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Unterricht
Syrer sprechen mit Schülern über ihr Leben

Politische Weltkunde lebendig gemacht: Der Leistungskurs hatte keine Mühe, die beiden Syrer Ziad Alkhahaf und Alan Suliman zu interviewen. Lehrer Rüdiger Becker stellte die beiden Gäste zu Beginn des ungewöhnlichen Unterrichts vor. Die Hohen Neuendorfer Gymnasiasten erfuhren viel über die persönliche Geschichte der Syrer.
Politische Weltkunde lebendig gemacht: Der Leistungskurs hatte keine Mühe, die beiden Syrer Ziad Alkhahaf und Alan Suliman zu interviewen. Lehrer Rüdiger Becker stellte die beiden Gäste zu Beginn des ungewöhnlichen Unterrichts vor. Die Hohen Neuendorfer Gymnasiasten erfuhren viel über die persönliche Geschichte der Syrer. © Foto: MOZ/Heike Weißapfel
Heike Weißapfel / 09.03.2018, 18:31 Uhr - Aktualisiert 11.03.2018, 17:26
Hohen Neuendorf (MOZ) Der Syrien-Konflikt ist einer ihrer Prüfungsschwerpunkte. Über die Situation dort haben die Zwölft­klässler am Marie-Curie-Gymnasium vieles gelernt. Im persönlichen Gespräch mit zwei Geflüchteten ließen sich Eindrücke vertiefen und greifbarer machen.

Ziad Alkhahaf entschuldigt sich zuerst bei den Jugendlichen für sein Deutsch. Dabei spreche er die Sprache durchaus gut, wird ihm sofort versichert. Der 31-jährige Syrer Ziad Alkhahaf hat früher selbst vor Schulklassen gestanden, denn er war Englischlehrer von Beruf. Er erzählt leise, aber nach kurzer Zeit immer sicherer von sich.

An den beiden Tischen, die Politik-Fachlehrer Rüdiger Becker mit Namensschildchen und Getränken vorbereitet hat, dauert es kaum eine Minute, bis eine angeregte Unterhaltung in Gang kommt. Die Jugendlichen des Politik-Leistungskurses haben viele Fragen an die beiden Männer, die sich scheinbar mühelos ausdrücken können. Einige haben sie vorbereitet, andere ergeben sich ganz von selbst. Alle reden sich mit dem Vornamen an.

Er fühle sich gut aufgenommen, sagt Ziad, der seit zwei Jahren in Deutschland ist. Religion spiele für ihn keine große Rolle, er halte in Deutschland auch kein Ramadan. „Auch ohne Religion kann man ein guter Mensch sein“, meint er. Ziad stammt aus einer Stadt im Nordosten von Syrien. Dort hat sich die Situation für seine Familie – Ziad ist einer von acht Geschwistern – nach der Zeit seines Weggangs noch verschärft. „Meine Stadt ist halb zerstört“, sagt er. Die Schulen seien seit einigen Jahren schon geschlossen. Viele Syrer, auch Kinder, arbeiteten im Libanon oder in der Türkei. Auch er selber habe früher in den Nachbarländern gearbeitet. Lehrer sei eine schlecht bezahlte Arbeit in seinem Heimatland.

Über die Türkei, Mazedonien, Griechenland hat Ziad die Flucht vor dem Krieg zu Fuß, mit dem Boot und mit dem Zug in einem Monat geschafft. Über „Whatsapp“ hält er Kontakt zu seiner Familie, die allerdings jedes Mal etwa 150 Kilometer weit fahren muss, um Internet-Anschluss zu haben. Mit seinem 18-jährigen Bruder, der ihm inzwischen gefolgt ist, wohnt er in einer Wohnung in Hohen Neuendorf. Geld schicken kann er nicht, er verdient noch nicht. Als Lehrer kann er nicht arbeiten, dazu fehle ihm ein zweites Fach. Aber demnächst habe er eine Prüfung, und dann könne er vielleicht als Helfer für andere Geflüchtete arbeiten. Deutschland sei auch sein Ziel gewesen, sagt Ziad auf eine weitere Nachfrage. „Ich hatte gehört, dass die Leute dort nett sein sollen. Und so ist es auch“, sagt er und lächelt freundlich in die Runde. Einige deutsche Freunde habe er gefunden. Und auch Alan Suliman, der am Nebentisch mit anderen Jugendlichen über Religion und Weltpolitik diskutiert, hat der Araber hier getroffen, und sie haben sich angefreundet.

Alan stammt aus derselben Gegend wie Ziad. Er ist 23 Jahre alt und Kurde. Er wohnt in der Gemeinschaftsunterkunft in Birkenwerder. Alan strahlt viel Optimismus aus. Sein Deutsch ist ausgezeichnet, gerade hat er seine C 1-Prüfung geschafft. Er habe sich schon um eine Ausbildung als Kinderkrankenpfleger in Oranienburg und in Berlin an der Charité und anderen Kliniken beworben, erzählt er. Während Ziad eher pessimistisch ist, dass sein Heimatland bald zur Ruhe kommt, ist Alan davon überzeugt. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt er. „Aus der Geschichte lernen wir, dass sich immer etwas ändert. Der Krieg wird auf jeden Fall zu Ende gehen.“

Der Kontakt zu den syrischen Geflüchteten sei über den Vater eines Schülers zustande gekommen, sagt Becker, der vor einigen Jahren schon einmal solchen lebensnahen Unterricht angeboten hat. „Ich halte es für sehr wichtig, ein Kennenlernen zu fördern und Dinge nicht ausschließlich aus den Medien wahrzunehmen“, sagt er. An diesem Nachmittag hat es funktioniert. Laura, Maja, Sophie, Nils und die anderen Jugendlichen sind beeindruckt. Der Eindruck, den sie bereits durch den Unterricht gewonnen hätten, habe sich noch verstärkt, sagt Nils. „Es wird noch realer, wenn jemand live erzählt“, ergänzt Laura. Auch Ziad und Alan hat der Nachmittag gefallen. „Wir möchten gerne, dass die Menschen viel erfahren“, sagt Alan. „Deshalb kommen wir gerne wieder.“

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