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Der 14-jährige chronisch kranke Lucas Raase aus Gramzow kämpft gegen Morbus Crohn und den deutschen Datenschutz

Uckermark
Roboter-Auge für kranken Jungen

Dürfen sie den Avatar bestellen oder nicht? Kaum eine andere Frage beschäftigt Lucas Raase aus Gramzow und seine Eltern Stefanie und Steffen so sehr in diesen Tagen. Eine Online-Verbindung soll ihm das Abitur ermöglichen, wenn er wieder einen Krankheitsschub hat.
Dürfen sie den Avatar bestellen oder nicht? Kaum eine andere Frage beschäftigt Lucas Raase aus Gramzow und seine Eltern Stefanie und Steffen so sehr in diesen Tagen. Eine Online-Verbindung soll ihm das Abitur ermöglichen, wenn er wieder einen Krankheitsschub hat. © Foto: MOZ/Oliver Schwers
Oliver Schwers / 09.03.2018, 06:00 Uhr - Aktualisiert 13.03.2018, 15:30
Gramzow (MOZ) Ein Roboter im Unterricht – das wäre die einzige Lösung für einen chronisch kranken Jungen aus Gramzow, um die Schule zu besuchen. Ein solches Gerät ist in Skandinavien längst im Einsatz. Doch in Deutschland kämpft Lucas Raase nicht nur gegen die Krankheit, sondern auch gegen den Datenschutz.

Heftige Durchfälle, akute Kopf- und Gelenkschmerzen, häufiger Schnupfen und massive Konzentrationsschwächen – all das kennt Lucas Raase aus Gramzow seit frühester Kindheit. Jetzt hat er endlich den klärenden Befund in Händen: Morbus Crohn. Dabei handelt es sich um eine chronisch entzündliche Darmerkrankung. Sie tritt häufig schon im Jugendalter auf, ist relativ selten. Ihre Ursache steckt noch im Dunkel. Für Kinder ein Horror: Lucas sitzt manchmal nächtelang auf der Toilette. In diesem Jahr war er noch keinen Tag in seiner neunten Klasse im Scherpf-Gymnasium in Prenzlau.  „Die Lücke wird immer größer, er ist stark versetzungsgefährdet“, sagt Mutter Stefanie Raase. Doch Lucas will nicht aus der Klasse heraus, fühlt sich dort wohl.

Das Gymnasium hilft, wo es kann. Einige Lehrer machen einige Stunden pro Woche Förderunterricht für den kranken Schüler. Doch es reicht nur für die wichtigsten Fächer. Ein separater Lehrer, der nach Hause kommt, kann nirgends gestellt werden. Sozialpädagogischer Förderbedarf ist bereits genehmigt. Keiner will den Jungen hängen lassen. Doch die Krankheit kommt in Schüben, wird mit Medikamenten eingedämmt. Tritt sie auf, ist es für Lucas unmöglich, zum Unterricht zu gehen. „Wir stecken in einem Niemandsland“, sagt Stefanie Raase. „Es gibt eine Riesenlücke bei chronisch kranken Schulkindern.“ Sie hat Kontakt zu anderen Eltern in der Uckermark gefunden, denen es ähnlich geht.

Universitäten und Kliniken in Deutschland kennen das Problem. Über einen Kontakt der Kinderkrebshilfe Frankfurt am Main und der Uni-Klinik Eppendorf entdeckte Vater Steffen Raase die Lösung für seinen Sohn: einen Unterrichtsroboter. Das Ding gibt es bereits in Skandinavien. Der elektronische Stellvertreter steht auf der Schulbank und verfolgt mit Kamera-Auge und Mikrofon den Unterricht. Sein Kopf lässt sich drehen, sodass Lucas daheim über die Live-Schaltung auf seinem Tablet alles verfolgen kann, was im Klassenraum geschieht. Meldet er sich, leuchtet der Avator in Regenbogenfarben auf. Über einen Lautsprecher hören die Mitschüler, was Lucas sagt.

Familie Raase ist begeistert. Das norwegische Unternehmen mit dem bezeichnenden Namen No Isolation hat sofort einen Vertreter in die Uckermark geschickt, um AV 1 den Lehrern des Scherpf-Gymnasiums vorzustellen. Der Mini-Roboter kommt an. Auch beim Landkreis. Der müsste die monatlichen Kosten für die Datenleitung bezahlen, 300 Euro im Monat im ersten Jahr, danach nur noch 120 Euro. No Isolation ist eigentlich gegründet worden, um Einsamkeit bei Kindern zu verhindern, die an Krebs oder anderen Krankheiten leiden. Weil es in Skandinavien im Winter ohnehin Online-Unterricht in entfernten Gegenden gibt, könnten ähnliche Systeme auch den Schulbesuch übernehmen.

Doch es gibt ein Riesenproblem, mit dem niemand gerechnet hat: der deutsche Datenschutz. Wenn nicht alle Eltern aus der Klasse von Lucas ein schriftliches Einverständnis geben, bleibt der Roboter draußen. Video- und Tonaufnahmen bleiben tabu. Inzwischen sind alle Beteiligten darüber informiert worden. Familie Raase wartet mit Bangen auf eine Antwort aus der Klasse. „Wir können ja den Eltern nicht mal böse sein, wenn sie gegen die Live-Schaltung sind“, sagt Stefanie Raase. „Deswegen müsste an dieser Stelle der Datenschutz aufgeweicht werden. Wenn wir über eine Vereinbarung absichern, dass keine Aufzeichnungen in Bild und Ton stattfinden, dann sollte doch der bürokratische Aufwand erleichtert werden. Warum geht das denn in anderen Ländern?“

Das Schicksal von Lucas sorgt mittlerweile für großes Interesse. Kreisverwaltung, Schule, betroffene Eltern aus der Umgebung, sogar aus anderen Ländern sind auf die Online-Unterrichtsform aufmerksam geworden. „Es gibt einen großen Bedarf“, sagt Steffen Raase. „Wir setzen uns dafür ein, dass so etwas nicht nur für Lucas möglich wird, sondern dass es Standard wird für alle Schulkinder nach einer solchen Diagnose. Lucas drückt sich selbst die Daumen. Wenn er seinen Stellvertreter nicht bekommt, ist das Abitur in Gefahr.

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