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Ruhestand
Zeit für die nächste Generation

Bald Zeit, die Hände in den Schoß zu legen: Willi Göbke geht zum Mai dieses Jahres in den Ruhestand.
Bald Zeit, die Hände in den Schoß zu legen: Willi Göbke geht zum Mai dieses Jahres in den Ruhestand. © Foto: Siegmar Trenkler
Siegmar Trenkler / 11.03.2018, 08:30 Uhr
Neuruppin (MOZ) Seit Willi Göbke vor 24 Jahren in die Neuruppiner Kämmerei wechselte, hat sich viel verändert. Seinerzeit befand sich der Haushalt in Schieflage. Durch rigoroses Sparen steht die Kommune nun so gut da wie noch nie. Da kommt der Ruhestand im Mai genau zur rechten Zeit. Statt am Haushalt möchte Göbke fortan lieber an Autos schrauben.

Am 27. April wird Göbke seinen Ausstand mit einer Veranstaltung im Ratssaal feiern. Von 10 bis 13 Uhr wird er dort Gäste empfangen und sich von seinen bisherigen Kollegen verabschieden. Dass er überhaupt einmal in einer Verwaltung landen würde, hatte sich der 66-Jährige aber nie vorgestellt.

Göbke wurde im Oktober 1952 in der 3 000-Seelen-Gemeinde Groß Börnecke im ehemaligen Kreis Stassfurt geboren. Sein Vater war Bauingenieur, hatte wegen der Arbeit aber nicht viel Zeit. Eine wichtige Bezugsperson war daher für ihn sein Großvater, der direkt nebenan im Zweifamilienhaus wohnte. „Er hatte zwei eigene Mädchen und kümmerte sich gern auch um mich“, erinnert sich Göbke. Der Opa las ihm vor, spielte mit ihm und verbrachte so viel Zeit mit seinem Enkel. Er war es auch, der ihm frühzeitig beibrachte, dass man sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen sollte. Da war zum Beispiel ein schwerwiegender Unfall, den Willi Göbke im Alter von zehn Jahren hatte. „Ich habe in einer Linkskurve nicht aufgepasst und bin einfach über die Straße gefahren.“ Ein Motorradfahrer konnte nicht mehr ausweichen und stieß mit dem Kind zusammen. Daraufhin musste der Zehnjährige für sechs Wochen ins Krankenhaus. „Als ich wieder rauskam, stand da mein Fahrrad, das mein Opa wieder komplett repariert hatte. Also bin ich wieder aufgestiegen und weitergefahren, abernatürlich vorsichtiger.“

Nachdem Göbke an der Erweiterten Oberschule in Stassfurt sein Abitur abgelegt hatte, schloss sich ein Mathematik- und Physikstudium an, das er 1976 erfolgreich beendete. Danach wurde er, wie in der DDR üblich, einem Betrieb zugewiesen. Für drei bis vier Monate arbeitete er dann als Ingenieur für Rationalisierung. „Die wussten aber gar nicht genau, was sie mit mir machen sollten“, sagt Göbke. Da er gegenüber den Narva-Werken wohnte, bewarb er sich im dortigen Entwicklungslabor und bekam die Stelle. „Die Arbeit war gut, das Problem war aber eine Wohnung zu bekommen“, berichtet er. Er sah sich im Umkreis von Berlin um und wechselte zu den Elektrophysikalischen Werken (EPW) nach Neuruppin, wo er ab 1984 Abteilungsleiter war. „Das ging bis zur Wende. Danach war dann schnell Schluss mit dem EPW.“ Göbke fing in der Nachwendezeit eine Umschulung zum Steuerfachangestellten an. Über Hörensagen bekam er mit, dass im Rechnungs- und Gemeindeprüfungsamt des Kreises jemand gesucht wurde. Der damalige Landrat Ernst Bahr (SPD) fragte an, ob Göbke nicht die Stelle des Amtsleiters übernehmen wolle.„Also habe ich wieder neu angefangen, und das hat dann auch immer mehr Spaß gemacht.“ Er sagte zu und blieb dort bis Mai 1994.

Bei der Arbeit im kreislichen Prüfungsamt hatte Göbke zuvor mehrfach festgestellt, dass es im Neuruppiner Haushalt Unstimmigkeiten gab. „Da fehlten zum Beispiel die Jahresabschlüsse“, erinnert sich Göbke. Als dann ein neuer Neuruppiner Kämmerer gesucht wurde, bewarb sich Göbke und wurde vom damaligen PDS-Bürgermeister Otto Theel ins Haus geholt. Für den frisch gebackenen Kämmerer bedeutete die neue Aufgabe eine Menge Arbeit. „Im ersten Jahr konnten wir gar keinen Urlaub nehmen, weil es so viel zu tun gab.“ Zum einen mussten die Abschlüsse nachgeholt werden. Zum anderen galt es, das große Defizit zu verringern. Mit 21,2 Millionen DM stand die Stadt am höchsten Schuldenpunkt in der Kreide. Gemeinsam mit dem Haushaltsausschuss wurde geschaut, wie sich das alles ändern lässt. Harte Verteilungskämpfe mit der Politik waren die Folge, an deren Ende die Entwicklung umgekehrt werden konnte.

Seit einigen Jahren gibt es ausgeglichene Haushalte, Kassenkredite, eine Art Dispokredit für Kommunen, werden schon lange nicht mehr benötigt, um liquide zu sein, und die letzten Kredite, die für Investitionen aufgenommen wurden, werden in absehbarer Zeit getilgt sein. 1,1 Millionen Euro nimmt die Stadt dafür jährlich in die Hand. Zum Jahresende 2018 werden die Verbindlichkeiten 15,2 Millionen Euro betragen. „Ich freue mich, dass das gut geendet hat“, gibt Göbke zu. „Wir haben auch immer ein gutes Verhältnis zu den Stadtverordneten gehabt.“ In den kommenden Jahren müsse nun darauf geschaut werden, dass die aktuelle Entwicklung so bleibt und es genügend Rücklagen gibt, um eventuelle Engpässe abfangen zu können.

Eine Herausforderung der Zukunft bestehe darin, die Brücken in der Stadt zu erneuern und die Straßen zu unterhalten. Doch Göbke ist zuversichtlich, dass sein Nachfolger Thomas Dumalsky diese Probleme meistern wird. Schließlich ist er in Neuruppin ausgebildet worden, arbeitet schon lange in der Kämmerei und findet geordnete Verhältnisse vor.

Für den Ruheständler hingegen wird es dann neue Herausforderungen geben. „Wir haben viel am Haus zu machen. Da ist eine ganz Menge liegen geblieben.“ Da er nun aber Zeit habe,werden auch keine Handwerker mehr im Haus nötig sein. „Von meinem Vater habe ich gelernt, wie man mauert, Wände verputzt und andere Arbeiten erledigt. Ich mache so etwas auch sehr gern.“ Ohnehin möchte sich Göbke in seiner Freizeit viel körperlich betätigen. Da er bekennender Autonarr ist, möchte er sich einen Wagen zulegen, an dem er selbst herumschrauben kann. Da wird sich dann auch bezahlt machen, dass sich Göbke schon seit 2009 sehr bewusst gesund ernährt. Dutzende Bücher zu Krankheiten, Krebs und Stoffwechselvorgängen hat er seitdem verschlungen. „Das war wie ein kleines Studium nebenbei. Aktuell bin ich bei ketogener Ernährung, bei der auf Kohlehydrate verzichtet wird.“ Auslöser dafür war seinerzeit ein Gewicht von 106 Kilogramm, das ihn etwa beim Treppensteigen schnell aus der Puste geraten ließ.

Das Fernweh, das Neu-Rentnern oft angedichtet wird, hält sich dafür in Grenzen. „Wenn wir wegfahren, machen wir überwiegend Schiffsreisen, auf denen wir den Bruder meiner Frau begleiten. Ansonsten bin ich am liebsten an der Ostsee.“ Vor allem wird es regelmäßige Besuche bei seiner Tochter in Leipzig und bei seinem Sohn und den bald drei Enkeln in Nordhessen geben. Schließlich möchte er für die nächste Generation auch der Opa sein, zu dem er selbst als kleiner Junge aufgeblickt hat.

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