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Immer mehr Frauen setzen auf die Fortpflanzungsmedizin - Union und SPD wollen Bundeszuschuss vereinheitlichen

Familienplanung
Warten auf das Wunschkind

Michael Gabel / 13.03.2018, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Viele Frauen können nicht auf natürlichem Weg schwanger werden und setzen auf die Hilfe der Fortpflanzungsmedizin. Doch die Fördermöglichkeiten sind regional sehr unterschiedlich. Union und SPD wollen das ändern.

Anja Graef ist 40 Jahre alt, als sie es zum ersten Mal probiert. In einer Kinderwunschklinik will sie mit Hilfe einer künstlichen Befruchtung schwanger werden. „Am Anfang ist man noch sehr naiv“, sagt sie über ihren damaligen Besuch. „Man geht da rein und denkt, bald hält man ein Kind im Arm.“ Zwölf Versuche unternimmt die Kauffrau in den darauffolgenden fünf Jahren. Doch die Ärzte können ihr und ihrem Mann nicht helfen. Sie bleiben ohne eigene Kinder.

Über die Zahl der ungewollt kinderlosen Paare in Deutschland gibt es nur Schätzungen – 1,5 bis zwei Millionen sollen es sein. Davon unterziehen sich 60 000 pro Jahr aufwendigen Prozeduren, um sich den Traum vom eigenen Nachwuchs zu erfüllen. Bei vielen ist die Behandlung erfolgreich: Inzwischen kommt es durch künstliche Befruchtung zu jährlich mehr als 20 000 Geburten.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen mindestens die Hälfte der Kosten. Der Staat allerdings hält sich mit Zuschüssen bisher zurück. Doch künftig will der Bund sicherstellen, dass mehr Paare staatliche Zuschüsse erhalten, und zwar im Gegensatz zur Praxis der vergangenen Jahre „unabhängig davon, ob sich das jeweilige Bundesland an dem Programm beteiligt“. Dazu wurde im Koalitionsvertrag auf Drängen der SPD festgelegt, dass das bereits bestehende Programm „Hilfe und Unterstützung bei ungewollter Kinderlosigkeit“ noch in diesem Jahr deutlich ausgebaut wird. Wie viel das den Bund in Zukunft kosten wird, steht noch nicht fest. Bisher bezahlt das Bundesfamilienministerium rund sieben Millionen Euro im Jahr, die allerdings auch beispielsweise der Beratung zugutekommen.

Die Bundesregierung sieht sich deshalb am Zug, weil es in Deutschland beim unerfüllten Kinderwunsch einen Flickenteppich an staatlicher Förderung gibt. Sechs Länder beteiligen sich bisher am Bundesprogramm und geben die verlangten eigenen Mittel. Brandenburg hat jedoch lange eine Beteiligung grundsätzlich abgelehnt – weil das Förderprogramm „ohne Abstimmung mit den Ländern geschaffen“ worden sei, wie eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums dieser Zeitung sagte. Doch die Vorbehalte scheinen zu schwinden. Denn die Landesregierung prüft laut der Sprecherin nun doch, ob es ergänzend zum Bundes- bald ein eigenes Programm geben soll.

Gaby Ziegler vom Verein Wunschkind fordert, dass es so schnell wie möglich zu einer bundesweit einheitlichen Förderung der Paare kommt. „Es können doch nicht Betroffene nur deshalb benachteiligt werden, weil sie im falschen Bundesland leben“, sagte sie dieser Zeitung. Auch die familienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Katja Dörner, drückt aufs Tempo. Wie der Verein Wunschkind setzt sie sich dafür ein, dass flächendeckend „auch unverheirateten Paaren und eingetragenen Lebenspartnerschaften ein Zugang zu Bundesmitteln ermöglicht wird“, wie sie dieser Zeitung sagte. Laut SPD ist dies auch geplant.

Die aktuelle Mischfinanzierung mit ihren großen Lücken ist auch eine Folge des großen Erfolgs der Reproduktionsmedizin in den vergangenen Jahren. Im Jahr 2004, als sich erstmals mehr als 40 000 Frauen behandeln ließen, erreichten die Ausgaben einen vorläufigen Höhepunkt. Neue Methoden wie die Mikro-Injektion von Spermien in Eizellen wurden gebräuchlicher. Aus Kostengründen verabschiedeten sich die gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen der Gesundheitsreform von dem Prinzip, in der Regel 100 Prozent der Kosten zu übernehmen.

Anja Graef würde jedoch auch von einer verbesserten Bundesförderung nicht profitieren. Denn mit ihren damals 40 Jahren wäre sie bereits jenseits der Altersgrenze gewesen. Die Begründung lautet, dass mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung deutlich abnimmt.

Die Frau aus dem Rheinland durchlitt schwere Zeiten, vor allem, als sie bei einem ihrer Versuche mit Zwillingen schwanger war und sie kurz vor dem fünften Monat verlor. Ihr half, dass sie zwei Selbsthilfegruppen gründete und andere Frauen und Paare fand, mit denen sie über ihre Erfahrungen sprechen konnte. „Es ist auch wichtig, dass man einen Partner hat, mit dem man sich austauschen kann. Denn es besteht immer die Gefahr, dass eine Partnerschaft an den Problemen zerbricht“, sagt sie.

Obwohl ihr die Ärzte nicht helfen konnten – am Ende fand die inzwischen 46-Jährige doch noch ihr Familienglück. „Wir haben mittlerweile zwei wunderbare Pflegekinder“, erzählt sie. „Für diese zwei Geschenke bin ich unendlich dankbar.“

Hintergrund

Viele Frauen nehmen die Dienste der Fortpflanzungsmedizin in Anspruch. Die gebräuchlichsten Methoden:

Samenübertragung (Insemination): Der männliche Samen wird aufbereitet und in Gebärmutter, Gebärmutterhals oder Eileiter injiziert.

Befruchtung im Reagenzglas (IVF): Sperma wird mit der Eizelle zusammengebracht. Die befruchtete Eizelle kommt in die Gebärmutter.

Mikro-Injektion ICSI: Die Samenzelle wird direkt in eine Eizelle injiziert.

Zuschüsse: Bei Verheirateten übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen in der Regel 50 Prozent der Kosten. Versicherte bezahlen pro Behandlungszyklus zwischen rund 100 Euro (Samenübertragung) und rund 1000 Euro (ICSI). Hinzu kommen unter anderem Medikamentenkosten. Damit die gesetzlichen Kassen bezahlen, müssen Frauen zwischen 25 und 39 Jahren alt sein, Männer zwischen 25 und 49. Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen beteiligen sich am Bundesprogramm von 2012, bei dem der Staat Zuschüsse in Höhe von in der Regel 25­ Prozent der Gesamtkosten zahlt. (Quellen: Berufsverband der Frauenärzte, www.berliner-kinderwunsch.de)⇥(mg)

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