apportieren. Der Hund scheut sich ein wenig, weil die Ente nicht ganz frisch ist. Gehorchen muss er dennoch. Jennifer braucht ihn regelmäßig für die Nachsuche. Wenn Sie ein Schwein angeschossen hat und es nicht gleich liegt. Und für die Drückjagd. "Jagd ohne Hund ist Schund", sagen die Jäger.

Es wird dunkler. Jennifer reicht mir ermunternd das Fernglas. Ich suche verzweifelt auf dem Feld auf und ab. Nichts. Jennifer erzählt im Flüsterton, dass die Prüfung für den Jagdschein nicht ohne war. "Grünes Abitur" nennen das die Jäger. Zum Wissen kommt das umfangreiche Equipment hinzu. Der Markt ist, wie bei jedem Hobby, riesig. Heute werden digitale Hilfsmittel eingesetzt, GPS-Sender, Sauenschutzwesten aus Teflon und Schalldämpfer. Aber nicht bei Jennifer. Sie ist traditionsbewusst und bleibt beim Repetierer. Sie liebt die Jagd im Morgengrauen. Manchmal gesellt sich eine Eule zu ihr in die Einsamkeit an den Hochsitz. Ihre erlegten Tiere verarbeitet sie gern zu einem Braten in Senfsahne oder Wildbouletten.

Die Jägerin, die einen Begehungsschein für das Jagdrevier Seefeld besitzt, spürt, wie sich die Rotten der Wildschweine vergrößern. Aus Angst vor dem Wolf, der durch den Barnim zieht. Sie ist sich sicher, dass er auch in Menschennähe kommt. Nicht nur im Oderbruch. Der Wolf kennt keine Feinde. Am 30. Januar wurde auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz erstmals ein Jagdhund von ihm gerissen. Wo er sich gerade aufhält, ist ungewiss. Zu groß sind seine Reviere.

Da. Oberhalb des Schilfs tut sich etwas - eine große Bache und vier Frischlinge. Jennifer zählt fünf. Ich spüre, dass sie näher ran will. Wir steigen die Stufen wieder hinab. Man kann kaum sehen. Aus Furcht fasse ich der Waidfrau intuitiv an die Schulter. Die wilden Schweine rennen dicht vor uns hin und her. Wir hören sie grunzen. Ist das echt, oder sind wir Teil eines Computerspiels? Die Sinne sind geschärft, und der Adrenalinspiegel steigt. Ich frage mich, wo die Bache ist. Wo ist sie, verdammt? Jennifer legt an. Und wieder ab. Sie kann das schwächste Tier nicht ausmachen. "Jung vor alt, krank vor gesund, schwach vor stark", werten die Jäger. Ich bin erleichtert, dass mir das Töten in dieser Nacht erspart bleibt. Wir ziehen uns zurück zum Auto.

Dass Jennifer eine Frau ist, stört heute kaum einen Waidmann mehr. Ganz am Anfang hieß es noch von einem Jäger "Schwanzloses Gesindel hat bei der Jagd nichts zu suchen." Sie durfte zwar teilnehmen, wurde aber nicht wahrgenommen. Als sie dann eines Tages den Weg zu den Schweinen lotsen konnte, akzeptierten sie die Waidmänner plötzlich.

Einen eigenen Verein für Jägerinnen braucht sie nicht. Ihr geht es um das Miteinander aller Waidmännern und -frauen. Nicht das Geschlecht sei entscheidend, sondern die Einstellung zur Jagd. "Schweinejäger sind ein Schlag für sich", sagt Jennifer. Trophäen braucht sie nicht. Was sie für sich persönlich sucht, ist das Naturerlebnis.

Wissenswertes zum Thema


■ Anfang der 1990er-Jahre lag der Frauenanteil in der Jägerschaft bei etwa einem Prozent, 2016 bei sieben Prozent. In den Jungjägerkursen hat der Deutsche Jagdverband (DJV) bei einer Umfrage 2017 bereits 24 Prozent Frauen registriert, Tendenz steigend.
■ Der DJV hat den Jägernachwuchs zur Motivation für den Jagdschein befragt. Den Ergebnissen zufolge geht es den Jungjägern besonders um Naturverbundenheit. Für Männer und Frauen ist dies mit einem Gesamtanteil von 77 Prozent der meist genannte Grund, das "Grüne Abitur" zu machen. Mehr als die Hälfte der Befragten will Jäger werden, um einen Beitrag zum angewandten Naturschutz zu leisten (54 Prozent). Danach kommt die Freude an der praktischen Jagdausübung (50 Prozent). Auch der Genuss von Wildfleisch ist mit 47 Prozent unter den Top-4-Gründen, die Prüfung abzulegen. Nur sechs Prozent der Befragten geben als Motiv ein Interesse an Waffen an.
■ Für Jägerinnen steht der Fleischerwerb sogar an dritter Stelle. Und doppelt so viele Frauen (36 Prozent) wie Männer gaben an, dass die Jagdhundeausbildung eine wichtige Motivation ist, den Jagdschein zu machen. DJV

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