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Privatdozent Werner Kratz warnt vor massenhaftem Insektensterben in der Chemielandschaft Deutschland

Insektensterben
„Ist der Mohn weg, sind auch die Bienen weg“

Blühende Feldränder: Sie bilden die Nahrungsgrundlage für viele Insekten.
Blühende Feldränder: Sie bilden die Nahrungsgrundlage für viele Insekten. © Foto: dpa/Stefan Sauer
Daniela Windolff / 12.03.2018, 06:30 Uhr
Angermünde (MOZ) Die Chemielandschaft Deutschland ist der Tod für Insekten. Gibt es keine Bienen, Hummeln oder Schmetterlinge mehr, sterben auch andere Arten wie Vögel oder Amphibien. Diese These vertritt Werner Kratz, Privatdozent an der Freien Universität Berlin, der seit 40 Jahren zum Thema Biodiversität und Insektenvorkommen forscht. Mit seiner Mahnung vor einem massenhaften Insektensterben steht er nicht allein, es ist inzwischen in weiten Teilen der Gesellschaft als ernstes Problem erkannt worden. Der Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide lud den Experten zu seiner Jahresmitgliederversammlung ein. Dort beleuchtete er das Thema Insektensterben aus Sicht der Ökotoxikologie und Umweltchemie.

Der Landschaftspflegeverband ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Landwirten, Naturschützern und Vertretern von Kommunen, um bei der Landschaftsgestaltung und Landnutzung die unterschiedlichen Interessen auf Augenhöhe zu diskutieren und Konsens zu finden. Wie sehr das auch das Problem des Insektensterbens betrifft, wurde in dem Vortrag und dem Gedankenaustausch schnell deutlich. Dass durch massenhaften Einsatz von Pestiziden viele Organismen bedroht sind, stelle heute niemand mehr in Frage, so Werner Kratz. Laut Studien sind 75 Prozent der Biomasse in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten zurückgegangen, und das betrifft nur Naturschutzflächen, die dafür untersucht wurden.  Die Auswirkungen könne jeder selbst beobachten, wenn man zum Beispiel vergleicht, wie deutlich weniger Insekten heutzutage an der Windschutzscheibe des Autos klebten. „Der Zustand der Biodiversität in Deutschland ist alarmierend“, sagt Werner Kratz. 35 Prozent der Rote-Listen-Arten seien extrem vom Aussterben bedroht. Bei Wildbienen ist jede zweite Art akut gefährdet.

Die Ursachen für das Artensterben seien vielfältig: Industrielle Bodenbearbeitung und  Monokulturen in der Landwirtschaft, vor allem „Vermaisung“, wie Kratz es nennt, dichte Bestände, kurze Fruchtfolge, Pestizide und chemisch-synthetische Dünger, aber auch der Rückgang von Brachflächen. Besonders wertvolle Lebensräume für Insekten und Kleinlebewesen seien Hecken und Wildkräuter am Feld-rand, die sogenannte Ackerbegleitflora, die jedoch immer mehr verschwindet. Beispielsweise seien drei Wildbienenarten vom Klatschmohn abhängig. „Ist der Mohn weg, sind auch die Bienen weg“, sagt Werner Kratz.

Allerdings warnt er davor, einzig auf die Landwirte einzuschlagen. Rund 1000 Pestizide seien in Deutschland zugelassen, ihre Verwendung auf konventionellen Flächen deshalb legitim. Der Einsatz müsse jedoch deutlich verringert werden. Ein Problem sei, dass die Kontrolle der sachgemäßen Verwendung und die Schulung der Landwirte bisher unzureichend ist.  Auch in Kommunen, in Kleingärten, im Haushalt werden Unmengen an Umweltgiften verwendet. Initiativen wie in der Stadt Angermünde mit insektenfreundlichen Blumenwiesen sowie dem Verzicht auf Glyphosat auf kommunalen Flächen seien ein richtiger Schritt.  „Wir müssen alle mit ins Boot holen, Landwirte, Industrie, Kommunen, Politik und Verbraucher“, so Kratz.

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